HZ-Serie „Im Winterschlaf“

Polieren, bis es blitzt und glänzt: Bootsaufbereiter Holger Zengerle aus Hermaringen hat im Winter Hochsaison

Wenn im Herbst am Bodensee die Boote aus dem Wasser kommen und unter Planen verschwinden, beginnt für Holger Zengerle aus Hermaringen die betriebsamste Zeit des Jahres. Denn während die Schiffe ruhen, macht er sie wieder frisch.

Was man halt so an Mobiliar im Garten hat: Pavillons, Gerätehütten, Hochbeete, Gewächshäuser. Bei den Zengerles in Hermaringen steht nichts dergleichen. Dort wird der Platz auf dem Rasen für etwas anderes gebraucht: ein Boot.

7,70 Meter ist es lang und wie alle Boote, die das Wasser verlassen, wächst es auf dem Trockenen plötzlich zu doppelter Höhe an. Man sieht auf einmal, was sich sonst unterhalb der Wasserlinie befindet. Oder besser: Man sieht es eigentlich nicht, denn im Fall der Zengerles ist es unter einer Plane. Das Segelboot der Familie befindet sich im Winterschlaf. Von seinem Besitzer – oder Eigner, wie es in der maritimen Sprache heißt – kann man das nicht behaupten.

Holger Zengerle betreibt einen Bootservice. Das bedeutet: Herbst, Frühling – und auch der Winter – sind bei ihm Hochsaison. In dieser Zeit ist er viel unterwegs. „Da, wo ein Boot steht, da fahre ich hin“, sagt er. Meist ist das rund um den Bodensee. Solange es draußen nebelig, kalt und feucht ist, arbeitet er an Booten, die in beheizten Hallen stehen. Erst wenn die Temperaturen wieder steigen, kann er auch draußen Hand anlegen. Denn wenn die Luftfeuchtigkeit zu hoch ist, lässt sich das Mittel, mit dem er Bootsrümpfe behandelt, nicht gut verarbeiten. Doch was macht Zengerle genau?

„Ich poliere die Rümpfe, bis sie wieder glänzen“, erklärt er. Und das kann dauern. Denn Zengerle ist, das gibt er zwinkernd zu, doch ziemlich perfektionistisch unterwegs. „Mein Ziel ist, dass ein Boot nach meiner Arbeit besser aussieht als neu“, sagt er. Dann muss er grinsen und fügt an: „Auch wenn das gar nicht möglich ist.“

Für ihn bedeutet das: Alle polierbaren Kratzer müssen raus, matte Stellen sollen wieder spiegeln, kein Quadratmillimeter darf vergessen werden. Anschließend wird das Gelcoat, also das Material, aus dem die Oberfläche besteht, versiegelt. Bei einem zehn Meter langen Boot dauert es normalerweise zwei bis drei Tage, bis dieser Zustand erreicht ist. Manchmal aber eben auch länger. Zengerle arbeitet von früh bis spät an einem Rumpf. Er poliert kniend, über Kopf, stehend, hockend. Die Arbeit ist anstrengend. Doch weil die Boote nicht zu ihm kommen, sondern er zu den Booten, muss sich die Anfahrt auch lohnen.

Das Ziel lautet: besser als neu. Bei Holger Zengerle soll ein Bootsrumpf spiegeln. privat

30 bis 40 Schiffsrümpfe schafft Zengerle so in einer Wintersaison. Erst vor fünf Jahren stieg er hauptberuflich in das Geschäft mit der Bootspflege ein. Inzwischen ist er ausgebucht. Und ein Ende der Arbeit ist vorerst nicht in Sicht, denn der Segel- und Motorbootsport auf dem Bodensee hat unverändert viele Fans. Und das, obwohl es trotz des derzeit stattfindenden Generationenwechsels für Interessenten kaum Chancen auf Liegeplätze am See gibt. „Ich kann nicht erkennen, dass sich die Häfen leeren“, sagt Zengerle. „Im Gegenteil. Die Wartelisten sind lang.“ Und die neuen, jüngeren Bootsbesitzer, die nachrücken, stehen – im Gegensatz zu den Rentnern, von denen sie Boote und Liegeplätze übernehmen – oft voll im Berufsleben. Das bedeutet: Es bleibt wenig Zeit. Und so pflegt eben Zengerle die Rümpfe, bis sie glänzen wie neu.

Seit 15 Jahren haben die Zengerles ein eigenes Boot. Das jeweilige Modell wächst mit Zahl und Alter der Kinder mit. Die Familie segelt im Sommer fast jedes Wochenende am Bodensee. Foto: privat

Und wann ist sein eigenes Boot, das im Garten auf ihn wartet, an der Reihe? „Das kommt als Letztes“, sagt Zengerle und muss lachen. „Manchmal reicht es zeitlich auch gar nicht mehr. Dann waschen wir es nur ab und es kommt so ins Wasser.“ Das sei allerdings, erklärt der Fachmann, bei seinem Boot auch nicht so schlimm, denn das sei schließlich konstant gut gepflegt.  Diesen Tipp hat er übrigens auch für alle anderen Eigner – egal ob Motor- oder Segelboot, egal ob altes Schätzchen oder nagelneuer Flitzer: „Immer gut pflegen und nicht erst anfangen, wenn es zu spät ist.“ Und wann wäre eine bessere Zeit dafür als jetzt – im Winter?

Eingefroren: Still und starr ruht das Nichtschwimmerbecken unter der kraftlosen Dezembersonne.

HZ-Serie „Im Winterschlaf“: Wie das Heidenheimer Waldbad durch den Winter kommt

Wenn sich das Jahr dem Ende zuneigt, wird vielerorts ein Gang zurückgeschaltet. Die Heidenheimer Zeitung beschreibt in einer Serie mit Namen „Im Winterschlaf“, wo die übliche Hektik für kurze Zeit weicht. Den Auftakt macht ein Blick ins Heidenheimer Waldbad.
more
Heidenheim
Winterserie, Teil 1