Eglingen / Christine Weinschenk Mario Hopp ist Heilpraktiker und Präsident der Hahnemannia – dem Dachverband der homöopathischen Vereine Deutschlands. Im Interview spricht der Eglinger über die bekannten Kügelchen und ihre Kritiker.

Überzeugungstäter. Der Begriff ist vielleicht etwas überstrapaziert. Aber auf Mario Hopp trifft er zu. Im Januar ist er 40 geworden. Seinen Geburtstag verbrachte er in Paris. Er ließ den Louvre links liegen und besuchte stattdessen das Grab von Samuel Hahnemann – dem Begründer der Homöopathie.

Herr Hopp, sind Sie abergläubisch?

Nein, bin ich nicht.

Sind es Ihre Patienten?

Auch nicht. Die sind eher skeptisch, wenn sie zu mir kommen.

Warum?

Die meisten haben eine chronische Erkrankung und sind schulmedizinisch austherapiert. Manche wurden sogar schon auf der psychosomatischen Schiene behandelt. Als letzte Möglichkeit suchen sie dann den Heilpraktiker auf.

Sie sind also der letzte Strohhalm.

Für viele, ja.

Das ist eine große Verantwortung.

Richtig. Deshalb ist es für Patienten wichtig, einen seriösen Therapeuten aufzusuchen.

Woran erkennt man den?

Man sollte darauf achten, dass er seine Ausbildung an einer zertifizierten Schule gemacht und Fortbildungen besucht hat. Das Wichtigste ist aber die Aufklärung des Patienten. Als Heilpraktiker muss man wissen, wo die eigenen Grenzen sind.

Schnelle Heilungsversprechen sind also immer schlecht?

So könnte man sagen. Niemand auf der Welt kann Heilung versprechen, er wäre ein Scharlatan.

Wo sind denn die Grenzen der Homöopathie? Krebs sollte ja sicher nicht mit Globuli behandelt werden  . . .

Das wäre fahrlässig. Die Homöopathie kann gefährlich sein, wenn der Therapeut seine Grenzen nicht kennt. Mein Bestreben ist immer, dass parallel gefahren wird. Schul- und Alternativmedizin kombiniert. Beides hat seine Berechtigung.

Aber woher weiß man, was gewirkt hat, wenn man beides kombiniert?

Das ist oft die Frage. Klar ist, dass wir die Schulmedizin brauchen. Gerade bei gewissen Erkrankungen, etwa bei bakteriellen oder viralen Infektionen. Aber mit der Naturheilkunde können wir auch hier unterstützen und etwa Nebenwirkungen wegtherapieren. Die Bevölkerung schreit nach integrativer Medizin. 60 Prozent der Deutschen haben schon mal ein homöopathisches Arzneimittel eingenommen. Tendenz steigend. Der mündige Patient möchte selbst über die Therapie entscheiden.

Der Patient ist in der Regel ein Laie. Viele nehmen Globuli ein, weil sie denken, dass sie damit zumindest keinen Fehler machen können . . .

Das stimmt so nicht. Die Homöopathie ist nicht ohne Nebenwirkungen. Gerade was die tiefen Potenzen angeht, also etwa D4 oder D6. In diesen ist der Wirkstoff noch materiell nachweisbar. Wenn man die häufig benutzt, bekommt man Symptome, gegen die das homöopathische Präparat eigentlich wirken soll.

Die Potenzen sind in der Homöopathie ein großes Thema. Es gilt: je höher, desto stärker die Wirkung. Das Absurde ist aber: Je höher die Potenzen sind, desto höher ist die Verdünnung. Bei einer C30 ist es in etwa so, als würde man eine halbe Aspirintablette im Atlantik auflösen . . .

Man kann in den hohen Potenzen wirklich keinen Wirkstoff mehr nachweisen. Trotzdem haben sie große Wirkung.

Aber wenn ich weniger Pulver in meinen Kaffee gebe, erwarte ich ja nicht, dass er stärker wird. Auch nicht, wenn ich ihn schüttle, bevor ich ihn trinke.

Der Begriff dafür ist wissenschaftliche Anomalie. Es gibt bisher keine wissenschaftliche Studie, die das Wirkprinzip erklären kann. Aber es gibt viele Phänomene, die noch ungeklärt sind. Die Homöopathie ist über 200 Jahre alt. Sie wird in 80 Ländern genutzt, etwa in Indien werden täglich Millionen Menschen damit therapiert. Es ist eine Erfahrungsmedizin. Und die Patienten sind nur dann von einer Therapieform überzeugt, wenn sie ihnen auch hilft.

