Württemberger Ritter

30 Jahre Rittergut Stetten: Wie aus einer Ruine ein Rückzugsort wurde

Im März 1996 unterzeichnete Albrecht Hummel den Kaufvertrag für den Stettener Keller und begann damit eine Transformation, die bis heute andauert.

Trotz des Namens, der anderes suggerieren mag, reicht die Geschichte des Stettener Ritterguts nicht bis ins Mittelalter zurück. Frühestens um das Jahr 1830 kann man beginnen, sie zu erzählen, denn zu jener Zeit baute Graf Maldegem am Waldrand oberhalb von Stetten den Stettener Keller, als Bier- und Fasslager für seine Brauerei in der Ortsmitte. Später folgte ein Biergarten, und ab jener Zeit eine wechselhafte gastronomische Nutzung. Nach dem Zweiten Weltkrieg fand sogar eine Diskothek Platz in den Kellern des Stettener Kellers.

Die Ritter in Stetten hausen seit 30 Jahren in ihrem Rittergut und haben auch weiterhin Ausbaupläne. Zeit für einen Blick ins Innere. Fotos: Rudi Penk

Württemberger Ritter: Ein Blick ins Innere des Ritterguts in Stetten ob Lontal

Seit 30 Jahren residieren die Württemberger Ritter in ihrem Rittergut in Stetten ob Lontal und haben auch weiterhin Ausbaupläne. Zeit für einen Blick ins Innere:
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Stetten ob Lontal
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Ein großer Kämpfer: Ritter und Lonetal-Schmied Albrecht Hummel.
Ein großer Kämpfer: Ritter und Lonetal-Schmied Albrecht Hummel. HZ-Archiv

Das „Mittelalter“ begann schließlich vor ziemlich genau 30 Jahren, nämlich im März 1996. Zu diser zeit unterschrieb Albrecht Hummel, Lonetalschmied und damaliger Vorsitzender der noch jungen Württemberger Ritter, den Kaufvertrag für das Gelände und die Gebäude darauf. Doch damit aus dem Stettener Keller das Rittergut werden konnte, war noch einiges an Arbeit nötig, wie Andreas Windmüller berichtet, der nach dem Tod Hummels im Jahr 2012 zum Vorsitzenden gewählt wurde.

„Wenn man die Arbeitsstunden, die hier geleistet wurden, mit dem Mindestlohn verrechnen würde, wären wir bei einer Investitionssumme im Millionenbereich“, sagt Windmüller. Aber es sei natürlich von Anfang an die Intention gewesen, so viel wie möglich selbst zu machen, und man habe glücklicherweise Fachleute für ganz unterschiedliche Themen in den Reihen der Vereinsmitglieder. Von der Stadt Niederstotzingen erhoffte man sich Unterstützung, doch die war nicht bereit, Geld in den damals noch jungen und vermeintlich unerfahrenen Verein zu investieren.

Andreas Windmüller, auch bekannt als Andreas Le Haziel von Flandern, ist der Vorsitzende der Württemberger Ritter. Rudi Penk

Also packte man an, getreu dem Motto von Herzog Eberhardt I. von Württemberg: „Attempto“, zu Deutsch „Ich wag‘s“. „Dieser Mut von damals begleitet uns bis heute“, sagt Windmüller. Nach und nach – immer, wenn durch Auftritte und andere Aktivitäten wieder etwas Geld zusammengekommen war – ging man die vielen nötigen Sanierungsschritte an. Denn in den vorherigen Jahren hatte sich einiges angesammelt. Windmüller spricht von immer wieder wechselnden Pächtern, die alle auf Dauer nicht Sanierungskosten und Pacht stemmen konnten.

Das zehnjährige Bestehen ihres Vereins konnten die Württemberger Ritter 2002 bereits im (oder wie hier vor dem) Rittergut feiern. HZ-Archiv

Zu den ersten Projekten gehörte eine Erweiterung des westlichen Gebäudes, auch, um das Dach, das damals einen Teil des Innenhofs beschattete, wieder wasserdicht zu machen. Das nächste Thema war die Heizung: „Wir hatten hier eine riesige Ölgebläseheizung mit einem uralten Ölbrenner, die musste natürlich raus“, sagt Windmüller. Auch die Sanitäranlagen befanden sich in einem Zustand, der wohl eher an das Mittelalter als an das 20. Jahrhundert erinnerte.

Danach folgten kleinere Ausbaustufen, die aber einen großen Einfluss auf den Charakter des Gebäudes hatten. Im großen Raum, der heute bei vielen als Rittersaal bekannt ist, wurde etwa die Decke entfernt. Darunter kamen große Lärchenholzbalken zum Vorschein, die deutlich besser zur von den Rittern anvisierten Optik passen. Nach dem Austausch der morschen Balken, dem Sandstrahlen der übrigen und der Installation von Säulen bekam der Rittersaal seinen heutigen Charakter.

Immer wieder zeigten sich die Ritter einfallsreich, wenn es um die Beschaffung von Baumaterial und Einrichtung geht. So bauten sie bereits vor dem Kauf des Ritterguts die alte Tennishalle des Heidenheimer Tennisclubs ab, mit der Idee, daraus später eine Reithalle zu errichten. Als das nicht praktikabel erschien, wurden die Wandelemente in der schon früh errichteten Außenmauer des Ritterguts verbaut, durch die der Innenhof begrenzt wird. Die Küchenausstattung, die im Jahr 2000 installiert wurde, stammt aus einem Jugendheim bei Ehingen.

