Kirmes im Kopf

Wie lebt es sich als Erwachsener mit ADHS? Zwei Männer aus der Region Heidenheim berichten

Nicht nur Kinder sind betroffen – auch Erwachsene leiden an ADHS. Wie Thomas Mahlau (46) und Dominik Atar (26) aus der Region Heidenheim.

Die beiden Männer haben mehrere Gemeinsamkeiten: Beide verhielten sich „auffällig“ in der Grundschule – Zappelphillipe, die weder Stillsitzen noch Ordnung halten konnten. Ihre Jugend bezeichnen sie als „problembehaftet“ und als Erwachsende sind sie rastlos und sprunghaft, vielseitig interessiert und ebenso kreativ wie eloquent. Dominik Atar ist 26 und bekam die Diagnose ADHS, kurz für Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung, mit neun Jahren. Als Thomas Mahlau zur Schule ging, gab es diese Diagnose noch nicht. Erst seit fünf Jahren hat der 46-Jährige nicht nur Vermutungen, sondern einen gesicherten Namen für das, was da in seinem Kopf los ist.

Wie ein Sportwagen, der im Gehirn Vollgas fährt

„Es ist permanenter Lärm, wie Kirmes im Kopf“, sagt Mahlau. Dominik Atar beschreibt es als Sportwagen in seinem Gehirn, der Vollgas fährt. Für beide ist die Welt lauter als für andere, heller und dadurch auch anstrengender. Das macht es schwer, sich auf eine Sache zu konzentrieren. Man ist leicht ablenkbar, hat Schwierigkeiten, Prioritäten zu setzen. „Normale Gehirne filtern Unwichtiges von Wichtigem. Wir nehmen alles wahr. Es ist eine permanente Reizüberflutung“, sagt Mahlau, der in Dillingen geboren und in Steinheim aufgewachsen ist.

Und weil man sich schlecht nur auf eine Sache konzentrieren kann, muss ständig Neues ausprobiert werden. Dominik Atar aus Burgau wollte nach der Schule – wegen der ADHS wäre er fast auf der Sonderschule gelandet, hat mittlerweile aber sein Fachabitur in der Tasche – mit Tieren arbeiten, dann Heilerziehungspfleger werden. Er begann ein freiwilliges soziales Jahr, brach es aber ab, weil er Probleme hatte, sich einzufügen und pünktlich zur Arbeit zu erscheinen. Musiker wäre er gerne, brachte sich selbst Schlagzeug, Gitarre und Klavier bei.

Thomas Mahlaus Lebenslauf ist länger und hat so viele Stationen, dass man sie kaum aufzählen kann. Er war in der Hotel- und Reisebranche, in der Start-up-Szene, machte eine Ausbildung zum Sommelier und beschäftigte sich mit künstlicher Intelligenz. „Jede Tätigkeit wird schnell zur Routine und Routinen sind langweilig“, sagt er. Also braucht es schnell wieder eine neue Herausforderung.

„ADHS ist eine Superschwäche, aber auch eine Superkraft“

Ein anstrengendes Leben, oder nicht? „ADHS ist eine Superschwäche, aber auch eine Superkraft“, so Mahlau. „Man hat eine hohe Auffassungsgabe, findet schnell kreative Lösungen und kann problemlos mehrere Dinge gleichzeitig erledigen. Dazu kommt die große Begeisterungsfähigkeit für Neues.“ Aber unendlich kann man die Superkraft nicht ausreizen. „Natürlich bricht das Kartenhaus irgendwann zusammen, wenn man sich zu viel zugemutet hat.“ Zudem sei es eine permanente Anspannung so zu tun, als wäre man wie alle anderen. „Smalltalk bei einer Firmenfeier, Augenkontakt bei einem Gespräch halten, andere ausreden lassen. Was für andere normal ist, strengt uns an“, sagt Mahlau.