Bevor ein neues Arzneimittel auf den Markt kommt, muss ein Wirk­nachweis geliefert werden. Bei homöopathischen Präparaten ist das anders, sie sind davon ausgenommen. Nicht einmal in der Packungsbeilage der Globuli steht eine Indikation. Heißt das, dass selbst die Hersteller nicht wissen, wogegen ein bestimmtes Präparat wirkt?

Ein homöopathisches Medikament wirkt erst dann, wenn es wirklich zum Beschwerdebild passt. Daher braucht man die medizinische Indikation nicht draufzuschreiben, weil es ganz individuell ist. Der eine bekommt zum Beispiel Belladonna bei einer Halsentzündung, der andere bei einer Venenentzündung.

Kritiker bezeichnen die Homöopathie als Pseudomedizin, Glaubenslehre und Humbug.

Man muss auch immer schauen, woher die Kritik kommt. Die Bevölkerung gibt sich nicht mehr nur mit der Schulmedizin zufrieden und daher kommt sie immer mehr in Bedrängnis. Der Vorwurf der Kritiker ist immer, dass die Wirkung nicht über die eines Placebos hinausgeht. Es gibt aber sehr wohl Studien, die das Gegenteil belegen.

Es gibt wohl mehr Studien, die die Wirkung anzweifeln.

Ein homöopathisches Mittel ist nicht so einfach in Studien vergleichbar wie ein schulmedizinisches Präparat. Wenn ich 150 verschiedene Probanden mit demselben Beschwerdebild habe, heißt das noch lange nicht, dass ich bei den 150 das gleiche homöopathische Mittel verwenden kann. Die Mittel wirken individuell. Deshalb ist die Anamnese so wichtig.

Eine Anamnese dauert bei einem Homöopathen bis zu vier Stunden. So viel Zeit kann sich wohl kein Arzt nehmen. Geht nicht von diesem Gespräch die heilende Wirkung aus?

Auch. Aber nicht nur. Wir haben ein sehr enges Patienten-Therapeuten-Verhältnis. Das war früher bei den Hausärzten auch noch so. Aber heute will kaum ein Arzt noch eine Hausarztpraxis eröffnen. Die Frage ist, warum?

Weil es nicht lukrativ genug ist?

Und weil sich viele nicht mehr die Probleme der Patienten anhören wollen.

Also bräuchte man keine Heilpraktiker mehr, wenn es mehr Hausärzte mit Zeit und offenem Ohr geben würde?

Es gibt 54 000 praktizierende Heilpraktiker in Deutschland. Das zeigt schon, dass es eine große Lücke im Gesundheitssystem gibt. Hätte die Schulmedizin nicht solche Defizite, würde es auch weniger Heilpraktiker geben. Wie gesagt: Der mündige Patient entscheidet heute einfach selbst.

Die Bevölkerung hat also mit den Füßen abgestimmt. Und weil Apotheken ihre Kunden und Krankenkassen ihre Versicherten nicht verlieren wollen, hat die Homöopathie diese Sonderstellung in Bezug auf den Wirknachweis?

Wenn die Homöopathie nicht wirken würde, wäre sie schon längst in Vergessenheit geraten. Die Nachfrage ist trotz massiver Kritik da und die Umsatzzahlen steigen. Es gibt im Übrigen auch genügend Studien, die zeigen, dass manche schulmedizinischen Präparate nicht viel mehr wirken als ein Placebo. Darüber spricht nur keiner. Hinter der Schulmedizin steckt eine riesige und mächtige Pharmaindustrie, die auch auch viel mehr Geld in eigene Studien stecken kann.

Es sind doch auch Pharmakonzerne, die Globuli herstellen. Damit werden doch auch Millionen verdient.

Das stimmt. Aber das ist kein Vergleich zum Milliardengeschäft mit der Schulmedizin.

Das ist Mario Hopp

Mario Hopp ist verheiratet, hat zwei Kinder und ein Pflegekind. 2009 hat er eine dreijährige Ausbildung zum Heilpraktiker abgeschlossen. Bereits ein Jahr später machte sich der heute 40-Jährige mit einer Praxis in Eglingen selbstständig. Er war Quereinsteiger und arbeitete zuvor in Vollzeit bei Edelmann in Heidenheim als Drucker. 2013 wurde Hopp Vorsitzender des Nattheimer Vereins für Lebenspflege und Homöopathie. Seit drei Jahren ist er nun Präsident der Hahnemannia, dem Dachverband der homöopathischen Vereine Deutschlands. Die Hahnemannia wurde 1986 in Stuttgart gegründet und hat bundesweit rund 4000 Mitglieder. chw