Fünftes Standbein?

Das sagt Zeiss zu einer möglichen Rückkehr in die Rüstungsindustrie

Auf der Jahrespressekonferenz geht Zeiss CEO Andreas Pecher auf das Thema Rüstungsindustrie ein und wie das Unternehmen aktuell zu einem möglichen Wiedereinstieg in das direkte Primärgeschäft steht – während Aufträge bereits jetzt schon angenommen werden.

Die Waffen gehen in die Ukraine (19 Prozent), Ägypten (11) und Israel (11): Im Zeitraum zwischen 2020 und 2024 lag Deutschland auf Platz Fünf der weltweiten Waffenexporte. Der Anteil liegt bei ganzen sechs Prozent am globalen Handel mit dem mobilen Schrecken. Im Jahr 2012 wurde bei Zeiss mit der Geschäftssparte Optronics das direkte Geschäft mit der Rüstungsindustrie aufgegeben. Im Laufe der Jahre ist diese ausgegliederte Sparte zur Hensoldt Unternehmensgruppe geworden.

Bei der Zeiss Jahrespressekonferenz reagiert CEO Andreas Pecher auf die Frage, ob das Unternehmen trotz der aktuellen weltpolitischen Lage und den Entwicklungen der Wirtschaft weiterhin auf das direkte Hauptgeschäft verzichten möchte oder die lukrativen Möglichkeiten der Rüstungsindustrie zu verlockend werden.

Die militärische Geschichte von Zeiss

Doch wo hat der Handel mit der Rüstungsindustrie bei Zeiss seinen Ursprung? Zurückzuführen ist dieses Geschäft bis ins 19. Jahrhundert. Seit der Gründung entwickelte Zeiss hochpräzise Optiken, die sowohl zivil als auch militärisch genutzt wurden. Mit der zunehmenden Technisierung der Kriegsführung gewann diese militärische Nutzung früh an Bedeutung. So war Zeiss schon damals wichtiger Zulieferer von optischen und feinmechanischen Systemen.

Bereits vor und während des Ersten Weltkriegs lieferte Zeiss in großem Umfang militärische Optik, darunter Ferngläser, Entfernungsmesser, Zielvorrichtungen und Periskope für die Marine. Zudem war die Rolle von Zeiss während der Zeit des Zweiten Weltkriegs besonders ausgeprägt. In dieser Phase war das Unternehmen ein bedeutender Rüstungszulieferer und fertigte unter anderem Zielfernrohre für Gewehre und Geschütze, Optiken für Panzer und Artillerie, Flugzeug- und Bombenzielgeräte sowie maritime Beobachtungssysteme.

Vorstandsvorsitzender Andreas Pecher zeigt sich bei der Zeiss Jahrespressekonferenz zurückhaltend bei dem Thema rund um die Rüstungsindustrie, gibt jedoch klare Antworten über die zukünftige Haltung im Konzern zum Primärgeschäft. Zeiss

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde das Unternehmen infolge der deutschen Teilung gespalten. Es entstanden Carl Zeiss Jena in der DDR und Carl Zeiss Oberkochen in der Bundesrepublik Deutschland. Beide Unternehmen produzierten weiterhin optische Systeme, die auch militärisch genutzt wurden: Zeiss Jena vor allem für den Warschauer Pakt, Zeiss Oberkochen unter anderem für Nato-Staaten.

Parallel dazu verlagerte sich der Schwerpunkt jedoch zunehmend auf zivile Anwendungen. Das gipfelte lang nach der Wiedervereinigung und dem danach stattfindenden Verschmelzen der Konzerne aus dem Westen und dem Osten in der Entscheidung auf die Sparte Optronics zu verzichten. Diese Entscheidung galt als strategische Neuausrichtung – wirtschaftliche Schwäche der Sparte trug zwar dazu bei, jedoch reagierte Zeiss damit auch auf die geopolitische Lage.

Hensoldt und Zeiss: Die Partnerschaft

Doch welchen Anteil an der Rüstungsindustrie hat dabei Hensoldt – und inwiefern sind die Konzerne miteinander verbunden? Der Weg von Zeiss zu Hensoldt ist das Ergebnis einer strategischen Ausgliederung des militärischen Optikgeschäfts aus dem Zeiss-Konzern und spiegelt zugleich den Wandel im Umgang deutscher Industrie mit Rüstungsgütern wider.

Ursprünglich gehörte Hensoldt nicht zu Zeiss, sondern war ein eigenständiges Unternehmen, gegründet 1849 von Moritz Hensoldt in Wetzlar. Hensoldt spezialisierte sich früh auf hochwertige optische Geräte, insbesondere Ferngläser und Beobachtungsoptiken, und entwickelte sich zu einem bedeutenden Anbieter militärischer und ziviler Optik.

1928 übernahm Zeiss die Mehrheit an Hensoldt. Ziel war es, Kompetenzen in der Präzisionsoptik zu bündeln. In der Folge wurde Hensoldt zunehmend in den Zeiss-Konzern integriert und entwickelte sich innerhalb dieses Verbundes zu einem Schwerpunktanbieter für militärische Optik, insbesondere für Beobachtungs-, Ziel- und Aufklärungssysteme. Aus dieser Gesellschaft entstand später Carl Zeiss Optronics Wetzlar.

