HZ-Serie „Im Winterschlaf“

Wo Segelflugzeuge in Heidenheim überwintern: unten im Keller statt über den Wolken

Im Sommer ist die Fliegergruppe Heidenheim/Steinheim auf der Schäfhalde in Steinheim aktiv. Doch im Winter werden die Segelflugzeuge eingelagert. Was mit ihnen in der kalten Jahreszeit passiert.

Mehr als knöchelhoch liegt der Schnee flächendeckend auf der Landschaft, bei jedem Schritt knirscht der Boden. Büsche und Sträucher sind mit einer dicken weißen Schicht überzogen. Vereinzelt lassen sich Spuren im Schnee erkennen: Schuhabdrücke, Hundepfoten, Wildtiere. Hier oben, auf dem Plateau oberhalb des Steinheimer Kraters, bläst der Wind kräftiger als im Kessel, schneidet förmlich in die Haut im Gesicht. Es herrscht völlige Ruhe, vor allen Dingen weiter hinten, dort, wo die Segelflieger ihr Domizil und Vereinsheim haben. Winterschlaf sozusagen.

Häufig sieht man sie – und das auch aus weiter Entfernung - in den Sommermonaten ihre weiten und engeren Kreise am Himmel ziehen. Sind die Witterungsbedingungen günstig, stehen die Winde richtig, schrauben sie sich förmlich in Spiralen in den wolkenlosen Himmel, bis sie nur noch glitzernde Punkte im tiefen Blau sind. Stundenlang können sie dann dort oben verweilen, stets auf der Suche nach dem nächsten Aufwind, der das Flugvergnügen noch ein bisschen verlängern kann. So lange eben, bis sie wieder zur Landung ansetzen und dorthin zurückkehren, wo sie aufgestiegen sind: Auf die Schäfhalde in Steinheim.

Hier hat die Fliegergruppe Heidenheim/Steinheim ihr sommerliches Domizil, treffen sich die Mitglieder, um ihrem Hobby, dem Segelfliegen nachzugehen. „Wir haben hier den ältesten Flugplatz weit und breit, schon in den 1930er Jahren wurde hier geflogen“, erzählt Arthur Penk, Schriftführer des Vereins. Im Gegensatz zu anderen Flugplätzen der Region werden hier die Flugzeuge nur mittels Winde in den Himmel gezogen, nicht mit Motorflugzeugen. „Das erfordert von den Piloten deutlich mehr Erfahrung und Können, es ist deutlich schwieriger und anspruchsvoller, den notwendigen Aufwind zu finden“, so Penk. Aufgrund der geografischen Besonderheit, die das Hochplateau bietet, war es von jeher für Flieger interessant. „In den 1930er Jahren waren hier bis zu 40 Schulungsflugzeuge stationiert, die Halle war dreimal so groß wie heute“, so der Schriftführer.

Längst vergangene Zeiten: Bis zum Ende des 2. Weltkriegs wurden unter der Bühlturnhalle ganze Flugzeuge gebaut.
Längst vergangene Zeiten: Bis zum Ende des 2. Weltkriegs wurden unter der Bühlturnhalle ganze Flugzeuge gebaut. Fliegergruppe

Werkstatt unter der Turnhalle

Auf diese Zeit geht auch eine Besonderheit zurück, die noch heute nichts an Aktualität eingebüßt hat: Über die Wintermonate hinweg werden die Flugzeuge des Vereins in Heidenheim eingelagert. „Da die Hallen auf der Schäfhalde nicht beheizt waren, aber im Winter, damals wie heute, die notwendigen Wartungsarbeiten an den Flugzeugen stattfinden, wurde vor beinahe 100 Jahren in der damals schon bestehenden Bühlturnhalle ein Keller ausgeschachtet. Hier richteten die Flieger eine komplett ausgestattete Werkstatt ein, in der die Flugzeuge gewartet wurden“, erzählt Penk.

