Blickt man durch die großen Fenster des Wintergartens hinaus in die neblige und menschenleere Fußgängerzone, wirkt beinahe alles so wie früher. Doch sobald man den Kopf wendet, sieht man: Das ist es nicht. So leergeräumt, ohne Tische, Stühle, Deko, wirkt der Wintergarten kleiner als gedacht. Hier, im ehemaligen Café Sonnleitner, erinnert kaum noch etwas an die Zeiten, in denen hier Kaffee getrunken und Torte gegessen wurde.
Im Erdgeschoss herrscht gähnende Leere: Die Theke ist längst ausgebaut, an manchen Stellen geben aus dem Boden ragende Leitungen noch Rückschluss darauf, dass hier dereinst gezapft wurde, aus den Wänden hängen teils Stromkabel. Immer wieder ist zu erkennen, dass in Wände und Boden Löcher gebohrt wurden. „Bevor wir das Gebäude abreißen können, ist eine Schadstoffuntersuchung notwendig, für diese Gutachten müssen Probebohrungen gemacht werden“, erklärt Stefan Bubeck, Leiter des städtischen Geschäftsbereichs Hochbau.
Dass der Sonnleitner-Bau abgerissen wird, ist beschlossene Sache. An der Stelle des direkt ans Elmar-Doch-Haus angrenzenden Gebäudes soll ein Platz geschaffen werden, der auch gastronomisch eine Rolle spielt: als Außenbereich des „Extrablatt“, das im ehemaligen Heidenheimer Rathaus eröffnet werden soll.

Wie es im Innern des Heidenheimer Elmar-Doch-Hauses aussieht
Die Vertäfelungen von den Wänden im früheren Gastraum sind längst abgerissen, kalt, leer und verlassen ist er heute. Das gilt auch für den Rest des Gebäudes. Über eine schwarze Kunststeintreppe gelangt der Besucher in den ersten Stock. Noch deutlich zu erkennen ist, dass hier, in den bis an die Decke weiß gefliesten Räumen einst die Konditorei war, alte große Teigmaschinen stehen seit Jahren ungenutzt in der Ecke. Auch die beiden großen Kühlräume künden noch von der Zeit, in der hier Torten und Kuchen gefertigt und aufbewahrt wurden. Nebenan, in der früheren Küche, hängt noch immer ein Zettel an der Wand, der die Beschäftigten auf die Hygiene und das richtige Anrichten der Gerichte hinweist. Auch der Speisenaufzug, der den Gastraum mit den ersten Stock verbindet, ist noch immer präsent.
Im Eigentum der Stadt
Im Frühjahr 2022 hat die Stadt das damals bereits leerstehende Gebäude gekauft. „2025 haben wir damit begonnen, zu entrümpeln“, erklärt Bubeck. Doch die Entkernungs- und Abbrucharbeiten übernehme ein Unternehmen. „Wir gehen davon aus, dass das Entkernen und Entsorgen vier bis sechs Wochen dauert, der eigentliche Abbruch des Gebäudes ungefähr genauso lange.“
Erbaut wurde das Gebäude wohl im frühen 19. Jahrhundert. Es war über viele Jahrzehnte hinweg Bäckerei, später dann Wirtshaus unter dem Namen „Bettlade“. Damals noch zweistöckig, kamen im Lauf der vielen Jahre immer wieder An- und Umbauten hinzu, so dass vom ursprünglichen Haus kaum noch etwas übrig ist. 1927 etwa wurden zwei zusätzliche Stockwerke aufgesetzt, weitere Umbauten gab es 1971 und 1978 mit dem direkten Anschluss ans Elmar-Doch-Haus. Der heute noch bestehende Wintergarten, der in die Fußgängerzone ragt, wurde erst 1984 in Betrieb genommen.
Kein Denkmalschutz
Dass das Gebäude mehrfach umgebaut wurde, ist auch im zweiten Stock und im Dachgeschoss gut erkennbar. Hier lebten früher die Betreiber des Cafés auf zwei Stockwerken in einer großen, aber sehr verschachtelten Wohnung. Parkettboden und ein längst erloschener offener Kamin vermitteln Heimeligkeit, Tapeten an den Wänden und die Bäder machen deutlich, dass hier schon lange nicht mehr renoviert wurde. Kleine Treppen auf einer Etage zeugen davon, dass das Gebäude im Laufe der Jahrzehnte immer wieder umgebaut und verändert wurde. Dies ist wohl auch der Grund dafür, dass das Café Sonnleitner trotz seiner alten Bausubstanz nicht unter Denkmalschutz steht und einfach abgerissen werden kann. Beim Gang durch die leerstehenden Räume findet sich auch nichts, das in den Augen eines Laien schützenswert wäre.

Noch steht nicht fest, wann tatsächlich mit dem Abriss begonnen wird, doch wie er erfolgen soll, ist Bubeck zufolge sicher: „Der Abbruch erfolgt von der Hinteren Gasse aus, dann arbeitet man sich Stück für Stück nach vorne Richtung Hauptstraße. Eine Sperrung der Fußgängerzone wird wahrscheinlich nicht notwendig sein.“
Die nahezu 200-jährige Geschichte des Gebäudes ist zwar schon mit der Schließung des Café Sonnleitner beendet worden, doch mit dem bevorstehenden Abriss wird sie in Vergessenheit geraten. Aber immerhin: Wenigstens das Grundstück wird vielleicht in ein paar Jahren wieder Gäste sehen – bei der Außenbewirtschaftung.