Im von vielen als Rittersaal bezeichneten Raum zieren die Wappen der Ritter und Edelfrauen die Wände. Rudi Penk

Besonders aufwendig und teuer waren die Dachsanierungen sowohl am westlichen, als auch am nördlichen, höheren Gebäude. Bei letzterem musste man sich bereits 1999 an die Arbeit machen, denn das Dach erlitt größere Schäden durch den Orkan Lothar. 2007 war es wieder dieses Gebäude, das größere Mühen verursachte, weil der Giebel begann, sich zu verschieben. „Da musste man dann relativ schnell handeln“, erinnert sich Windmüller. Die ganze Front wurde neu aufgemauert, das Flurdach durch eine Betondecke ersetzt und der Westgiebel mittels eines Gurtes wieder hochgezogen.

Und das alles, obwohl das Gebäude von den Rittern momentan nur teilweise genutzt wird: Am Westende des Erdgeschosses befindet sich der Vereinsraum, der Rest des Erdgeschosses wird für die Lagerung des Materials genutzt, das die Württemberger Ritter zum Beispiel für ihre Turniere verwenden. Auch eine Werkstatt ist dort eingerichtet. In den oberen Stockwerken wäre noch viel Platz. „Die Fläche bietet sich natürlich für einen großen Veranstaltungsraum an“, sagt Windmüller, „aber dafür wären massive statische Veränderungen notwendig“. Man wird also noch eine ganze Weile sparen und sich beraten lassen müssen, bevor es hier weitergeht.

Ein aufwendig dekorierter Gang verbindet im Erdgeschoss die beiden Gebäude, die das Rittergut formen. Rudi Penk

Platznot haben die Ritter aktuell jedenfalls nicht. Direkt neben dem bereits erwähnten Rittersaal, der sich durch seine Säulen, die offene Feuerstelle und die vielen Wappen der Ritter und Edeldamen an den Wänden auszeichnet, gibt es ein Jagdzimmer, in dem die holzgetäfelten Wände mit präparierten Tieren dekoriert sind. Über einen langen Gang, der von Pavisen, Schwertern und Speeren gesäumt ist, gelangt man zum Vereinsraum, der unter anderem die Fachliteratur der Ritter sowie eine nur in Teilen mittelalterlich anmutende Bar enthält.

Unter dem Hauptgebäude liegen zwei Keller, die vormals zur Bierlagerung genutzt wurden. Obwohl sie in den 1830er-Jahren stammen, wirken sie aufgrund ihrer steinernen Bauweise deutlich älter. Vom ersten Keller, auf dessen Boden noch zu erkennen ist, wo sich einst die Tanzfläche der Disco befand, führt ein langer, dunkler Gang in den zweiten, etwas tiefer liegenden Keller, an dessen Ende das Rauschen von Wasser zu vernehmen ist. Eine schwere Metalltür öffnet sich hier zu einer Zisterne, die die Ritter nach ihrem Einzug erst von allerlei Unrat befreien mussten, den die vorherigen Pächter hinterlassen hatten.

Einer der wenigen Teile des Ritterguts, der nicht für öffentliche Veranstaltungen genutzt wird, ist der Vereinsraum. Rudi Penk

Im Innenhof, eingefasst zwischen den zwei Gebäuden und der von den Rittern errichteten Mauer, umgeben Bäume, manche noch von Graf Maldgegem gepflanzt, eine Art zentrale Bühne, auf der zu Biergartenzeiten die Musikanten standen oder saßen. Auch bemerkenswert: Ein Gehege mit mehreren Pfauen, die von Vereinsmitglied Richard Röger schon seit vielen Jahren umsorgt werden.

Bis auf den Vereinsraum nutzen die Ritter all diese Räume auch für eigene oder externe Veranstaltungen. Vor dem Rittergut ist Platz für den Adventsmarkt und den Rosenmarkt; im Innenhof gibt es zu diesen Zeiten Musik sowie Speis und Trank. Hier findet auch das Biergartenfest an Christi Himmelfahrt statt. Im Rittersaal werden mittelalterliche Bankette und Konzerte ausgerichtet. Die bekannteste Veranstaltung ist aber sicherlich das alljährliche Turnier, das gleich im Jahr 1997 zum ersten Mal vor dem damals noch unfertigen Rittergut abgehalten wurde und inzwischen fast alle Räumlichkeiten und Flächen beansprucht.

Im Keller befand sich einst eine Diskothek; auch erinnerungswürdige Konzerte wurden hier gespielt. Rudi Penk

Das heutige Jahresprogramm unterscheidet sich laut Windmüller stark von dem aus den frühen Jahren der Ritter: „Da waren wir von Mai bis September unterwegs, um durch Turnierengagements Geld für den Verein zu verdienen.“ Ab 1997 hatte man dann Gebäude, „die das ganze Jahr über Geld kosten“, also wollte man diese so gut wie möglich nutzen. „Das Tolle daran ist, dass die Veranstaltungen hier fast immer aus Ideen der Mitglieder herauswachsen“, sagt Windmüller. Genau dieses „Sich Einbringen“ sei auch ein Grundgedanke der Württemberger Ritter.

Dass die bunt gemischte Truppe aus Frauen, Männern und Kindern mit ganz unterschiedlichen Hintergründen auch 34 Jahre nach der Gründung des Vereins noch zusammensteht, ist laut Windmüller auch dem Rittergut zu verdanken: „Ich bin mir inzwischen sicher, dass es den Verein in dem Maß nicht mehr geben würde, wenn wir keine eigene Bleibe hätten. Das unterscheidet uns in der ganzen Mittelalterszene von vielen anderen Gruppen.“

Auch 2026 wird die Stotzinger Ortsmitte wieder zum Schauplatz mehrerer Märkte, wie dem hier abgebildeten Georgimarkt.

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