Ein himmelblaues Portal

Wie die Heidenheimer Michaelskirche zum Gemeinschaftsort junger Christen wird

Hämmern, Sägen und Upcycling statt Stille: In der Faschingswoche verwandelt sich die Heidenheimer Michaelskirche in eine lebendige Werkstatt. Mehr als 20 Jugendliche gestalten den Innenraum um, um Glaube und moderne Lebenswelt zusammenzubringen.

Wer in diesen Tagen die Michaelskirche betritt, spürt sofort eine Energie des Umbruchs. Wo früher Stille herrschte, ist jetzt Hochbetrieb. Mehr als 20 junge Menschen arbeiten mit Hochdruck daran, das „Church Makeover“ der alten evangelischen Stadtkirche Realität werden zu lassen. Aus ausgedienten Metallfässern entstehen schicke Regale, aus Skateboard-Decks werden kleine Tische gefertigt. „Wir versuchen, viel über Upcycling zu machen, das spart Geld und macht Spaß“, sagt Jugendreferent Stefan Hörz, der vor einem halben Jahr nach Heidenheim gekommen ist, um sich der Michaelskirche anzunehmen.

Dekan Gerd Häußler (links) und Jugendreferent Stefan Hörz präsentieren die ersten Ergebnisse des Umbaus in der Michaelskirche. Die Bar (ganz rechts) und die Sitzgruppen wurden gemeinsam mit Jugendlichen aus Heidenheim gestaltet.

Halfpipe und Boulderwand: Wie die Michaelskirche in Heidenheim zum trendigen Ort für Jugend und Glauben werden soll

Die Bar unter der Empore ist fast fertig, die Sofas laden zum Chillen ein: Gemeinsam mit Jugendlichen erfindet Jugendreferent Stefan Hörz die Heidenheimer Michaelskirche neu. Die Ideen sind außergewöhnlich und verbinden Action mit Spiritualität.
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Heidenheim
Kirche neu gedacht

Partizipation als Erfolgskonzept

Was in der Kirche passiert, ist kein fertiges Konzept „von oben“. Via Instagram konnten Jugendliche in einer Umfrage abstimmen, welche Elemente sie sich für „ihre“ Kirche wünschen. Die am meisten gelikten Beiträge werden nun handwerklich umgesetzt. Viele der Beteiligten bringen Erfahrung aus ihren Hobbys oder Berufsausbildungen mit und geben ihr Wissen an andere weiter. „Sie machen nicht nur Dinge, die Spaß machen, sondern packen auch bei schweren Aufgaben richtig mit an“, lobt Hörz den Arbeitseifer.

Dass dieses Konzept der „Open Church“ schon jetzt Barrieren bricht, zeigt der Alltag: „Jugendliche, die sich nie für Kirche interessiert hätten und vielleicht nur vorbeikamen, um eine Zigarette zu rauchen, werden aufmerksam“, berichtet Hörz. Zwei Mädchen seien so spontan zum Mitmachen motiviert worden und wollen nun regelmäßig kommen.

Action mit Botschaft und Respekt vor dem Denkmal

Wie sehr diese moderne Form der Kirche ankommt, bewies der „Miki“-Gottesdienst Ende Januar. Die Kirche war so voll wie selten zuvor. Der spektakuläre Abschluss – ein Sprung von der Empore auf ein Luftkissen – verdeutlichte das nach bekanntem Vers: „Nach unten kannst du nicht tiefer fallen als in Gottes Arme.“

Das himmelblaue Portal auf der Halbhöhe

Der Wandel macht vor den Kirchentüren nicht halt. Vor der Kirche soll mit Sitzmöbeln aus Paletten ein Aufenthaltsbereich entstehen. Und auf der Halbhöhe zum Kirchenbau wird ein bisher vernachlässigtes Eck zum einladenden Vorplatz umgestaltet. Unkraut und Erde werden vom Pflaster gekratzt, mit dem Hochdruckreiniger wird gesäubert, um Platz für Sitzgelegenheiten und eine markante Neuerung zu schaffen: eine Gebetstelefonzelle, gestaltet in Himmelblau mit weißen Wolken. Hier können Passanten künftig Gebetskarten nutzen oder eigene Gedanken hinterlassen. Ein unansehnliches „Kritzel-Graffiti“ an einer angrenzenden Wand soll ebenfalls verschwinden und später durch ein professionelles Graffiti-Kunstwerk ersetzt werden. Zur langfristigen Aufwertung soll künftig auch die Expertise einer Landschaftsarchitektin aus dem Kirchengemeinderat einfließen, freut sich Hörz.

Der Bereich auf Halbhöhe neben der Kirche wird aufgehübscht: Unkraut und alte Erde werden entfernt.
Der Bereich auf Halbhöhe neben der Kirche wird aufgehübscht: Unkraut und alte Erde werden entfernt. Natascha Schröm

Unterstützt wird das Projekt in dieser Woche von zehn jungen Menschen der evangelischen Kirche aus der Slowakei. Der Austausch, initiiert von Markus Rücker, soll in einer niederschwelligen Partnerschaft über Ländergrenzen hinweg münden. In gemischten Teams wird gemeinsam gebaut und kommuniziert – auf Englisch, Deutsch oder mit Händen und Füßen. Nach der Arbeit stehen gemeinsame Ausflüge, wie ein Besuch der Face-off-Arena in Ulm, auf dem Programm.

Bitte keine Action in der Heidenheimer Michaelskirche

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Den Verantwortlichen in Heidenheim sind die Pferde durchgegangen

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Trotz aller Begeisterung vor Ort wurden nach Bekanntwerden der Pläne auch kritische Stimmen laut, etwa zur geplanten Halfpipe im Kirchenraum vor der Orgel. „Wir nehmen die Kritik ernst“, sagt Hörz. Ein detaillierter Plan samt Sicherheitskonzept mit besonderer Rücksicht auf die Orgel wird derzeit erarbeitet. Auch bei der Idee einer Boulderwand auf der Empore findet eine enge Abstimmung mit dem Denkmalschutz statt. Den Beteiligten sei es wichtig, das Gotteshaus nahbar zu machen und zu schätzen, ohne die Schönheit des Gebäudes zu beeinträchtigen.

Sobald die ersten Arbeiten abgeschlossen sind, soll der Erfolg mit einem großen „MiKi-Eröffnungsgottesdienst“ und einer Kirchenparty gefeiert werden. Der Termin steht bislang nicht fest.

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Heiliger Bimbam (5 von 17)