Sind Liebesbeziehungen zwischen zwei Frauen anders als zwischen Mann und Frau? Überhaupt nicht, sagt Carmen Fehleisen aus Bartholomä. Die 51-Jährige hatte mit 21 ihr Outing und ihre erste lesbische Beziehung. Ihrer Erfahrung nach sei vor allem bei heterosexuellen Männern die Vorstellung verbreitet, dass eine Beziehung zwischen zwei Frauen besonders harmonisch und gefühlvoll verlaufe. Dass dem nicht so ist, macht sie in ihrem Buch mehr als deutlich.
Frau Fehleisen, was Sie in Ihrem Buch beschreiben, ist sehr persönlich. Um nicht zu sagen intim. Hatten Sie keine Hemmungen, all das öffentlich zu machen?
Doch, aber mein Freundeskreis hat mich darin bestärkt. Und seit der Veröffentlichung haben mir viele Menschen gesagt oder geschrieben, wie mutig sie das finden und dass sie den Hut davor ziehen.
Es geht um Dating, teilweise um Sex. Sie nehmen kein Blatt vor den Mund. Gab es auch negative Reaktionen?
Überhaupt nicht. Ich bin nur gefragt worden, ob es in Beziehungen zwischen Frauen und auf Online-Plattformen für lesbische Frauen wirklich so zugeht.
Sie steigen direkt ins Thema ein. Wie geht es denn dort zu?
Es wird viel gelogen. Als Beispiel: Eine Frau, die ich online kennengelernt habe, hat sich als Anwältin ausgegeben. Wir haben über Wochen miteinander telefoniert. Sie hat mir ein Foto von sich und von ihrem Wohnzimmer und dem Garten geschickt. Ich wäre nie darauf gekommen, dass sie ein Fake ist. Einer Freundin von mir ist das Foto dann aber bekannt vorgekommen. Es war das Bild einer Fernsehanwältin. Ich habe sie damit konfrontiert. Sie war keine Anwältin, hatte kein Haus und auch keinen Garten. Es war alles gelogen. Sie hat mir eine schöne heile Welt vorgespielt, die es nicht gibt.
Und das war nicht das einzige Mal, dass Sie belogen wurden.
Richtig. Mittlerweile sage ich jedem, der online datet: Seid misstrauisch und hinterfragt alles!
Allerdings taucht in Ihrem Buch auch eine Sabine auf, die Ihnen acht Wochen lang vorgemacht hat, sie heiße Bianca. Sie haben das selbst herausgefunden und die Frau damit konfrontiert. Anstatt den Kontakt gleich abzubrechen, haben Sie sich aber auf ein tieferes Kennenlernen eingelassen. Warum?
Bis auf diese Lüge wirkte sie wie ein lieber Mensch. Ich dachte, ich gebe ihr noch eine Chance. Grundsätzlich glaube ich an das Gute im Menschen und auch daran, dass man sich verändern kann. Und bis auf diese Lüge wirkte sie wie ein lieber Mensch. Sie hat sich dann aber immer mehr in Lügen verstrickt und es hielt nicht mehr lange.
Sie wurden von Frauen belogen, betrogen und bestohlen. Das sind schon drastische Erlebnisse. Als Hetero-Frau dachte ich beim Lesen: Das ist komplizierter als mit Männern.
(lacht) Sie sagen es. Ich habe von einigen Freunden gehört: „Carmen, mir ist das Buch stellenweise fast aus der Hand gefallen. Bei euch Lesben geht es ja schlimmer zu, als bei uns Heteros."
Sie wollen mit Ihrem Buch auch darüber aufklären, dass eine Liebesbeziehung zwischen zwei Frauen nicht zwangsläufig harmonischer verläuft, sondern dass es dieselben Probleme gibt wie zwischen Mann und Frau. Um ehrlich zu sein: Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass es zwischen zwei Frauen nicht herausfordernd ist.
Viele Hetero-Männer in meinem Bekanntenkreis haben dieses Bild. Sie glauben, es geht zwischen Frauen liebevoller zu. Auch dass der Sex immer zärtlich und gefühlvoll ist. Das ist natürlich Quatsch.
Wie Sie in Ihrem Buch schreiben: Wir sind eben alle nur Menschen. Aber haben Sie bei allem, was Ihnen passiert ist, schon mal darüber nachgedacht, dass Sie die schwierigen Fälle irgendwie anziehen oder einen Helferkomplex haben?
(lacht) Sie sind nicht die erste, die mir das sagt.
Das war natürlich nicht ernst gemeint. Aber Sie hatten Frauen, die nicht allein sein konnten, eine, die nur in Gesellschaft essen konnte. Gleich mehrere haben ihren Lebenslauf aufgemotzt. Da bleibt man vielleicht doch lieber Single.
Meine große Hoffnung ist trotz allem, dass es da draußen Frauen gibt, die eine ernste und ehrliche Beziehung suchen und einfach normal sind.
