Beim Wort „Drogen“ hat man meistens ein klares Bild im Kopf: Heroin-Spritzen, Kokain-Linien, Marihuana-Joints. Aktuell gibt es aber einen ganz anderen Trend, der mindestens genauso gefährlich ist wie illegale Drogen: Insbesondere junge Menschen konsumieren Schmerz- oder Beruhigungsmittel, die auf Rezept verschrieben werden. Diese fallen ebenfalls unter das Betäubungsmittelgesetz und werden mittlerweile illegal gehandelt, sei es auf dem Schulhof, im Darknet oder über Telegram-Chats.
Zwei große Medien haben sich dieses Themas angenommen: Das Magazin „Der Spiegel“ aus Hamburg und das Recherchezentrum Correctiv aus Berlin haben die Recherche „Zwischen Rezept und Rausch“ gestartet. Ein Teil davon ist eine große Online-Umfrage, an der sich die Heidenheimer Zeitung ab sofort auch beteiligt. Wir wollen einerseits zur bundesweiten Recherche beitragen, vor allem aber auch herausfinden, wie die Lage im Landkreis Heidenheim ist.

Bei der Online-Umfrage über den Crowdnewsroom (deinestimme.hz.de/crowdnewsroom/deutschlands-neue-drogen) möchten wir diejenigen hören, die Berührungspunkte mit dem Thema Drogen haben: Betroffene, ihr Umfeld, Helfende und Menschen, die professionell damit in Berührung kommen. Alle Informationen bleiben selbstverständlich geheim und sind vom Presserecht geschützt. Nichts davon wird an Dritte weitergeleitet, auch nicht an die Polizei.
Bei der Umfrage geht es der Redaktion in erster Linie nicht darum, Zahlen zu erheben, sondern ein Problem sichtbar zu machen. Wir möchten die verschiedenen Perspektiven beleuchten und auch Hilfsstrukturen in der Region aufzeigen.
Schnelle Abhängigkeit
Parallel zur Online-Umfrage wird die HZ-Redaktion eine Recherche starten und mit Menschen sprechen, die mit dieser neuen Art von Drogenmissbrauch in Kontakt kommen. Es geht dabei beispielsweise um opioidhaltige Schmerzmittel wie Tilidin oder Oxycodon, die als Narkosemittel oder bei Krebserkrankungen verwendet werden. Aber auch Psychopharmaka wie Benzodiazepine, die bei Angstzuständen beruhigen, werden missbräuchlich verwendet. Die Medikamente wirken stark und machen schnell abhängig, sodass Betroffene massive Probleme bekommen.
Correctiv und der „Spiegel“ haben bundesweit Suchtkliniken zum Missbrauch von psychoaktiven Substanzen außer Alkohol befragt. 72 Einrichtungen haben an der Umfrage teilgenommen. Fast alle geben an, Menschen zu therapieren oder therapiert zu haben, die Benzodiazepine oder opioidhaltige Schmerzmittel konsumieren, so das Ergebnis der Recherche. Mehr als jede dritte Klinik sehe dies sogar als einen Grund, warum heute mehr Patientinnen und Patienten behandelt werden als vor fünf Jahren.
Viele Kliniken, auch das ergab die Befragung, würden heute Patientinnen und Patienten behandeln, die nicht nur von einer Substanz abhängig sind, sondern von mehreren gleichzeitig, beispielsweise auch von Alkohol und Medikamenten in Kombination. Die Betroffenen würden immer jünger, die Abhängigkeiten schwerer.
Medikamente statt Partydrogen?
Es steht auch die Vermutung im Raum, dass die Corona-Pandemie in Kombination mit der Kommunikation über soziale Medien für eine Vereinzelung und Vereinsamung gerade bei jungen Menschen gesorgt hat. Die seelischen Leiden, die damit einhergehen, sollen möglicherweise mit den Medikamenten betäubt werden. Diesen Schluss ziehen Fachleute auch daraus, dass vor einigen Jahren noch eher Partydrogen wie Ecstasy oder LSD konsumiert wurden, während heute die verschreibungspflichtigen Medikamente einen neuen Trend darstellen.
Von einem „sprunghaften Zuwachs an Todesfällen in Verbindung mit synthetischen Opioiden und neuen psychoaktiven Stoffen sowie einer wachsenden Zahl von Mischkonsumenten“ sprach auch Prof. Hendrik Streeck, Beauftragter der Bundesregierung für Sucht- und Drogenfragen bei der Vorstellung der Drogentotenzahlen des Jahres 2024. „Wenn wir nicht aufpassen, verschärft sich diese Entwicklung in wenigen Jahren zu einer Krise mit massiven gesundheitlichen und gesellschaftlichen Folgen“, so Streeck bei der Pressekonferenz im Juli 2025.
Direkter Kontakt zur HZ-Redaktion
Haben Sie besondere Erfahrungen zu diesem Thema oder arbeiten Sie mit Jugendlichen, bei denen Sie die geschilderte Problematik beobachten? Haben Sie Hinweise oder besondere Zugänge und Netzwerke, um auf unsere Umfrage hinzuweisen? Dann schreiben Sie uns gerne direkt an jens.eber@hz.de
