Ich habe schon an vielen Orten auf diesem wunderschönen Planeten gewohnt, aber das Gefühl, irgendwo längerfristig bleiben zu wollen, hatte ich bislang noch nie. Und dann kam Neuseeland...

Dabei habe ich die Reise wie immer ganz unbedarft begonnen: mit einem letzten „Working Holiday“, bevor es mir die Altersbeschränkungen verbieten würden. Ich hatte schon Bekannte vor Ort, eine Freundin aus England, die ich beim Tauchen auf Gili Trawangan kennen gelernt hatte und die meine engste Wandergefährtin wurde im Land des Herrn der Ringe.

Und einen original „Kiwi“ - so nennen sich die Neuseeländer selbst, nach ihrem Nationalvogel –, mit dem ich in Australien und an der Sunshine Coast gemeinsam gewohnt hatte.

Mir war der Anfang also ziemlich leichtgemacht, ich wurde in Nelson am Flughafen abgeholt und gleich auf die erste Abenteuerreise mitgeschleppt. Sieben Tage im Nelson Lakes Nationalpark auf Wandertour im Busch, weit entfernt von jedweder Zivilisation und Handyempfang. Wovon da nachts noch träumen?

Ich habe das gesamte vergangene Jahr in Nelson gelebt und gearbeitet - dem sonnigsten Ort in Neuseeland – und dabei Land und Leute lieben gelernt. Die Welt scheint sich dort ein bisschen langsamer zu drehen.

Vielleicht, weil das Land so isoliert ist oder die Bevölkerung vergleichsweise klein. Alles ist überschaubar und es wird sich noch gekümmert. Die Arbeit ist nicht identitätsstiftend, sondern Mittel zum Zweck. Und nach Feierabend verbringt man seine Zeit draußen beim Sporteln oder in der Stadt in den unzähligen Bars und Restaurants.

Kiwis sind sehr gesellige Menschen. Kinder lernen in der Schule Moutainbiken und Klettern und Amazon gibt es einfach nicht. Ein Neuseeländer geht in die Stadt zum Einkaufen und der Einzelhandel (über)lebt. Das hat natürlich auch seine Nachteile: das Leben ist ganz schön teuer. Aber für das Wesentliche reicht es gut und im Wesentlichen stellt mich das zufrieden.

Dann kam 2020, das Jahr der Pandemie. Der erste Lockdown in Aoteaora (NZ) war ein strenger. Ich durfte mich über fünf Wochen hinweg mit niemandem außerhalb meiner WG treffen und mit dem Auto nur zum nahegelegensten Supermarkt fahren.

Abgesehen von Lebensmitteln konnte man auch nichts erstehen, nicht mal im Internet, nicht einmal Take-Away Gerichte. Eine wahrhaft besinnliche Zeit, die ich größtenteils auf dem netten kleinen Berg vor meiner Haustüre verbracht habe oder auf langen Spaziergängen am Strand. Es war hart, vor allem auch, weil Freunde und Familie zu Hause in Deutschland so viel mehr Freiheiten hatten.

Erstaunlicherweise war die neuseeländische Regierung solidarisch genug, mir trotz meines Ausländer-Status Ausgleichszahlungen für den Ausfall meines Gastrojobs zu entrichten. Und nach dem harten Lockdown war Corona so schnell vergessen, wie es gekommen war. Bars und Restaurants hatten wieder geöffnet: mit Restriktionen zuerst, aber schnell auch ohne. Sogar Clubs nahmen den Betrieb wieder auf und Neuseeland erlaubte die ersten Großveranstaltungen weltweit, weil die globale Pandemie hier kein Thema mehr war.

Mittlerweile bin ich für mein Aufbaustudium zurück in Deutschland, aber auch verliebt und verankert im Land der Kiwis und Wakas, Keas und Pinguine, Delfine und Seelöwen.

Ich habe tolle Freunde auf der anderen Seite der Welt gefunden und einen einzigartigen Partner in Crime. Und auf lange Sicht möchte ich zurück dorthin, auswandern, wo ich mich nicht wie in der Heimat zwischen Alpen und Meer entscheiden muss, sondern beides direkt vor der Haustüre liegen habe.

Jedes Jahr berichtet die Redaktion im Rahmen von „Brücken in alle Welt“ über Menschen aus dem Kreis Heidenheim, die im Ausland leben. Hier lesen Sie alle Artikel.