Gerstetten / Ulrich Bischoff Mit vier Gesangvereinen war Gerstetten Ende des 19. Jahrhunderts eine wahre Hochburg der Sangeskunst.

Bei Aufräumarbeiten auf einem Dachboden wurde es gefunden, das Foto mit den 36 stimmfesten Männern, die nach einem erfolgreichen Wertungssingen ein Fässchen Bier gewonnen hatten. Concordia 1869 steht auf ihrer Fahne und 1898 hat der Sängerwettstreit stattgefunden. Die Chronisten gehen davon aus, dass es sich um Männer von der „Halde“ und damit um Abtrünnige handelt. Das wirtschaftliche Gefälle zwischen der „armen Halde“ und dem wohlhabenderen Dorf muss unterschwellig eine Rolle gespielt haben, als sich die Männer von der Halde mit ihren Sängerkameraden vom Unterdorf in die Haare kriegten, sich vom Liederkranz trennten und unter dem stolzen Namen Concordia 1866 einen eigenen Gesangverein gründeten.

Den Vater der Gerstetter Sangeskunst, Schulmeister Johann Georg Fink, mussten Streit und Trennung schwer getroffen haben. War er es doch, der schon seinen Schülern den vierstimmigen Chorgesang beigebracht hatte, später darauf aufbauen konnte, 1833 den Liederkranz aus der Taufe hob und für sein musikpädagogisches Schaffen wiederholt gelobt und ausgezeichnet wurde.

Besonders ärgerlich für den Chorleiter: Mit den Männern von der Halde waren ihm eine ganze Reihe herausragend guter Sänger von der Fahne gegangen. Der vierstimmige Männergesang, die Kenntnis der Notenliteratur und das Vom-Blatt-Singen hatten sie schließlich bei ihm gelernt. Auf der Halde aber, so eine gängige Dorfweisheit „laufen schon die Hühner anders“. Trotz allem Spott: Die Concordia ging ihren Weg, entwickelte ein reges Vereinsleben und sammelte als Chorgemeinschaft Preise und Auszeichnungen.

Der Schönheit des mehrstimmig gesungenen Liedes erlagen noch weitere Sänger und hoben neben Liederkranz und Concordia die Germania Gerstetten aus der Taufe. 32 Jahre lang konkurrierte sie mit den beiden etablierten Chorgemeinschaften, musste aber 1900 ihre Auflösung vermelden. Der Rest der Germania-Sänger trat zur Concordia über.

Beeindruckt von der Sangeskunst seiner Schäfchen gründete Pfarrer Hailer dann den vierten Verein und nannte ihn „Alp-Gesang-Verein“. Der, so vermuten die Chronisten, vor allem aus Lehrern bestand. Mit vier Gesangvereinen war Gerstetten unversehens zu einer Hochburg der Sangeskunst geworden, wenngleich der kirchlich geprägte Alp-Gesang-Verein schon bald wieder aus den Protokollen verschwand.

Frauen ausgeschlossen

Bis 1908 war Frauen die Mitgliedschaft in Vereinen und die Teilnahme an Festen untersagt. Unter König Wilhelm II. aber durften sie von nun an feiern und mitsingen. Anfangs zögerlich entstanden gemischte Chöre wie überhaupt eine gewisse Verweltlichung nicht mehr aufzuhalten war. Neben den vaterländisch geprägten Liedern wurde Friedrich Silcher mit seinen harmonisch, schlichten Kompositionen für viele Chöre zum auserwählten Komponisten. Das „Ännchen von Tharau“ erreichte im 19. Jahrhundert Volkslied-Status.

Auferstehung in den 1950ern

Als Folge der beiden Weltkriege war der Chorgesang auf der Alb fast ganz zum Erliegen gekommen. 1944 rettete der Gerstetter Tierarzt Dr. Otto Siegel, was zu retten war, und vereinigte Liederkranz und Concordia zum Männergesangverein Gerstetten. In den 1950er-Jahren sollte die Gerstetter Sängertradition wieder auferstehen. 1947 gab es das erste Konzert, 1948 wurde der Frauenchor ins Leben gerufen. Dem Musikpädagogen Ludwig Härle gelang es, neue Akzente zu setzen. Mit dem Singspiel „Preciosa“ und weiteren anspruchsvollen Kompositionen hatte das Kunstlied Eingang gefunden. Heute pflegt der Gesangverein Gerstetten mit „Nota bene“ die einst stolze Tradition weiter.