Millionenobjekt

Vom Adelssitz zur Immobilie: Schloss Niederstotzingen steht zum Verkauf

Ein Schloss, eine bewegte Geschichte und ein Millionen-Preisschild: Schloss Niederstotzingen sucht einen neuen Besitzer oder eine neue Besitzerin. Die Stadt Niederstotzingen sieht von einem Kauf ab. Was es mit dem Schloss auf sich hat und was es kosten soll:

3,5 Millionen Euro für ein Schloss im Landkreis Heidenheim? Für diese Summe wird derzeit das Schloss Niederstotzingen angeboten. Das historische Schlossensemble im Herzen der Stadt erstreckt sich über rund 41.600 Quadratmeter und steht zum Verkauf. Klingt wie ein Schnäppchen.

Kein Haken bei Millionenpreis

Verantwortlich für den Verkauf ist Schencks Land- und Forstimmobilien GmbH aus Hamburg. Auf Nachfrage der HZ erklärt Geschäftsführer Christoph von Schenck: „Einen versteckten ‚Haken‘ gibt es nicht.“ Das Angebot bestehe im Wesentlichen aus drei Teilen: der Schlosspassage, dem denkmalgeschützten Schlossgebäude und dem weitläufigen Schlosspark.

Die Schlosspassage ist vermietet und generiert damit laufende Einnahmen. Das Schloss selbst befinde sich technisch in einem sehr guten Zustand, erklärt von Schenck. Es sei durchgehend unterhalten und beheizt worden. Dazu habe die Familie Maldeghem beigetragen, die das Gebäude stets in Schuss gehalten habe. Und das, obwohl die Familie Ende der 1970er-Jahre nach Kanada ausgewandert sei. Aufgrund eines Generationenwechsels und weil die Familie keinen Lebensmittelpunkt mehr in Deutschland habe, wolle sie sich nun von dem Schloss trennen.

Eine Firma aus Hamburg übernimmt den Verkauf. Foto: Schencks Land- und Forstimmobilien GmbH

„Natürlich muss man modernisieren“, sagt von Schenck. Abhängig von der künftigen Nutzung seien entsprechende Anpassungen und Modernisierungen erforderlich. Genau diese möglichen Kosten seien bei der Preisgestaltung bereits berücksichtigt worden. Der einzige Teil des Ensembles, bei dem von Schenck einen erheblichen Sanierungs- und Renovierungsbedarf sieht, ist die ehemalige Orangerie im Schlosspark. Auch sie steht unter Denkmalschutz.

„Die Eigentümerseite hat uns ausdrücklich damit beauftragt, bei der Auswahl der Kaufinteressenten auf eine nachhaltige und zukunftsorientierte Nutzung zu achten“, sagt von Schenck. „Die Geschichte von Schloss Niederstotzingen soll fortgeschrieben werden. Das Anwesen soll für die Gemeinde und die Menschen vor Ort ein lebendiger Mittelpunkt sein.“

Schloss mit bewegter Geschichte

Wie im HZ‑Archiv in einem Bericht von Max Hof vom 1. Dezember 2000 nachzulesen ist, reicht die Geschichte des Niederstotzinger Schlosses weit zurück. Am Ort der heutigen Schlossanlage befand sich ursprünglich eine römische Gutsanlage, die der Versorgung des Römerkastells Aquileia diente. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts verfügte der damalige Besitzer Graf Karl Leopold vom Stain den Abbruch der alten Burganlage. An ihrer Stelle ließ er eine dreiflügelige Schlossanlage im klassizistischen Stil errichten.

So sieht es im Inneren des am Ende des 18. Jahrhunderts erbauten Schloss aus. Foto: Schencks Land- und Forstimmobilien GmbH

Als Karl Leopold vom Stain ohne direkte Erben starb, konnte, wie das Landesarchiv Baden-Württemberg berichtet, sein Neffe Joseph Alexander Graf von Maldeghem aus Brüssel das Erbe für sich beanspruchen. Ein großer Teil des Besitzes fiel direkt an ihn, ein weiterer Teil zunächst an die Schwester des verstorbenen Grafen. 1821 kaufte Joseph Alexanders Sohn, Graf Karl Leopold Ludwig von Maldeghem, die stainschen Lehen auf.

