Es ist Freitag, kurz nach Mittag. In der Metallindustrie wäre jetzt Feierabend. Im Metal-Gewerbe geht es erst richtig los. Auf dem „Summer Breeze“-Festival nahe Dinkelsbühl beginnt der musikalische Teil des dritten Festivaltages. Wir sind hier, um einmal hinter die Kulissen dieses Festivals zu blicken.
Um die Dimension von „Summer Breeze“ zu erfassen, hilft es, sich einmal in jede Richtung über das Gelände zu bewegen. Auf der großen Bühne spielt gerade die italienische Comedy-Metal-Band „Nanowar of Steel“, die etliche tausend Fans dazu bewegt, einen vogelartigen Tanz aufzuführen. Ein paar hundert Meter weiter geht es ernsthafter zur Sache. „Zerre“ aus dem Ruhrpott ist im deutschen Untergrund eine der Bands der Stunde, die den Anschluss an Genre-Väter wie „Kreator“ oder „Sodom“ schaffen könnte.

Am anderen Ende des sanft ansteigenden Konzertgeländes, auf der T-Stage, macht sich zu diesem Zeitpunkt die aus dem Raum Heidenheim stammende Band „Brainstorm“ bereit für den Auftritt in der Mittagshitze. Während als Intro noch „Let the music play“ von Barry White läuft, strömen schon ein paar Tausend Besucherinnen und Besucher herbei, die weder Comedy sehen noch Geknüppel hören wollen, sondern den grundehrlichen und kernigen Power-Metal von „Brainstorm“. Zum achten Mal seien sie beim „Summer Breeze“, erzählt Sänger Andy B. Franck dem Publikum. Beim ersten Auftritt sei der neue Schlagzeuger Kevin Lütolf, Jahrgang 2000, noch gar nicht geboren gewesen. In dieser Form, so viel dürfte sicher sein, wird es nicht der letzte Festivalgig der Band gewesen sein.
210 Hektar Festivalfläche
Das Konzertgelände ist aber der kleinere Teil des großen Ganzen. Mehrere große, direkt anschließende Campingplätze kommen hinzu, außerdem Flächen für die Logistik, die Beschäftigten im Hintergrund, Rettungswege, Unterkünfte für Künstler und ein neu geschaffenes Pressezentrum, in dem sich hauptsächlich Dutzende Fotografen aus mehreren Ländern tummeln. 210 Hektar umfasst das gesamte Areal. Das wären knapp dreihundert aneinandergelegte Fußballplätze nach DFB-Norm, um wieder einmal die beliebte Vergleichsgröße heranzuziehen.

Diese Fläche abzugehen, wäre kaum möglich. Deshalb bittet Festival-Mitarbeiter Max Theilacker die HZ-Delegation in ein geländegängiges Fahrzeug und fährt das Areal ab. Vorbei geht es an Bürocontainern, an Lastwagen voller Bühnen-Equipment, den Reisebussen der Bands und mehreren Zentralen der Rettungsdienste, die sich im Notfall um die rund 45.000 Menschen auf dem Gelände kümmern. Es gibt Hunderte Stände und Buden für Getränke und Essen, und nicht minder viele Toiletten und Sanitärstationen. Betrachtet man ein solches Festival einmal von der Rückseite der Kulisse, offenbart sich, welcher organisatorische und logistische Aufwand dahintersteckt. Bier und Pommes dürfen nicht ausgehen, und die Toiletten müssen fortwährend geleert und gereinigt werden. Die Feuerwehr war über die Festivaltage hinweg in Alarmbereitschaft.

Max Theilacker ist Heidenheimer und einer von rund zwei Dutzend fest angestellten Mitarbeitern der Abtsgmünder Firma Silverdust, die das „Summer Breeze“ veranstaltet. In seinem Job-Alltag denkt er immer ein Jahr voraus. Er ist unter anderem für den Ticketverkauf zuständig, der am Tag nach dem Festival für 2027 begann. Dann wird „Summer Breeze“ zum 30. Mal stattfinden, entsprechend gespannt war man am vergangenen Wochenende, wie der Vorverkauf anlaufen würde. Was nach dem Vorverkaufsstart am Montag geschah, überraschte offenbar auch die erfahrenen Festivalprofis: Binnen vier Stunden wurden 30.000 Karten für 2027 verkauft.
700 Menschen beim Aufbau
Beim Festival selbst kümmert sich Theilacker auch um die Anreise. „Man kann bei uns neuerdings Anreiseslots buchen“, erzählt er bei der Rundfahrt. Dadurch sollen die Fahrzeugschlangen entzerrt werden, die in der Vergangenheit weiträumig für Staus sorgten. „Das funktioniert super“, freut sich der 32-Jährige, bevor er sich verabschiedet. Er muss noch Mails vorbereiten, bevor der Jubiläumsvorverkauf startet.

Weitere Dimensionen erläuterten die Festival-Verantwortlichen in einer Pressekonferenz am Freitagmorgen. „Wir benötigen drei Wochen für den Aufbau, in Spitzenzeiten beschäftigen wir dafür etwa 700 Menschen“, sagt Jonas Medinger, Geschäftsführer von Silverdust. Aufbau, das umfasst nicht nur die drei Bühnen oder die gewaltigen Pavillons, die bei diesem heißesten aller bisherigen Festivals für Schatten sorgen sollen. 42 Kilometer Bauzäune lenken Besucher und Teams, 80 Radlader und Stapler sind im Einsatz, dazu 60 weitere Fahrzeuge. Dieses Mal waren auch Traktoren mit großen Wasserfässern unterwegs, die Teile des Geländes befeuchteten, um die zeitweise enorme Staubentwicklung zu mindern.
Mehr als 100 Tonnen Müll
Für Beleuchtung, die riesigen Sound-Anlagen oder die Getränkekühlung sorgen eigene Generatoren mit einer Leistung von acht Megawatt. Das entspricht in etwa der Spitzenleistung eines mittelgroßen Solarparks. Dass der Strom fürs Festival nicht direkt vor Ort erneuerbar erzeugt werden kann, bedauert Minou Alirezazadeh durchaus. Sie ist Nachhaltigkeitsmanagerin bei Silverdust und dreht fortwährend an Stellschrauben, um das Festival nachhaltiger zu machen. Es gibt Sammelstationen für Pfandgefäße, deren Erlös an zehn Vereine gespendet wird, man achtet darauf, Material für das Festival möglichst langfristig zu nutzen. Das Müllaufkommen des „Summer Breeze“ sinkt trotz steigender Besucherzahlen. Kamen früher an die 200 Tonnen Müll zusammen, waren es zuletzt 120 Tonnen. Minou sieht da noch Luft nach unten: „Mein Wunsch wäre, wenn wir hundert Tonnen erreichen könnten.“

Den unumstößlichen Kern der „Summer Breeze“-Philosophie verdeutlicht Festivalgründer Achim Ostertag so: „Der oberste Punkt unserer Strategie ist Unabhängigkeit.“ Das Festival soll weiterhin ohne das Geld großer Konzerne auskommen, die damit auch Einfluss auf die Programmgestaltung nehmen würden. „Summer Breeze“ setzt jährlich Millionen um – aber es soll familiär bleiben.
