Zurzeit lebe ich, Veronika Haberkorn, am südwestlichen Zipfel der französischen Schweiz, wo ich gerade mein Masterstudium im Bereich Mehrsprachige Kommunikationstechnologien an der Universität Genf absolviere.

Begeistert startete ich im Sommer 2019 in meinen neuen Lebensabschnitt, mit Ausbruch der COVID-19-Pandemie hat sich mein Studium jedoch vollständig an meinen Schreibtisch zu Hause verlagert. Von dort aus höre ich mir meine Vorlesungen an, halte mit Videotelefonaten Kontakt zu meinen KommilitonInnen und lege sogar meine Prüfungen ab.

Nur kurz etwas Normalität

Nur im Herbst kehrte für etwa einen Monat etwas Normalität in den Uni-Alltag ein, die Studierenden und Lehrenden konnten mit Maske, regelmäßiger Desinfektion und angemessenem Abstand in die Vorlesungssäle zurückkehren, bis die zweite Welle alles wieder rückgängig machte. Das Studium geht trotzdem weiter - für meine anstehende Masterarbeit bin ich an einem Projekt mit dem Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) über die automatische Post-Edition von Untertiteln in Fernsehbeiträgen beteiligt. Egal ob virtuell oder vor Ort, ich freue mich auch auf diese Erfahrung.

Doch wie hat es mich eigentlich in die französischsprachige Schweiz verschlagen? Weil ich schon immer gerne Fremdsprachen lerne und spreche, machte ich mein Abitur am Schillergymnasium unter Anderem in Französisch. Während meines Studiums der Technischen Redaktion und Kommunikation an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften München lernte ich dann nebenbei Chinesisch und etwas Spanisch.

Nachdem ich meine Bachelorarbeit in Kooperation mit der Carl Zeiss Microscopy GmbH abgeschlossen hatte, arbeitete ich zunächst als Technische Redakteurin bei einer Medizintechnikfirma in München. Dort erstellte ich technische Dokumentation und Montageanweisungen für Augenlasersysteme hauptsächlich in englischer Sprache. In diesem relativ unbekannten Berufszweig fand ich die für mich perfekte Kombination aus Sprache, Kreativität und Technik, interessierte mich aber zunehmend auch für den nachgelagerten Übersetzungsprozess.

Die Wahl fiel auf Genf

So entschloss ich mich, meine Kompetenz dahingehend mit einem Masterstudium zu erweitern. Gerne durfte es dafür auch ins europäische Ausland gehen, denn ich wollte gerne an mein Auslandssemester in der rumänischen Hauptstadt Bukarest anknüpfen, wo ich die positive Erfahrung machte, 4 Monate in einem anderen Land zu leben und Freundschaften mit Menschen aus ganz Europa zu knüpfen. Zusammen mit meinem Freund Nicolas, der durch seine wissenschaftliche Karriere als Physiker auch mit Menschen aus aller Welt zusammen forscht, fiel die Wahl schließlich auf das internationale Genf.

Dort erfüllt sich Nicolas nun seinen Traum als Stipendiat bei der europäischen Organisation für Kernforschung (CERN), während ich mein Masterstudium an der Universität Genf absolviere. Mir war klar, dass das Studium in französischer Sprache eine Herausforderung sein würde. Jedoch konnte ich mir die Sprache durch die Teilnahme am Austausch der Partnergemeinden Gerstetten und Cébazat, einer Stadt in der französischen Auvergne, seit der Schulzeit „warm“ halten. Zusätzlich half mir ein Sommer-Sprachkurs in Genf bei der Vorbereitung auf mein Studium und ermöglichte mir gleich, die Stadt mit anderen Mitstudierenden zu erkunden.

Während des ersten Semesters an der Universität verflogen dann auch die letzten Hemmungen, Französisch zu sprechen, denn in meinem Masterstudiengang an der Fakultät für Übersetzen und Dolmetschen studiere ich mit KommilitonInnen aus verschiedenen Ländern zusammen, die ebenfalls wie ich Französisch nicht als Muttersprache sprechen.

Die Universität spiegelt also die Schweiz selbst wider, denn hier gibt es 4 offizielle Sprachen - Deutsch, Französisch, Italienisch und Bündnerromanisch. Speziell in Genf jedoch trifft man auf der Straße auch noch Menschen etlicher weiterer Muttersprachen. Dank UNO, WHO und anderer dort angesiedelter internationaler Organisationen leben und arbeiten dort Menschen aus aller Welt. Damit hier die Verständigung funktioniert, hat jeder mindestens eine Übersetzungs-App auf dem Smartphone. Der perfekte Ort also, um sich neben dem klassischen Übersetzungsmanagement auch mit den Grundlagen maschineller Übersetzung zu befassen.

COVID-19 bremst die Musik aus

In dem Bewusstsein, dass Musik eine internationale Sprache ist, bin ich gleich zu Anfang meines Studiums 2019 dem Chor und dem Orchester der Universität Genf beigetreten, um auch in meiner neuen Umgebung durch das gemeinsame Musizieren, wie zuvor in Ensembles wie dem Neuen Kammerchor, der Jungen Philharmonie Ostwürttemberg oder zuletzt dem Chor und Orchester der Hochschule München, Anschluss zu finden.

Auch dabei machte mir leider die COVID-19 Pandemie einen Strich durch die Rechnung – gerade als wir nach dem ersten Konzert am Genfer Nationalfeiertag traditionell gemeinsam die „Marmite de l’Escalade“, einen aus Schokolade geformten Suppentopf, zerbrochen hatten und die ersten Kontakte durch die Musik geknüpft waren, wurden alle Freizeitaktivitäten lahmgelegt.

Wanderungen im Jura und Montblanc-Gebirge

Sogar das Wahrzeichen der Stadt Genf, der Jet d’eau, eine 140 Meter hohe Wasserfontäne im Genfer See, wurde zwischenzeitlich als Mahnung zur Einhaltung der Kontaktbeschränkungen abgestellt. Zum Glück waren wunderschöne Wanderungen im nahegelegenen französischen Jura und im Montblanc-Gebirge weiterhin möglich. Genf besitzt nämlich nicht nur eine schöne Altstadt, die man wunderbar zu Fuß oder mit den kleinen Taxi-Booten vom Genfer See aus erkunden kann, sondern liegt auch in einer wunderschönen Umgebung. So wird mir mein Auslandsstudium in der Schweiz trotz den vielen Einschränkungen dieses Jahr sicherlich in guter Erinnerung bleiben.