Jeder hält sich für normal, aber eigentlich ist Normalität doch nur ein subjektives Konstrukt. Nach der Lektüre Ihres Buches würde ich sagen: Sie sind bodenständig und eher konservativ.
Das ist richtig. Und in der Liebe ist mir wichtig, eine Frau für mich allein zu haben. Eine offene Beziehung ist nichts für mich. Mit normal meine ich: keine Lügen, kein Betrug, Loyalität gegenüber dem Partner.
Das scheint nicht zu viel verlangt zu sein.
Eben. Aber viele Frauen da draußen haben ein zu geringes Selbstbewusstsein und kaum Selbstwertgefühl. Deshalb müssen sie sich profilieren, und aus einer kleinen Übertreibung oder Flunkerei wird dann schnell ein ganzes Lügenkonstrukt. Irgendwann kommt das aber immer raus.
Sie hatten mit 21, also vor 30 Jahren, Ihre erste lesbische Beziehung. Da war Online-Dating noch kein Thema. Wie haben Sie denn früher Ihre Partnerinnen gefunden?
Über Kontaktanzeigen in der Zeitung.
Dann hat sich doch eigentlich nicht viel verändert, außer, dass die Auswahl an Frauen heute dank des Internets wohl größer ist.
Die Auswahl ist größer und es wurde oberflächlicher. Heute gehst du auf eine Plattform, guckst das Foto an und klickst sie weg, wenn sie dir gleich nicht zusagt. Früher hast du dir Mühe gegeben. Du hast auf die Kontaktanzeige geantwortet. Über Chiffre ging das erst an die Redaktion, dann ging der Brief weiter an die Frau. So ging das ein paar Wochen per Brief hin und her, irgendwann hat man telefoniert. Das Kennenlernen war viel intensiver als heute.
Sind Sie momentan auf der Suche?
Ich bin Single, ja.
Und Sie suchen weiter online, obwohl Sie schon einiges mitgemacht haben?
(lacht) Auf beides ist die Antwort ja.
Sie suchen die große Liebe.
Ich glaube nach wie vor daran, dass jedes Töpfchen sein Deckelchen findet. Egal, ob lesbisch, schwul, trans oder hetero.
Sie hatten noch nie eine Beziehung mit einem Mann, aber kommen Sie gut mit Männern aus?
Mein Freundeskreis ist bunt gemischt. Und um ehrlich zu sein, arbeite ich lieber mit Männern zusammen als mit Frauen. Die meisten Lesben sind keine Männerhasser. Das ist auch ein Vorurteil.
Gibt es so etwas wie Penisneid?
Bei den richtig maskulinen und burschikosen Frauen, die auch Anzug und Krawatte tragen, vielleicht.
In Ihrem Buch beschreiben Sie eine Frau so: 1,71, blond, lange Haare und sportliche Figur. Ist das Ihre Traumfrau?
Ich bin nicht festgelegt. Kurze oder lange Haare, blond oder braun, 1,80 oder 1,60. Das spielt keine Rolle. Gepflegt sollte sie sein und nicht zu korpulent.
Sie bezeichnen sich selbst als androgyn.
Genau. Solange mich auch Männer anlächeln und mit mir flirten, ist alles gut (lacht). Burschikos möchte ich nicht rüberkommen.
Ist es ein Klischee, dass in lesbischen Beziehungen immer eine die eher männliche Rolle einnimmt, auch optisch, und eine die weibliche?
Es gibt auch viele lesbische Beziehungen, in denen beide Frauen sehr feminin sind. Schauen Sie sich zum Beispiel Anne Will und ihre Partnerin an. Dass ein ,männlicher Part‘ nötig ist, ist eher eine Vorstellung von manchen Männern.
Weil sie sich nicht vorstellen können, dass eine Beziehung ganz ohne Mann funktionieren kann?
Wahrscheinlich. Aber ich sage immer: Man braucht die berühmten drei Zentimeter in der Hose nicht (lacht). Ich kann als gelernte Konditorin gut backen und kochen, bin aber handwerklich eine absolute Null. Ich bin androgyn, aber der Hausfrauentyp. Und ein paar meiner Partnerinnen waren sehr feminin, aber sie haben die Schränke zusammengebaut.
Werden lesbische Paare eigentlich oft von Hetero-Männern nach einem Dreier gefragt?
Das kommt nicht selten vor. Von zehn Männern, wünschen sich das sicher acht. Aber eine reine Lesbe würde nie mit einem Mann ins Bett gehen. Wenn sie das machen, sind sie bi. Und mit einer bisexuellen Frau würde ich nie eine Beziehung eingehen, weil ich mich immer fragen würde, wann es sie wieder nach einem Mann verlangt.
Nachvollziehbar. Vor allem weil es schon Frauen in Ihrem Leben gab, die durch die Treffen mit Ihnen nur herausfinden wollten, ob sie auf Frauen oder Männer stehen. Wann haben Sie sich eigentlich geoutet?
