30 Jahre sind vergangen, seit die damalige Eckartsberger Bürgermeisterin Birgit Pfennig aus dem östlichen Zipfel Sachsens in den östlichen Zipfel des Landkreises Heidenheim nach Dischingen fuhr und dort die Fühler nach einer möglichen Partnergemeinde ausstreckte. Es entwickelte sich eine Partnerschaft, die nun drei Jahrzehnte besteht.

Nach Dischingen hatte es Birgit Pfennigs früheren Nachbarn Werner Röllig samt Familie verschlagen. In den Achtzigerjahren hatte die Staatssicherheit der DDR Röllig abgeholt und Monate später erst erfuhr seine Frau, dass ihr Mann in Dresden im Gefängnis saß. 1985 wurde er durch die Bundesrepublik freigekauft und die Familie in den Westen abgeschoben.

So wurde, wie unlängst die „Sächsische Zeitung“ schrieb, die Stasi zum Wegbereiter der Partnerschaft zwischen Dischingen und Eckartsberg, das seit 1994, dem Jahr der Kommunalreform, ein Teil von Mittelherwigsdorf ist. Birgit Pfennig ist heute Hauptamtsleiterin und Markus Hallmann der jetzige Bürgermeister eines Ortes mit 3634 Einwohnern.

In Dischingen traf Pfennig auf den damaligen Bürgermeister Bernd Hitzler, der sich offen zeigte für eine Partnerschaft – zumal ja Baden-Württemberg nicht bloß mit seiner Kommunalverfassung den Sachsen beim Aufbau kommunaler Strukturen nach der Wende half.

Unweit von Mittelherwigsdorf, in Niesky, war der damalige Bürgermeister Karl Burr aus Königsbronn „Aufbauhelfer“. Hitzler lud die Mitglieder des Runden Tischs aus Eckartsberg aufs Härtsfeld ein und hatte – typisch Hitzler – dabei den Spruch geäußert: „Bringen Sie noch zwei Leute mit, aber ja keinen Roten.“

Peter Donath und Frank Heidrich reisten mit Birgit Pfennig an, waren Gast im Dischinger Gemeinderat und man lernte sich kennen. Zur Wiedervereinigungsfeier reisten die Dischinger mit
18 Personen an. Und so folgten mit den Jahren viele weitere Begegnungen – bis hin zu jener, dass Pfennigs Trabbi (Baujahr 1962) zum Hochzeitsauto für die Dischinger Hauptamtsleiterin mit Demmingens Ortsvorsteher wurde: Martha und Stefan Kragler reisten im knatternden Trabant ins Eheglück. Und weitere 30 Fahrzeuge fuhren hinterher.

Kürzlich weilte wieder eine Dischinger Delegation in Mittelherwigsdorf und erhielt eine Gemeindefahne als Geschenk. Bürgermeister Alfons Jakl überreichte seinem Amtskollegen eine Uhr, die als Hintergrund den Dischinger Marktplatz zeigt.

Großes Besuchsprogramm

Es wurde den Gästen zum 30-Jährigen viel geboten. Beim „Sächsisch-Schwäbischen Fünfkampf“ lieferten sich die beiden Achterteams ein Kopf-an-Kopf-Rennen, das knapp für Dischingen ausging. Besucht wurden die Krabat-Milchwerke, wo 280 Kühe für die Milchgewinnung gehalten und hochwertige Käseprodukte hergestellt werden. Nach dem Besuch der im Bau befindlichen Jakubszburg folgte eine Abendeinkehr in Zittau, die der Vertiefung der Freundschaft diente.

Am Einheitstag wurden der Lausitzer Findlingspark Nochten sowie die Görlitzer Altstadt besichtigt. Der Abend klang im „Gütchen“ aus, einer Gaststätte mit Bürgersaal in Mittelherwigsdorf. Für rund 2,3 Millionen Euro war das Anwesen saniert worden. Dazu bewilligte der Freistaat Sachsen einen Zuschuss von 1,5 Millionen Euro. Alfons Jakl dankte namens der Mitgereisten den Gastgebern und lud für 2021 zum Gegenbesuch nach Dischingen ein.

Mittelherwigsdorf ist die Muttergemeinde


Görlitz ist nicht weit, Zittau und Herrnhut auch nicht: Bei der Kommunalreform in Sachsen schlossen sich 1994 im Landkreis Görlitz Eckartsberg, Radgendorf, Oberseifersdorf und Mittelherwigsdorf zusammen und sie wählten den Namen des größten Orts zum neuen Dorfnamen. Damals waren es 4003 Einwohner, heute sind es 3634. Die ersturkundliche Erwähnung war 1312.

Keine Probleme gab es damit, dass Dischingen ursprünglich mit Eckartsberg und das badische Neunkirchen mit Mittelherwigsdorf verbandelt waren. Diese Partnerschaften werden heute von den Bürgern der Gesamtgemeinde gepflegt.

Neunkirchen liegt im Neckar-Odenwald-Kreis und hat 1836 Einwohner. 2018 siedelte sich hier aus Karlsruhe die Glockengießerei Bachert an.