Sie ist aus Heidenheimer Sicht der Aufreger des Sommers: die Sperrung der Grabenstraße für die meisten Kraftfahrzeuge. Autofahrer, Anlieger, Radler, Fußgänger, Händler, Busfahrer, ÖPNV-Nutzer – die Zahl der mehr oder weniger Betroffenen ist groß, und nicht minder die der Bewertungen.
Zu den ersten, die mit der Neuerung konfrontiert waren, gehören die Fahrerinnen und Fahrer der Nahverkehrsunternehmen. „Unser Personal war gut vorbereitet, sodass es für dieses keine Überraschungen gab“, zieht Tobias Hoch, Betriebsleiter der Heidenheimer Verkehrsgesellschaft (HVG), ein erstes Fazit.
Bisher kaum Verspätungen
Folge: Obwohl die Busse jetzt nicht mehr den direkten Weg nehmen können, sondern einen Umweg über die Bahnhof- bzw. Ploucquetstraße zurücklegen müssen, blieb es bei einigen wenigen Verspätungen zu den Hauptverkehrszeiten. „Das war nicht dramatisch“, so Hoch, „im Großen und Ganzen konnten die Fahrpläne eingehalten werden.“ Ob das so bleibt, wird sich spätestens Mitte September zeigen. Mit dem Ende der Sommerferien ist dann auch ein deutlich höheres Verkehrsaufkommen zu erwarten.
In der vergangenen Woche erreichten vergleichsweise wenige Anrufe und E-Mails die HVG. Kritische Anmerkungen bekamen hingegen die Fahrer direkt zu hören, etwa weil die Haltestelle beim Rathaus nicht mehr bedient wird und stattdessen an den Ersatzhaltestellen ein- und ausgestiegen werden muss. Davon hatten manche Fahrgäste offenbar noch nichts mitbekommen, und so wartete anfangs der Woche der eine und die andere an gewohnter Stelle – vergeblich – auf den Bus.
Kritische Leserbriefe
Während in Leserbriefen kritische Ansichten aufgrund von längeren Fußwegen und Nachteilen für Schwerbehinderte zu Wort kamen, und jüngst auch beim Bürgerspaziergang mit OB Michael Salomo Vorbehalte gegen den Verkehrsversuch laut wurden, äußern sich vor Ort manche Passanten durchaus zustimmend: „Man kann völlig ungestört bummeln und sich schon vorstellen, wie das aussehen wird, wenn hier einmal Bäume stehen und es hoffentlich Cafés und Läden gibt“, sagt eine ältere Frau, die an der Sankt-Pöltener-Straße aus dem Bus ausgestiegen ist.
Die Stadtverwaltung spricht derweil auf Nachfrage von insgesamt positiven Reaktionen auf die Sperrung der Grabenstraße: „Viele Bürgerinnen und Bürger loben die neue Aufenthaltsqualität: weniger Lärm, mehr Ruhe und damit die Möglichkeit, sich dort ungestört aufzuhalten und die Innenstadt noch besser genießen zu können.“ Gerade für die Fußgänger bedeute das einen deutlichen Gewinn.
Eine wahre Flaute für die Geschäftswelt befürchtet hingegen eine ältere Dame, die vor allem die Hauptstraße abgeschnitten sieht: „Was machen die alten Leute, die sich in der Vergangenheit per Taxi in die Grabenstraße fahren lassen konnten, um sich zum Beispiel ein neues Band für die Armbanduhr zu kaufen?“
Für Taxen ist die jetzt komplett als Fußgängerzone ausgewiesene Nord-Süd-Achse fortan grundsätzlich tabu. Ein Problem kann das etwa für Personen sein, die als Patienten eine Orthopädiepraxis aufsuchen möchten und keine größere Strecke zu Fuß zurücklegen können. „Wir stehen mit Einzelhändlern und Unternehmern im Austausch, um Lösungen für eventuell auftretende Probleme zu erarbeiten“, sagt Rathaussprecher Christoph Steeger. Urlaubsbedingt seien noch nicht alle Betroffenen zu erreichen gewesen, „wir bemühen uns aber um eine zeitnahe Abstimmung“.
