Im Einsatz für andere

Was die Steinheimer „Helfer vor Ort“ erleben und warum sie tun, was sie tun

283 Mal war die Steinheimerin Dagmar Schwarz im vergangenen Jahr als „Helferin vor Ort“ im Einsatz. Sie und ihr Kollege Johannes Rimpf wurden dafür jüngst mit der Ehrenmedaille der Gemeinde ausgezeichnet. Das ist aber nicht ihr Antrieb. Sie tun es aus ganzem Herzen und mit voller Überzeugung – trotz teils belastender Erlebnisse:

Johannes Rimpf hat beim Gespräch mit der HZ seinen Notfall-Piepser dabei. Natürlich. Auch Dagmar Schwarz, an deren Küchentisch jenes Gespräch stattfindet, ist an diesem Nachmittag einsatzbereit. Wie eigentlich an jedem der 365 Tage im Jahr und 24 Stunden am Tag. Außer sie sind gerade im Urlaub. Die beiden sind „Helfer vor Ort“ in Steinheim. Und dass sie das mit voller Überzeugung und aus ganzem Herzen sind, das merkt man ihnen an, wenn sie erzählen, was dieses Engagement eigentlich bedeutet.

„Sobald ein Notruf in der Leitstelle in Aalen eingeht und klar ist, dass sich der Einsatzort in Steinheim befindet, werden Rettungsdienst und Helfer vor Ort gleichzeitig verständigt“, erklärt Johannes Rimpf. Da der Rettungswagen aus Heidenheim kommt, die Helfer vor Ort aber im Ort selbst wohnen, ist klar, wer als Erstes am Einsatzort ankommt: Durchschnittlich benötigt das Einsatzteam aus Heidenheim rund zehn Minuten bis zum Ort des Geschehens, ein „HvO“ in Steinheim lediglich drei Minuten und zehn Sekunden.

Acht bis zwölf Ehrenamtliche sind in Steinheim mit Piepser, Notfall-Rucksack und Defibrillator ausgestattet. Wer kann, rückt bei Alarm aus. Für Absprachen bleibt keine Zeit. So kann es auch vorkommen, dass mehrere Helfer eintreffen. „Heute war ich dreimal im Einsatz“, sagt Dagmar Schwarz. Ungewöhnlich viele Einsätze für einen Tag. Sie sagt es dennoch so, als sei das selbstverständlich. Doch die schiere Anzahl von 283 Einsätzen im Jahr macht deutlich, dass das alles andere als selbstverständlich sein kann.

Hilfe für Patienten und Angehörige

Warum also macht man das alles? „Es gibt mir etwas“, versucht Schwarz zu erklären. Und dabei geht es den beiden nicht nur um die Patienten, die bei den Einsätzen medizinische Hilfe benötigen, sondern auch um die Angehörigen, die sich in einer Ausnahmesituation befinden. „Man kann die Familie beruhigen, bis der Rettungsdienst da ist. Man kann da sein und Sicherheit vermitteln. Man nimmt die Vitalwerte, man fragt nach dem Medikamentenplan, nach den Vorerkrankungen und leitet erste Maßnahmen ein.“ Die Angehörigen werden so beschäftigt und für den Rettungsdienst ist einiges an Vorarbeit schon geleistet.

Seit 2014 gibt es die „Helfer-vor-Ort“-Gruppe in Steinheim. Jährlich haben sie zwischen 150 und 320 Einsätze. Steigt da überhaupt noch der Puls, wenn der Piepser losgeht? „Ja, hauptsächlich dann, wenn es um Kinder geht“, sagt Schwarz. „Wobei mich das bei solchen Einsätzen meistens erst im Nachhinein trifft, wenn alles vorbei ist.“ Und auch Rimpf bestätigt: „Auch beim Rettungsdienst ist man sehr angespannt, wenn es um Kinder geht.“

Dagmar Schwarz (56) und Johannes Rimpf (61) von der HvO-Gruppe in Steinheim bekamen für ihr Engagement jüngst die Ehrenmedaille der Gemeinde. Teilweise sind sie mehrmals täglich im Einsatz. Carolin Wöhrle

Hauptberuflich kommen weder Schwarz noch Rimpf aus dem medizinischen Bereich: Die 56-jährige Dagmar Schwarz arbeitet als Speditionskauffrau. Die Zeit, die sie auf Einsätzen verbringt, arbeitet sie am Ende des Tages wieder rein. „Ich kann glücklicherweise viel von zu Hause aus arbeiten, was es natürlich einfacher macht“, erzählt sie. Und: Ihre Arbeitgeberin unterstützt sie in ihrem ehrenamtlichen Engagement. Ähnlich sieht es bei Rimpf aus, der bei Voith Paper als Projektmanager tätig ist. Auch der 61-jährige Maschinenbauer sagt: „Der Arbeitgeber muss da mitspielen, sonst geht es nicht.“ Und ohne Homeoffice gehe es logischerweise auch nicht.

