Gerstetten / Christine Weinschenk Die Nutzung des Gerstetter Dorfautos war zu gering. Damit endet das Projekt Elektro-Carsharing auf dem Land – allerdings nur in Gerstetten.

Geduldig wartete der Elektro-Nissan auf Fahrer. Seit November 2017 an seinem Stammplatz vor dem Gerstetter Rathaus. Überwiegend vergeblich. „Die Resonanz war leider sehr mickrig“, sagt Personalamtsleiter Markus Röhrer. „Es gab Monate, in denen hatten wir eine Auslastung von ein bis zwei Prozent.“ Zu wenig für den Anbieter, das Mutlanger Autohaus Baur, das sich auf Carsharing und Elektroautos spezialisiert hat. „Das Ganze war als Pilotprojekt auf zwei Jahre angelegt und der Anbieter wird es nicht weiterführen.“

Reimund Baur, Geschäftsführer des Autohauses, bestätigt: „Das Interesse war eingeschränkt und deshalb war ein wirtschaftlicher Betrieb für uns nicht möglich. In Abstimmung mit der Gemeinde wird der Wagen noch im August abgezogen.“ Durchschnittlich lag die Auslastung des Nissan pro Monat bei 3,1 Prozent, was etwa 30 Stunden Fahrzeit entspricht. Die Gewinnschwelle für den Carsharing-Anbieter liegt jedoch bei einer Auslastung zwischen 10 und 15 Prozent. „Bei 20 Prozent wird es wirtschaftlich sinnvoll für uns“, erläutert Baur. In anderen Städten und Gemeinden wird das offenbar auch erreicht. „In Städten haben wir Auslastungen von bis zu 35 Prozent. Im ländlichen Raum sind es derzeit bis zu 18.“

Warum hat es in Gerstetten nicht geklappt? Baur hat keine wirkliche Erklärung. „In manchen Gemeinden ist das Dorfauto ein Selbstläufer, aber in Gerstetten wurde es eben nur zwischen einer halben Stunde und einer Stunde pro Tag gefahren.“ Seine Einschätzung: „Es braucht eine bestimmte Clique oder einen Verein, der es mitnutzt.“ Um für Vereine oder Firmen attraktiver zu sein, habe man der Gemeinde deshalb auch vorgeschlagen,  statt des Nissan Leaf einen Neunsitzer anzubieten. „So hätte man eventuell mehr Resonanz erzielen könnten.“ Das Interesse an einer weiteren Carsharing-Testphase war aber offenbar gering.

„Das Konzept wird ausgebaut“

Elektro-Mobilität in Verbindung mit Carsharing sei ein Thema, das in der Bevölkerung noch nicht ganz angekommen ist, sagt Reimund Baur. Er glaubt jedoch an dessen Zukunft. „Das Konzept bleibt und wird auch weiter ausgebaut.“ Noch im September würden sechs neue Fahrzeuge an Gemeinden im süddeutschen Raum übergeben. In Städten, wo immer mehr Menschen auf ein eigenes Auto verzichten, sei das E-Carsharing bereits eine gut genutzte Alternative. „Auf dem Land hat man aber in der Regel ein Auto in der Garage.“ Als Alternative fürs Erstfahrzeug sieht Baur das Modell auch mittelfristig nicht. Es gehe vielmehr um den Zweit- oder auch Drittwagen einer Familie, der durch das Angebot eingespart werden könnte. „Im Fall von Gerstetten hätte man mit dem Dorfauto 15 000 Kilometer pro Jahr fahren können und wäre unter den Vollkosten eines eigenen Kleinwagens geblieben. Also inklusive Unterhalt, Kraftstoff, Steuer und Wertverlust.“

Für Gerstetter, die sich für das Dorfauto registriert haben, hat Baur eine gute Nachricht: „Die Chipkarte ist weiterhin bundesweit nutzbar. Wenn ich etwa mit dem Zug nach Hamburg fahre, kann ich vorher online nachschauen, ob ein Auto dort bereitsteht und es reservieren.“ Die Suche nach Standorten bzw. Fahrzeugen läuft über das Portal www.drive-carsharing.de

Bürgermeister Roland Polaschek bilanzierte in der jüngsten Gemeinderatssitzung: „Jeder wollte Carsharing und keiner hat es genutzt, außer Gemeindemitarbeitern für geschäftliche Fahrten. Das zeigt, dass man nicht auf jeden Zug aufspringen sollte.“ Sigrun Nagel (Grüne) sah nicht das mangelnde Interesse der Bevölkerung an solchen Angeboten als Grund für die geringe Nutzung, sondern Abrechnungsprobleme. „Es hat immer wieder falsche Abrechnungen gegeben und dann musste man nachhaken. Da ist einem der Spaß daran natürlich schnell vergangen.“ Reimund Baur widerspricht. In der Anfangsphase habe es ein paar wenige Fehlabrechnungen gegeben, aber diese seien in ihrer Anzahl nicht relevant gewesen.

Dorfautos in anderen Gemeinden

In Gerstetten wird das Dorfauto abgeschafft. In anderen Gemeinden wird eines angeschafft. In Steinheim hat man im September vergangenen Jahres beschlossen, im Hauptort und den beiden Teilorten Söhnstetten und Sontheim jeweils ein Elektrofahrzeug zum Mieten anzubieten. In Hermaringen fiel die Entscheidung im November ebenfalls positiv aus und in Niederstotzingen gibt es das Angebot seit Dezember 2018. Nur in Sontheim hat sich der Gemeinderat nach ausgiebiger Diskussion unlängst gegen ein Dorfauto entschieden.

Das Autohaus Baur bietet Carsharing-Lösungen im süddeutschen Raum an. 70 Fahrzeuge werden insgesamt betreut – 40 davon in ländlichen Regionen. Tendenz steigend. Vom Autohaus übernommen wird die Verwaltung, Pflege und Wartung. chw