Viele helfende Hände sind gefragt: Durch eine enge Öffnung müssen die Flugzeuge in den Keller unter Bühlturnhalle befördert werden. Fliegergruppe

Und das ist auch heute noch so. Nur die wenigsten Menschen werden wissen, dass die Steinheimer Fliegergruppe noch immer ihre Flugzeuge im Keller der Turnhalle beim Schillergymnasium einlagert. „Die Saison dauert bei uns immer von Ostern bis Mitte Oktober, den Winter verbringen die Flugzeuge dann in der Werkstatt“, so Penk. Und so werden die vier vereinseigenen Segelflugzeuge noch heute alljährlich in ihre fünf Hauptkomponenten zerlegt, von Steinheim nach Heidenheim gekarrt und dort händisch in den Keller befördert. „Das ist natürlich heute deutlich schwieriger als früher. Wog vor Jahrzehnten ein ganzes Flugzeug noch 120 Kilogramm, so bringt das heute schon ein Flügel auf die Waage“, so der Schriftführer.

Man kann sagen, dass auf eine Flugstunde zehn Arbeitsstunden kommen.

Arthur Penk, Schriftführer

Haben es die Flugzeuge dank vereinter Kräfte und vieler Hände erst durch den engen Einstieg über die steinerne Treppe in die Katakomben der Turnhalle geschafft, gibt es für die Vereinsmitglieder über Monate hinweg jede Menge Arbeit: „Man kann sagen, dass auf eine Flugstunde zehn Arbeitsstunden kommen“, erklärt Penk. Wichtig bei den Wartungsarbeiten ist, dass jeder Schritt, jeder Handgriff genau dokumentiert werden muss, ebenso wie jede Schraube, die verwendet oder ausgetauscht wird. „Das ist bei Segelflugzeugen nicht anders als bei Passagierjets.“ Die Regeln des Luftfahrt-Bundesamtes gelten auch für die Steinheimer Flieger. Unter den Mitgliedern der Gruppe gibt es Fachleute für die verschiedensten Bereiche, die ihr Wissen teils seit vielen Jahren beherrschen und auch weitergeben. „Wir haben hier eine unterirdische, komplett ausgestattete Werkstatt. So etwas gibt es weit und breit nicht nochmal“, so Penk.

In der Bühlturnhalle beim Schillergymnasium hat die Fliegergruppe ihr Winterdomizil. Rudi Penk

Vor Jahrzehnten, in den 1930er-Jahren, wurden hier, im Keller der Turnhalle, Flugzeuge nicht nur gewartet und erneuert, sondern auch konstruiert und gebaut. Doch sind diese Zeiten längst vergessen.

Aber nach wie vor treffen sich die Mitglieder hier über die Wintermonate immer freitags, arbeiten, säubern, bessern aus. Natürlich spielt auch der Austausch eine Rolle, man redet miteinander, erzählt Anekdoten, gibt Wissen weiter. „Die Jungen lernen von den Älteren, und das ist enorm wichtig, denn wir haben sehr erfahrene Werkstattleiter“, so Penk. Rund 15 der etwa 60 Mitglieder der Fliegergruppe sind aktiv und beteiligen sich regelmäßig an den Arbeiten und wöchentlichen Treffen. Und sie werden auch wieder Hand anlegen, wenn die Segelflugzeuge nach dem Ende der Winterpause zurück zur Schäfhalde transportiert werden.

Ausnahme in diesem Winter

Das alljährliche Einlagern der Segelflugzeuge im Keller der Bühlturnhalle ist in diesem Winter ausnahmsweise ausgefallen. Aufgrund der Sanierungsarbeiten, die in den zurückliegenden beiden Jahren in der Turnhalle stattfanden, konnten die Segelflieger ihre Werkstatt nicht nutzen. Vielmehr überwinterten die Flugzeuge bei einem luftfahrttechnischen Betrieb und wurden dort auf Vordermann gebracht. Ihr Winterquartier nutzen die Mitglieder der Fliegergruppe trotzdem, um die Werkstatt wieder einzurichten und auf den neuesten Stand zu bringen.