Als bei Zeiss entschieden wurde, sich mehr auf den zivilen Markt zu konzentrieren und letztendlich sich von der Rüstungsindustrie loszueisen, wurde die Optronics Sparte 2012 ausgegliedert – und hieß fortan wieder Hensoldt. Nach einer kurzen Zeit bei Cassidian (EADS-Gruppe), wanderte Hensoldt zu Airbus Defence and Space. Danach war Zeiss endgültig nicht mehr der Eigentümer von Hensoldt. Ende Februar 2017 verkaufte Airbus genau 74,9 Prozent der Anteile der Elektoniksparte (zu der auch Hensoldt gehörte) an den US-amerikanischen Finanzinvestor Kohlberg Kravis Roberts & Co. (KKR). Hensoldt kaufte 2018 von Airbus den restlichen Anteil (25,1 Prozent). Die Strukturen des Unternehmens reichen noch in die Optronics-Zeit zurück, haben aber auch Einfluss von Airbus.

Das neu gegründete Unternehmen agiert seitdem unter dem Markennamen Hensoldt, nun als eigenständiger Anbieter von Verteidigungs- und Sicherheitselektronik. Der Fokus liegt seitdem auf modernen Sensor-, Radar-, Optronik- und Aufklärungssystemen. 2020 folgte der Börsengang, später stieg der deutsche Staat als Großaktionär ein, was die sicherheitspolitische Bedeutung des Unternehmens unterstreicht.

Kein direktes Geschäft, aber indirekte Berührungspunkte

Doch auch wenn sich Zeiss aus dem direkten militärischen Geschäft zurückgezogen hat und sich auf den zivilen Markt konzentriert, ist klar: Produkte des Konzerns finden weiterhin ihren Weg in militärische Anwendungen. Zeiss stellt sogenannte Dual-Use-Technologien her – Produkte, die sowohl zivil als auch militärisch genutzt werden können.

„Das Geschäft hat bei Hensoldt einen guten Eigentümer gefunden“, sagte Andreas Pecher auf der Jahrespressekonferenz. Laut dem seit April 2025 amtierenden Vorstandsvorsitzenden sei das Rüstungsgeschäft schon vor der Ausgliederung vergleichsweise klein gewesen. Aus Geschäftsberichten geht hervor, dass die Sparte Optronics im Geschäftsjahr 2010/11 einen Umsatz von rund 160 Millionen Euro erzielte, während der Zeiss-Konzern insgesamt 4,2 Milliarden Euro umsetzte.

„Für uns ist das Thema Rüstung dennoch interessant“, erklärte Pecher. Viele Produkte von Zeiss seien in industrielle Wertschöpfungsketten eingebunden – darunter auch solche der Rüstungsindustrie. Als Beispiel nannte er die Messtechnik: „Bei Rüstungsgütern ist für hochpräzise Metallverarbeitung entsprechende Messtechnik notwendig.“ Kunden würden in diesem Rahmen unterstützt, ohne selbst als Rüstungsproduzent aufzutreten.

Auf die Nachfrage, ob Zielsysteme für Zeiss weiterhin eine Rolle spielten, antwortete Pecher zurückhaltend: „Es ist kein Primärgeschäft. Sollte jedoch Unterstützungsbedarf bestehen, kann man das durchaus leisten.“ Investitionen in neue Geschäftsfelder orientierten sich nicht an kurzfristigen Trends, sondern an langfristigen strategischen Kriterien. „Stand jetzt ist das Rüstungsgeschäft für uns als eigenes Geschäftsfeld nicht attraktiv genug“, so Pecher.

Zeiss wolle weiterhin auf seine vier zivilen Standbeine setzen. Ein weiteres sei derzeit nicht notwendig. Dass der Konzern dennoch über indirekte technologische Beiträge mit der Rüstungsindustrie verbunden bleibt, wird von der Unternehmensführung als vereinbar mit der strategischen Entscheidung gesehen, sich vor 13 Jahren aus nicht nur wirtschaftlichen Gründen aus der militärischen Produktion zurückzuziehen.

Zeiss und der Nationalsozialismus

Nach anfänglichen Konflikten mit den nationalsozialistischen Machthabern beteiligte sich das Unternehmen in den 1930er Jahren an der Aufrüstung der Wehrmacht und sponserte die sogenannte Rassenforschung an der Universität Jena. Während des Zweiten Weltkrieges beschäftigte die Firma Zeiss Tausende von Zwangsarbeitern, etwa am Hauptstandort in Jena und in den verschiedenen Produktionsstandorten und Beteiligungsgesellschaften. Dafür beteiligte sich der Konzern in den 2000er-Jahren an der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ), die geschaffen wurde, um Verantwortung für das Unrecht der NS-Zeit zu übernehmen. Zunächst zahlte sie Entschädigungen an ehemalige Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter. Heute fördert sie vor allem Erinnerungskultur, historische Bildung, Menschenrechte und demokratisches Engagement im In- und Ausland. Ziel ist es, aus der Geschichte zu lernen und Verantwortung für die Zukunft zu übernehmen.