Stehen nicht zwei, sondern vier oder gar sechs Musiker auf der Bühne? Der Augenschein sagt nein, das Gehör zweifelt. Ein kleines technisches Gerät, mit einem Pedal zu bedienen, macht aus einem Duo kein Orchester, doch es hilft Gregor und Veit Hübner, dichte Klangwelten zu schichten, die sie in ihrem Spiel zu magnetischen Sounds werden lassen. Das Publikum von Jazz Heidenheim war am vergangenen Freitag in der Alten DHBW das erste, das hören durfte, wozu eine Geige und ein fünfsaitiger Kontrabass fähig sind, wenn sie die Brüder Hübner spielen. Zu Beginn noch etwas skeptisch, war die Premieren-Zuhörerschaft am Ende mehr als begeistert.
Looper nennt sich das kleine Gerät, das kurze Melodien oder rhythmische Muster speichern und per Knopfdruck in Schleifen wiedergeben kann. Gregor Hübner an der Geige und Veit Hüber am Kontrabass konnten so ihr Spiel verdoppeln oder gar verdreifachen, aber sie blieben als Duo immer kohärent im Modellieren ihrer ausgefeilten Melodien.
Internationale DNA der „Huebner Brothers“
Virtuosität ist die DNA der Hübners. „Huebner Brothers“ nennen sich beide, wenn sie professionell auftreten. Denn ihre zweite Heimat neben München ist seit Jahrzehnten New York. Weltläufig ist auch ihre Musik. Klassik, Jazz, Volks- und Weltmusik kommen in ihren „melting pot“. Auch in der Spieltechnik scheinen Gregor und Veit Hübner keine Grenzen zu kennen. Ihre Klangsprache kann spröde und sanft sein, wuchtig und filigran, sie kann stürmen und ruhig fließen – und sie meidet das Erwartbare. Ihre Artistik an den Saiten ist kein Selbstzweck und keine Show.
Die Hübners extrahieren ihre ganz eigene Musik aus vielfältigsten Inspirationen. Das kann ein Reigen sein, eine brasilianische Bossa, die Zeitgeschichte. Das Stück „Angry Times“ hat Gregor Hübner zu Beginn der ersten Amtszeit von Donald Trump geschrieben. Es ist aktuell geblieben. Die in Kuba gelebte Religion Santería hat die Brüder zu einer „Jerobeam Fantasy“ geführt, aufgebaut auf extrem komplexen Rhythmen.
Berührendes Requiem
Gregor Hübner hat zuerst klassisches Klavier studiert. Von der Jazz-Geige überzeugt hat ihn in New York Richie Beirach überzeugt. Vor gut einer Woche ist dieser Pianist, Komponist und Musikprofessor, der so vielen Jazz-Musikern und -Musikerinnen ein wichtiger Lehrer war, im Alter von 78 Jahren in Worms verstorben. Die Brüder Hübner, die über Jahre mit Beirach gespielt haben, zitierten in Heidenheim seinen „Sunday Song“ und verwandelten diesen in ein berührendes Requiem. Ihr Tango „Hermanos“ war das vielleicht am meisten mitreißende Stück an diesem Abend – und für Veit Hübner in Sachen Tempo am Kontrabass das wohl verwegenste.
Einen Beitrag zum guten Gelingen des Konzerts haben auch die Verantwortlichen für die Klangtechnik von Jazz Heidenheim geleistet, die beide Instrumente in der Cafeteria der DHBW voll zum Tragen brachten. Dafür gab es ein großes Dankeschön der Hübners. In Erinnerung an Richie Beirach spielten sie auch dessen letzte Komposition „Leaving“. Viel Beifall und ein Stück von John Coltrane als Zugabe: ein starker Abend.