Die Nachfahren des Grafen von Maldeghem investierten nach Angaben des Landesarchivs erhebliche finanzielle Mittel in den Erhalt der Schlossanlage. Die zahlreichen Räume wurden über Jahre von der gräflichen Familie teilweise als Wohn- und Schlafzimmer genutzt.

Verkaufsgerüchte und Eiszeittiere

Ein Bericht von Manfred Allenhöfer in der Heidenheimer Neuen Presse vom 1. Dezember 2000 zeigt, dass es nicht das erste Mal ist, dass Verkaufsgerüchte um das Schloss kursieren. Damals gab es das Gerücht, eine große Hotelkette wolle das Schloss der Maldeghems kaufen. Der frühere Bürgermeister Gerhard Kieninger äußerte gegenüber der HNP, dass er bedauere, dass die Stadt „das Schloss nicht erwerben könne, jedenfalls nicht zu den bislang besprochenen Konditionen“.

Eine ganz andere Rolle spielte das Schloss schließlich im Oktober 2007. Damals wurden dort drei kurz zuvor ausgegrabene, aus Mammutelfenbein geschnitzte eiszeitliche Tierfiguren – Mammut, Löwe und Wildpferd – ausgestellt. Das Interesse war enorm: Wie Klaus Dammann am 22. Oktober 2007 in der Heidenheimer Zeitung berichtete, wurden innerhalb von 23 Stunden rund 9000 Besucher bei der Mammut-Sonderpräsentation gezählt.

Stadt sieht vom Kauf ab

Wer das Schloss künftig besitzen wird und welche Pläne mit dem historischen Ensemble verbunden sein könnten, ist damit noch offen. Für die Stadt Niederstotzingen steht allerdings fest, dass das Schloss auch künftig eine wichtige Rolle im Stadtbild spielen soll. „Das Schloss Niederstotzingen ist für die Geschichte und Identität unserer Stadt von herausragender Bedeutung“, sagt Bürgermeister Marcus Bremer. Einen Kauf durch die Stadt schließt er jedoch aus. Denn „die Stadt steht in den kommenden Jahren vor erheblichen Investitionen in ihre kommunale Infrastruktur und die Erfüllung ihrer Pflichtaufgaben. Vor diesem Hintergrund besteht kein finanzieller Spielraum für einen Kauf dieser Größenordnung“, so Bremer.

Schließlich wäre es mit dem Kaufpreis allein ohnehin nicht getan, erklärt das Stadtoberhaupt. Gerade bei einer historischen und denkmalgeschützten Anlage müsse ein Eigentümer auch langfristig für deren Erhalt aufkommen. Neben Investitionen in die Bausubstanz kämen dauerhaft Kosten für Unterhalt, Betrieb und Pflege des gesamten Ensembles hinzu.

Wünsche an neue Eigentümer

Bremer hofft auf einen Käufer, der wirtschaftlich in der Lage ist, die Anlage langfristig zu erhalten, und zugleich Erfahrung mit historischen Immobilien mitbringt. Wichtig sei dabei, die Geschichte des Hauses zu respektieren und sich zugleich mit der Stadt Niederstotzingen zu identifizieren. Auch die bestehenden Nutzungen, insbesondere die Schlosspassage, sollen möglichst gesichert und weiterentwickelt werden.

Zudem kann Bremer sich vorstellen, Teile der Parkanlage künftig wieder für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Grundsätzlich sei die Stadt „unterschiedlichen Nutzungskonzepten“ gegenüber offen. Entscheidend sei, dass das Schloss auch künftig seinen Platz im Stadtbild behält.

Als die Maldeghem-Sammlung unter den Hammer kam

Wie Marc Hosinner am 27. März 1999 in der Heidenheimer Zeitung berichtete, wurden Teile der Maldeghem-Sammlung bei „einem der renommiertesten Auktionshäuser der Welt“, Christie’s in Amsterdam, versteigert.

Die angebotenen Stücke aus der Sammlung des Grafen stammten laut HZ aus den vergangenen 300 Jahren. „Insgesamt wurde für die 609 Stücke der Auktion ein Verkaufswert von etwa sechs Millionen DM erzielt.“ Das entspricht heute etwa 3 Millionen Euro.