Zwischen Aufbruchstimmung und Existenzsorgen

Fußgängerzone: Die Grabenstraße in Heidenheim sucht ihr neues Gesicht

Seit Jahresbeginn ist die Grabenstraße in Heidenheim offiziell Fußgängerzone. Eine Bestandsaufnahme zeigt ein geteiltes Echo unter den Anliegern. Bei der Stadt gehen indes erste Stimmen im Rahmen der Bürgerbeteiligung ein.

Wer durch die Grabenstraße läuft, erlebt ein widersprüchliches Bild: Während der motorisierte Verkehr verschwunden ist, bleibt das typische Flair einer Flaniermeile noch aus. Zwischen Rathausbaustelle und hoch aufragenden Bordsteinkanten, die einst für den Busverkehr optimiert wurden, herrscht eine Atmosphäre des Übergangs. Eine Umfrage unter den direkten Anliegern zeigt: Die Stimmung ist gespalten – zwischen der Freude über neue Aufenthaltsqualität und der Sorge um die Erreichbarkeit.

Gastronomie setzt auf den Sommer

Für einige Geschäftsleute war die Umwandlung zur Fußgängerzone der entscheidende Faktor für ihre Standortwahl. Robert Stankovic, der im Dezember die „Crêpes Deluxe Lounge – The King“ eröffnete, berichtet von einer bereits spürbaren Belebung: „Die Fußgängerzone hat den Ausschlag für den Standort gegeben. Es laufen mehr Leute draußen herum.“ Er plant derzeit eine erweiterte Außenterrasse mit 30 bis 40 Plätzen inklusive Lounge-Bereich.

Gastronom Robert Stankovic, der im Dezember eröffnet hat. Karin Fuchs

Ähnlich optimistisch zeigt man sich bei „Malowein“, wo Kunden bereits jetzt die Wintersonne ohne Busverkehr genießen. Auch hier gibt es laut Mitarbeitern Pläne, die Bestuhlung im Sommer auszuweiten.

Logistik und Erreichbarkeit als Hürden

Doch der neue Freiraum bringt logistische Herausforderungen mit sich. Ein Paketbote, der seine Sendungen nun mühsam per Handwagen vom Steingass-Parkplatz in die Grabenstraße rollt, bezeichnet die Regelung kurzum als „Mist“. Die Lieferzeiten bis 11 Uhr ließen sich oft nicht mit den Tourenplänen vereinbaren.

Diese Erfahrung teilen auch Claudia und Matthias Schäfer vom Blumengeschäft „City Blume“. Das Ehepaar kritisiert vor allem die fehlende Kommunikation im Vorfeld: „Wir wurden vorher nicht mit ins Boot geholt.“ Und das, obwohl sich das Geschäft schon seit 1973 an der Grabenstraße befindet und sie reichlich Erfahrung am Standort einbringen könnten. Was sie gerade im Winter besonders betrifft: Insbesondere bei empfindlicher Ware wie Hochzeits- oder Veranstaltungsfloristik sei der weite Weg zur Rathaustiefgarage bei Kälte problematisch. Die Blumen können kaputtgehen, wie bereits geschehen sei. Sie fordern mehr Toleranz, insbesondere während der Umbauphase.

Claudia und Matthias Schäfer von der City-Bume.
Claudia und Matthias Schäfer von der City-Bume. Karin Fuchs

Sorge um die ältere Kundschaft

Ein zentrales Thema ist die Mobilität älterer Menschen. Friseurmeisterin Mehtap Filiz vom „Hairpalast“ findet deutliche Worte: „Die haben die Straße schön tot gemacht.“ Sie berichtet von Kundenverlusten, da Taxis nicht mehr direkt vorfahren können. Eine ältere Kundin sei auf dem Weg zu ihr sogar gestürzt. Auch Bernd Sapper und Elke Ide vom Naturkostladen „Biothek“ sehen diesen Aspekt kritisch, haben sich mittlerweile aber mit der Fußgängerzone schon etwas angefreundet. Sie schätzen die neue Sauberkeit und das Ausbleiben der Busabgase, müssen aber nun Einkaufswagen an Kunden verleihen, damit diese bei größeren Einkäufen ihre Waren zu den entfernten Taxiständen oder Parkplätzen transportieren können – was personellen Mehraufwand bedeutet und nur dann geht, wenn im Laden gerade wenig los ist, berichtet Ide.

Bernd Sapper und Elke Ide von der Biothek. Karin Fuchs

Kritik an der Optik und der Atmosphäre

Ismail Fidan vom der Änderungsschneiderei „Tapferes Schneiderlein“ gefällt die Sperrung nicht. Er beobachtet, dass die Menschen aus Gewohnheit weiterhin auf den Gehwegen bleiben und die Fahrbahn meiden. Er sorgt sich zudem um Missverständnisse: Anwohner wie er, die ihre Parkplätze am Haus anfahren, würden oft von Passanten böse angeschaut. Und auch Kunden seien unzufrieden mit den weiten Wegen, vor allem, wenn sie mehr als nur ein Kleidungsstück tragen müssen.

