Kritik am Gemeinderat

Nach Rücktritt von Selina Holl – Zahlreiche Altheimer wollen, dass die Bürgermeisterin bleibt

Nach der Rücktrittsankündigung von Rathauschefin Selina Holl haben sich über 60 Bürgerinnen und Bürger in Altheim versammelt, um ihr den Rücken zu stärken – und ein Signal an den Gemeinderat zu senden.

Als die Altheimer Bürgermeisterin Selina Holl aus dem Rathaus tritt, brandet langanhaltender Applaus auf. Holl stemmt die Arme in die Seiten, schaut ungläubig die Ansammlung vor dem Rathaus an. Sie bleibt kurz stehen, dann geht sie der Menge entgegen. Ein paar Tränen wischt sie ab. Eine junge Frau kommt auf sie zu und nimmt sie in den Arm. Sie trägt ein Plakat mit der Aufschrift: „Holl für Altheim, Altheim für Holl.“

Über 60 Menschen sind schätzungsweise am Mittwochabend zusammengekommen. Junge Menschen, Senioren, Kinder, neu zugezogene neben alteingesessenen Altheimern – sie alle sind gekommen, um Holl den Rücken zu stärken. Der Altheimer Bürger Josef Haber hatte die spontane Zusammenkunft innerhalb eines Tages durch eine Rundmail der Nachbarschaftshilfe ausgelöst, nachdem ihn Frauen aus der Gemeinde darum gebeten hatten, wie er erzählt. Anlass war eine nicht-öffentliche Sitzung des Gemeinderats, in der eine Aussprache zwischen dem Gremium und Holl geplant war.

"Wenn so etwas passiert, steht man auf"

Manche von ihnen hatten sogar Plakate gestaltet, wie beispielsweise Matthias Wohlrab. Er wolle sich bei Holl einfach bedanken und ihr auch ein positives Feedback mitgeben, sagt der 37-Jährige. „Respekt statt Mobbing“ steht auf seinem Banner. Neben ihm steht Melanie Haber, die junge Frau mit dem „Holl für Altheim“-Plakat. „Ich bin richtig sauer, man zieht ihr Privatleben durch den Kakao“, sagt sie. „Wenn so etwas passiert, steht man auf.“ Sie wolle, dass Holl bleibt.

Der Rücktritt von Bürgermeisterin Selina Holl bleibt bestehen. Roland Schütter

Diese Bitte trägt Josef Haber, der spontan durch den Abend moderiert, an Holl heran. „Wir wollen versuchen, Sie umzustimmen“, sagt er. Holl lächelt gerührt. „Mir bedeutet das wirklich sehr viel, dass Sie heute da sind, um ein Statement zu setzen. Für mich und für Altheim“, sagt sie dann in einer spontanen Rede. Hass und Mobbing dürfe keinen Raum gegeben werden. Die Hälfte ihres Lebens arbeite sie nun schon in der Verwaltung und nie habe sie das Karriereziel gehabt, einmal irgendwo als Bürgermeisterin zu arbeiten. „Für mich hat das hier in Altheim gepasst“, betont sie.

Gemeinderat gerät in die Kritik

Die Bitte aus der Bürgerschaft dringt zu ihr durch. „Es zeigt mir, dass es nicht gestimmt hat, was man mir erzählt hat“, sagt sie mit brüchiger Stimme. „Es fühlt sich furchtbar an, diese Entscheidung zu treffen.“ Sie wolle aber zunächst die Aussprache abwarten und darin klären, ob es „wirklich das Beste für Altheim ist, wenn wir in dieser Konstellation weiterarbeiten“. Nachdem noch ein paar Bürgerinnen und Bürger bestärkende Worte an Holl richten, meldet sich der langjährige Gemeinderat Klaus Jürgen Gebhardt zu Wort. „Mir wär's lieber gewesen, wenn wir das nicht-öffentlich hätten klären können“, sagt er und zeigt sich verärgert über die bisherige Berichterstattung. Über Altheim wurde auch in überregionalen Medien berichtet. Er erklärt, dass eine Demokratie vor Ort funktionieren müsse, sonst lande „der Frust, der hier entsteht, im linken und rechten Spektrum“.

Es wird Kritik am Gemeinderat laut, auch am Rathaus hängen Plakate mit teils kritischen Botschaften. Einzelne Gemeinderäte stehen in der Menge. „Ich bin maßlos enttäuscht, dass bei fünf Gemeinderätinnen eine Bürgermeisterin so behandelt wird“, sagt eine Bürgerin etwa. Das Gremium besteht aus zehn Gemeinderatsmitgliedern. Sie habe erwartet, dass bei der überraschenden Rücktritt-Bekanntgabe sich jemand aus dem Gremium einklinke, um sie umzustimmen. Das habe er versucht, verteidigt sich Gebhardt. Holl nickt.

Rücktritt bleibt bestehen

„Kinderkriegen, das kann kein Thema sein“, sagt Gebhardt. „Das darf kein Thema sein“, berichtigt Holl. Applaus brandet auf. Der Gemeinderat richte sich nach der schweigenden Mehrheit, führt Gebhardt dann aus. „Wir werden eine Lösung finden, mit der wir leben können“, verspricht er. „Dann müssen sie Frau Holl halten!“, tönt es aus der Menge.

Und Holl selbst? Die zeigt sich am nächsten Morgen immer noch „total überwältigt“ von der Aktion. „Das hat es in der Geschichte Altheims auch noch nicht gegeben“, sagt sie. Es bedeute ihr sehr viel, es bestätige sie auch darin, dass sie ihren Job „gut gemacht“ habe. Dennoch: Ihr Rücktritt bleibt bestehen – auch wenn sie überlegt habe, doch im Amt zu bleiben. Ihre Beweggründe seien aber nach wie vor dieselben, „auch wenn der Bürger hinter mir steht“. Dennoch: Die Aktion habe ihr Seelenfrieden gespendet und gezeigt: „Auch wenn der Bürger nicht immer laut und immer da ist, er kriegt doch einiges mit.“ Sie verweist auf kommenden Donnerstag, 4. September, um 19 Uhr. Da steht die Vorbereitung der Neuwahl eines Bürgermeisters auf der Tagesordnung.

Stillschweigen im Gemeinderat vereinbart

Zur Presse will am Donnerstag kaum jemand etwas aus dem Gemeinderat sagen. „Die Inhalte der Sitzung sind nicht-öffentlich und können der Öffentlichkeit daher nicht bekannt gegeben werden“, zitiert Selina Holl die offizielle Vereinbarung. Ihr Stellvertreter, Karl-Heinz Erb, der auf einem Plakat direkt kritisiert wurde, hält sich bedeckt. „Kein Statement“, sagt er am Tag nach der Sitzung auf Nachfrage.

Carola Wohlrab, ebenfalls stellvertretende Bürgermeisterin, äußert sich auch nicht zur Sitzung, man habe Stillschweigen vereinbart. Doch sie gibt sich selbstkritisch, sie habe wohl viel zu wenig die zahlreichen positiven Echos aus der Bürgerschaft mit ins Rathaus genommen und Holl damit nicht genug motiviert. Die 31-Jährige habe sich keine Schnitzer geleistet, der ganze Unmut komme wohl aus der persönlichen Ecke.

Jetzt einfach weiterlesen
Jetzt einfach weiterlesen mit HZ
- Alle HZ+ Artikel lesen und hören
- Exklusive Bilder und Videos aus der Region
- Volle Flexibilität: monatlich kündbar