Mit 21.
Und wann haben Sie selbst gemerkt, dass Sie lesbisch sind?
Als ich mich mit elf Jahren in meine Sportlehrerin verliebt habe.
Das ist niedlich.
Heute finde ich das auch süß. Aber ich wusste damals nicht, wohin mit mir. Ich dachte, mir müssten doch Jungs gefallen. Haben sie aber nicht. Die berühmte ,Bravo‘ und das Dr. Sommer-Team haben mir geholfen, zu verstehen, was mit mir los ist und dass es okay ist, sich in eine Frau zu verlieben. Als ich das gelesen habe, war ich wie verwandelt.
Bis zu Ihrer ersten Beziehung vergingen dann aber zehn Jahre.
Als ich 18 war, bin ich jedes Wochenende nach Stuttgart in Lesbendiscos gefahren. Es war cool, in dieser Welt zu sein, in meiner Welt. Aber ich habe mich nicht getraut, das etwa meinen Eltern zu sagen. Erst mit 21.
Wie war die Reaktion?
Mein Vater wollte mich enterben und meine Mutter hat geweint und sich betrunken. Sie hat sich gefragt, was sie falsch gemacht hat. Sie sind echt durchgedreht.
Und wie ist Ihr Verhältnis heute?
Meine Eltern leben nicht mehr.
Das tut mir leid. Haben sie sich zu Lebzeiten noch mit Ihrer sexuellen Orientierung arrangiert?
Es hat gedauert, aber ja, sie haben sich damit abgefunden und es mit den Jahren akzeptiert. Wir hatten dann ein gutes Verhältnis.
Und in Bartholomä? Wie waren die Reaktionen im Dorf?
Das Dorf hat cooler reagiert als meine Eltern. Die Leute hier sind sehr offen. Aber das ist ja alles schon lange her. Heute haben es Lesben und Schwule leichter beim Outing.
Mein Eindruck ist, dass sich diese Entwicklung teilweise gerade wieder umkehrt.
Das ist leider so. Rechtsradikale haben etwas gegen Schwule und Lesben. Aber die Mehrheit ist zum Glück anders.
Ist die Gesellschaft Lesben gegenüber toleranter als Schwulen?
Ich würde sagen: Ja. Wenn ich mit einer Partnerin in Aalen oder Heidenheim Hand in Hand unterwegs bin, wird gegrinst und gelächelt, wenn wir uns küssen. Die Leute finden das eher süß. Bei zwei Männern ist das anders. Da wird man eher dumm angemacht. Aber heute kommt es ja leider immer wieder vor, dass zwei lesbische Frauen angepöbelt, bedroht und sogar auf offener Straße angegriffen werden, weil sie Händchenhalten.
Angegriffen wegen ihrer Liebe zueinander.
Genau. Dabei sind wir doch alle Menschen und es ist egal, wen wir lieben, solange wir niemandem schaden. Jeder sollte so sein können, wie er ist. Das ist wie mit der Religion. Jeder soll glauben, woran er will, solange man keinen Terror verübt oder Krieg beginnt. Die Erde ist doch groß genug. Wir Menschen könnten es so schön miteinander haben.
Ein besseres Schlusswort gibt es wohl nicht.
Die Autorin, das Buch und Begriffe
Carmen Fehleisen hat Konditorin gelernt, im elterlichen Lebensmittelladen in Bartholomä gearbeitet und später als Kassiererin und Hauswirtschaftlerin in einem Hospiz. Aufgrund mehrerer Erkrankungen erhält die 51-Jährige derzeit Erwerbsminderungsrente.
Ihr Buch „Die unerzählte Wahrheit über das Liebesleben zwischen Lesben – Geschichten von Lügen, Betrug, Gewalt und gebrochenen Herzen“ ist im vergangenen Jahr erschienen und im Online-Buchhandel sowie im Presshaus Heidenheim an der Olgastraße 15 erhältlich. Öffnungszeiten: Montag bis Mittwoch von 9 bis 14 Uhr.
LGBTQ ist eine aus dem englischen Sprachraum übernommene Abkürzung für Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender und Queer. Der Begriff Queer wird heute häufig als Sammelbegriff für Lesben, Schwule, Bisexuelle, trans- und intergeschlechtliche Menschen verwendet.
Trans ist ein Überbegriff für Personen, die sich nicht oder nur teilweise mit dem bei der Geburt eingetragenen Geschlecht identifizieren. Der Begriff intergeschlechtlich beschreibt Menschen, deren angeborene körperliche Geschlechtsmerkmale (Chromosomen, Hormone, Genitalien, innere Organe) nicht eindeutig den medizinischen Normen von „männlich“ oder „weiblich“ entsprechen, sondern Merkmale beider Geschlechter aufweisen oder von diesen abweichen.