Dazu kommt: Bei ADHS gibt es häufig Zweitdiagnosen, wie etwa Suchterkrankungen. „Man kompensiert die Anstrengung mit Suchtmitteln oder es entwickelt sich eine Depression“, erklärt Mahlau. Letzteres war bei Dominik Atar der Fall. „Ich dachte lange, ich hätte kein ADHS mehr, weil ich nicht mehr hyperaktiv war, nicht mehr leistungsfähig“, sagt er. Es war aber die Depression, die ihn und seinen Sportwagen im Gehirn ausbremste. „Wenn ADHS lange unbehandelt bleibt, kann sich daraus eine Depression entwickelt“, weiß er heute. Das Problem, das sich aus der Kombination von Hyperaktivität durch ADHS und der gedrückten Stimmung, die durch eine Depression ausgelöst wird: „Man will eine große Aufgabe und hat überhaupt keine Power.“ Seit ein paar Tagen nimmt Dominik Atar Medikamente. Seine Hoffnung: „Ich wünsche mir die Kraft zurück, um richtig ins Leben starten zu können.“ Und er hat auch einen Wunsch: „Eltern sollten ihren Kindern, wenn sie in der Schule auffällig sind, zuhören und versuchen zu verstehen, was in ihren Köpfen los ist. Lieber einen ADHS-Test beim Psychologen oder Psychiater mehr, als einen zu wenig.“

Sucht, Depression – Zweitdiagnosen sind häufig

Bei Thomas Mahlau kam neben ADHS eine bipolare Störung mit manischen und depressiven Phasen dazu. Auch er nahm Medikamente. Klassischerweise wird ADHS mit Ritalin behandelt. Weil er das nicht vertrug, erhielt er reines Amphetamin. „Nach anfänglicher Besserung wurden die Nebenwirkungen immer schlimmer. Meine manischen Phasen wurden noch befeuert“, erklärt er. Während einer dieser euphorischen Hochphasen entwickelte Mahlau auch das gastronomische Projekt Wandelbar in Heidenheim. „Ich wollte sechs gastronomische Betriebe in einem vereinen. Es sollte so groß und wahnsinnig wie möglich sein und war damit zum Scheitern verurteilt“, sagt er rückblickend. Es war einfach zu viel. „Ich habe körperliche Signale wie Erschöpfung nicht mehr erkannt, war nächtelang wach. Man vergisst sogar, zu essen.“

Die Wandelbar in Heidenheim an die Wand gefahren

Der Zusammenbruch war vorprogrammiert. „Ich habe die Wandelbar an die Wand gefahren und wirtschaftlichen Schaden hinterlassen“, sagt Mahlau offen. Es folgte die Flucht – nach vorn. Er brach die Zelte in Heidenheim ab und schlug sie im August vergangenen Jahres an der Nordsee, genauer in St. Peter Ording, wieder auf. „Ich war einfach fertig, brauchte eine Auszeit, um zu mir selbst zu finden.“ Eine Psychiatrie war für ihn keine Option, also habe er mit seinem Therapeuten und Lebenscoach einen Zwölf-Monatsplan entworfen. Medikamente nimmt er keine mehr. Stattdessen versucht er mit Tagesstrukturplänen, viel Ausgleich, Schlaf, Sport und erfüllenden Aufgaben ein ausgeglichenes und störungsfreies Leben zu führen. „Man muss lernen, sich zu überwachen und auf körperliche Signale zu hören“, erklärt Mahlau. „Deshalb schreibe ich auch über meine Probleme in sozialen Medien und deshalb spreche ich mit Ihnen. Das ist alles Teil meiner Therapie.“ Für immer hat Mahlau Heidenheim nicht den Rücken gekehrt. Nach den zwölf Monaten möchte er zurück in die Heimat kommen.

Botenstoffe im Gehirn

Etwa 1,8 Millionen Erwachsene in Deutschland sind von ADHS betroffen – und viele wissen es nicht. Bei ADHS ist das Gleichgewicht der Botenstoffe im Gehirn (Neurotransmitter) gestört. Daraus resultieren unter anderem Konzentrationsschwierigkeiten oder eine kurze Aufmerksamkeitsspanne und/oder übermäßige Aktivität.

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