Behindertenstellplätze am Wedelgraben
Zumindest bis dato gibt es keine Sonderregelung für Rollstuhlfahrer. Sie werden auf drei ersatzweise am Wedelgraben markierte Behindertenstellplätze verwiesen. Weitere zwei befinden sich hinter dem Haus Am Wedelgraben 40.
Dass der Lieferverkehr, die Müllentsorgung und weitere zum Teil große Lkw bis auf Weiteres nur von Süden her in die Grabenstraße gelangen, führt nach Darstellung eines Anliegers zu „unglaublichen Umwegen“, die die Umwelt belasteten und das Rangieren erschwerten. Hinzu komme eine aus seiner Sicht mangelhafte Kommunikation seitens der Stadt: „Vielleicht hätte man das mit den Anliegern im Vorfeld diskutieren sollen, aber so kann das definitiv nicht bleiben.“
Ruf nach Brötchentaste
Anwohner, Service- und Wartungsfahrzeuge hätten unter massiven Einschränkungen zu leiden. „Das Projekt ist bereits gescheitert“, so der Geschäftsmann, „denn eine Innenstadt muss leben und belebt werden.“ Analog zu anderen Städten bringt er Kurzzeitparkplätze mit einer sogenannten Brötchentaste ins Spiel, damit schnell etwas erledigt werden könne.
Ein solcher Schritt scheint ausgeschlossen, widerspräche er doch völlig der Zielsetzung des Versuchs. Dass die Entwicklung gleichwohl permanent beobachtet werde, „um herauszufinden, was funktioniert und was nicht“, hatte Salomo beim Bürgerspaziergang Mitte vergangener Woche zugesichert. So wurde festgelegt, dass das Radfahren auf der Grabenstraße weiterhin uneingeschränkt gestattet ist.
Einfahrt mit Sondergenehmigung
Wer einen privaten Stellplatz besitzt, kann eine Sondergenehmigung beantragen und darf damit rund um die Uhr in die Grabenstraße einfahren. Das galt bisher schon für die Hauptstraße und die Hintere Gasse.

Zu Beginn des Testlaufs verzichtete die Stadtverwaltung bewusst auf Kontrollen, weil den Bürgern die Möglichkeit gegeben werden sollte, sich an die neue Situation zu gewöhnen. Seit dieser Woche erfolge die Überwachung „immer engmaschiger“, verlautet aus dem Rathaus.
Markierung ist gesetzeskonform
Die Stadtverwaltung verhehlt nicht, dass die Sperrung der Grabenstraße auch von kritischen Stimmen begleitet ist, besonders mit Blick auf den Busverkehr. Zum Ausdruck komme die Sorge, dadurch könnten möglicherweise weniger Besucher die Innenstadt aufsuchen. „Daher wird momentan von der Verkehrsplanung noch eine alternative Routenführung geprüft“, heißt es in einer Stellungnahme des Rathauses. Genau für solche Fragen sei der laufende Test auch gedacht: „Wir wollen erproben, wie sich die Sperrung im Alltag auswirkt, welche Vorteile sie bringt, und an welchen Stellen eventuell nachgesteuert werden sollte.“ Ziel sei es, auf Grundlage der Rückmeldungen von Bürgerschaft, Handel und Verkehrsbetrieben eine fundierte Entscheidung zu treffen, die langfristig die Qualität der Innenstadt stärke.
Mehrere Radler haben sich unterdessen bei der HZ darüber beschwert, dass sie auf die Fahrbahn ausweichen müssten, weil jetzt Busse an den Ersatzhaltestellen auf den Radfahrstreifen hielten. Die Verwaltung verweist darauf, dass die Markierung für den Radverkehr an den provisorischen Haltestellen einem Musterblatt des baden-württembergischen Verkehrsministeriums entnommen worden und bisher schon an mehreren Stellen im Stadtgebiet zu finden sei.