Unter all den Verkehrsunfällen, den Ohnmachtsanfällen zu Hause, den dramatischen Reanimationen gibt es Einsätze, die noch für lange Zeit bei den Helfern bleiben, die sie nachhaltig beschäftigen. Für Dagmar Schwarz war das die Reanimation einer Jugendlichen, die gerade einmal ein Jahr älter war als ihre eigene Tochter. Der Helferin ist auch heute noch anzumerken, wie nahe ihr das ging. Das Mädchen starb später im Klinikum.

Für den gebürtigen Steinheimer Rimpf wird die Nacht des Wentalhallen-Brandes in Erinnerung bleiben. Nicht, weil es Verletzte gab, glücklicherweise nicht. Sondern weil für den TV-Handballer und Hallensprecher in dieser Nacht ein Stück Heimat in Flammen aufging – und weil auf das Drama eine für ihn schier unglaublich große Welle der Hilfsbereitschaft folgte.

Helfer, die man morgens beim Bäcker trifft

Auf der anderen Seite gibt es diese vielen glücklichen Momente, die alles wieder aufwiegen: das Gefühl, geholfen zu haben, Zeichen der Dankbarkeit, die so viel leichter zu zeigen ist, wenn die Helferinnen und Helfer Menschen sind, die im selben Ort wohnen, die man morgens beim Bäcker trifft, aus dem Verein oder aus der Nachbarschaft kennt.

Mit den acht bis zwölf ehrenamtlichen „Helfern vor Ort“ ist die Steinheimer Truppe derzeit gut aufgestellt. In Söhnstetten gibt es eine eigene Gruppe Ehrenamtlicher. Dennoch werden immer Freiwillige gesucht, die sich für ihre Mitmenschen im Notfall einsetzen möchten. „Man darf einfach auf uns zukommen“, sagt Johannes Rimpf.

Die Ausbildung zum „Helfer vor Ort“ umfasst einen Erste-Hilfe- und Sanitätskurs sowie ein Einführungsseminar, in dem Fertigkeiten vom Funken bis zum Fahren mit dem Einsatzfahrzeug gelehrt werden. Und selbstverständlich wird anfangs niemand allein gelassen oder ins kalte Wasser geworfen: Die HvO-Gruppen betreuen auch Veranstaltungen, zu denen die „Azubis“ zu Beginn mitgehen und nach und nach die Versorgung von Patientinnen und Patienten erlernen können.

Vieles an Technik, an Wissen und Handwerk lehrt neben Kursen und Fortbildungen vor allem die Erfahrung – auch was den Umgang mit Menschen in Notfällen und Extremsituationen anbelangt. Zur Routine ist es weder für Rimpf noch für Schwarz geworden. Was genau hinter einer Haustür auf sie wartet, wissen die „Helfer vor Ort“ erst, wenn ihnen die Tür geöffnet wird – nach durchschnittlich drei Minuten und zehn Sekunden.

Einsatzzahlen nehmen zu

Derzeit gibt es 19 Helfer-vor-Ort-Gruppen des Deutschen Roten Kreuzes im Landkreis Heidenheim. 1762 Einsätze hatten sie im vergangenen Jahr, im Durchschnitt 4,8 pro Tag. Laut Johannes Rimpf hat die Anzahl der Notrufe in den vergangenen Jahren erheblich zugenommen, da immer mehr Menschen auch in Fällen die 112 rufen, für die der Rettungsdienst gar nicht zuständig wäre. Neben der bekannten Notrufnummer gibt es noch den ärztlichen Bereitschaftsdienst für Zeiten außerhalb der normalen Praxiszeiten. Er ist zuständig für nicht lebensbedrohliche Notfälle und rund um die Uhr erreichbar unter der Nummer 116117.