Ismail Fidan von der Änderungsschneiderei "Tapferes Schneiderlein".
Ismail Fidan von der Änderungsschneiderei "Tapferes Schneiderlein". Karin Fuchs

Am Rand der Grabenstraße, beim „Elektro-Center Heidenheim“, ist die Lage etwas entspannter. Geschäftsführer Henry Hertäg begrüßte auf der einen Seite, dass der illegale Abkürzungsverkehr nun weg ist. Auf der anderen Seite bezeichnet er die aktuelle Atmosphäre der Straße als „langweilig“. Solange es nicht mehr Cafés oder Restaurants gebe und die Straße ihren Charakter behalte, werde sich das auch nicht ändern. Er habe den Vorteil eines Parkplatzes für Kunden, sodass er durch das Fahrverbot nicht so sehr betroffen sei wie andere. Auch die Anlieferer hätten sich mittlerweile an die neuen Anlieferungszeiten gewöhnt. Eine Mitarbeiterin ergänzt, dass der „Schilderwald“ am Eingang wie eine Baustelle wirke und die Verlegung der Behindertenparkplätze ein echtes Problem darstelle.

Henry Hertäg vom EleElektro-Center.
Henry Hertäg vom Elektro-Center. Karin Fuchs

Massive Kritik vom Taxigewerbe

Besonders deutlich wird die Kritik beim Taxigewerbe. Florian Bauer, Inhaber von Taxi Bißle, spricht von einem „täglichen Kampf“. Die Regelung, dass Taxis nur mit Krankentransportschein einfahren dürfen, sei in der Praxis kaum umsetzbar. „Neun von zehn Kunden sind unglücklich. Wir haben Fahrgäste, die alt oder gehandicapt sind – denen ist der Weg von der Ploucquetstraße zum Beispiel in die Hintere Gasse schlicht zu weit.“

Florian Bauer (Taxi Bißle)
Florian Bauer (Taxi Bißle) Landratsamt

Bauer berichtet von Bußgeldern in Höhe von 55 Euro, die bei unberechtigtem Einfahren abkassiert werden, und sieht einen Konflikt mit der Personenbeförderungspflicht: „Ich kann meinen Job nicht ausführen, wenn ich die Leute nicht abholen kann.“ Die Haltung der Stadtverwaltung empfindet er als unnachgiebig: „Der OB ist so beweglich wie ein Betonpfosten.“ Er befürchtet, dass ältere Menschen durch die weiten Wege zunehmend vereinsamen und die Innenstadt meiden.

Kinobetreiber droht mit Schließung

Massiver Widerstand kommt auch von Ralf-Christian Schweizer, Betreiber des Capitol-Kinos. Er hält das Konzept einer Flanierstraße für „Schwachsinn“ und kritisiert die logistische Unmöglichkeit der Belieferung, wenn die Zufahrt nur aus Richtung der Straße Am Wedelgraben erfolgen soll und die Ausfahrt nach Norden zur Brenzstraße zu ist. „Ein Zehntonner kann nicht umdrehen.“ Das betreffe auch Geschäfte in der Hauptstraße.

Ralf-Christian Schweizer, Geschäftsführer der Capitol-und-Kino-Center GmbH.
Ralf-Christian Schweizer, Geschäftsführer der Capitol-und-Kino-Center GmbH.Schweizer, der Geschäftsführer der Capitol-und-Kino-Center GmbH mit Kinos in Heidenheim, Aalen und Ellwangen. Rudi Penk

Schweizer, der nach eigenen Angaben jährlich 60.000 bis 70.000 Besucher in die Innenstadt bringt, stellt eine klare Bedingung: „Wenn das so bleibt und ich nur noch Probleme habe, mache ich zum Jahresende zu.“ Er wirft dem Gemeinderat vor, Bedenken der Betroffenen ignoriert und die Entscheidung ohne Rücksicht auf die Besonderheiten der Heidenheimer Topografie getroffen zu haben. Denn anders als Aalen oder Ulm sei Heidenheim durch den Schlossberg als Grenze nicht von allen Seiten aus erreichbar.

Heidenheims OB Michael Salomo verspricht, jede einzelne Einwendung zur Grabenstraße ernst zu nehmen.

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Heidenheim
Reaktion

Das rechtliche Verfahren bis Mitte 2026

Die aktuelle Situation in der Grabenstraße basiert auf einer verkehrsrechtlichen Anordnung, die bis zum 30. Juni 2026 befristet ist. Um diese in dauerhaftes Recht zu überführen, ist ein mehrstufiges Verfahren zur sogenannten „Teileinziehung“ notwendig:

Beteiligungsphase: Privatpersonen und Träger öffentlicher Belange haben drei Monate Zeit, Einwendungen zu erheben.

Abwägung: Die Stadt prüft jede Einwendung einzeln. „Dies kann zu einer Anpassung der Planung führen“, so die Verwaltung. Erst dann wird die Straße endgültig eingezogen.

Rechtskraft: Nach Ablauf einer einmonatigen Widerspruchsfrist wird die Widmung der Straße offiziell geändert und die neue Beschilderung dauerhaft angebracht. Ziel der Verwaltung bleibt es, die Grabenstraße langfristig als sicheren und attraktiven Raum für Fußgänger zu etablieren.