Kunst am Bau kann mit einem tieferen Sinn verbunden sein. Senkrechte Leisten symbolisieren die mittlere Temperatur auf der Erde. Die Darstellung reicht von dunkelblau markierten 6,9 Grad Celsius im Jahr 1881 bis zur dunkelrot eingefärbten Marke von 10,5 Grad im Jahr 2022. Die Botschaft ist klar: Dem Planeten wird´s zu heiß. Höchste Zeit, wirkungsvoll gegenzusteuern.
Es ist deshalb sinnbildlich, dass Prof. Markus Hölzle spontan einwilligt, sich vor dem nahezu wandfüllenden Werk im Zentrum für Sonnenenergie- und Wasserstoff-Forschung Baden-Württemberg (ZSW) in Ulm fotografieren zu lassen. Der 59-Jährige ist Vorstandsmitglied des gemeinnützigen und zugleich industrieorientierten Forschungsinstituts und Leiter des Geschäftsbereichs Elektrochemische Energietechnologien. Verbunden ist damit eine Professur für Elektrochemische Energiespeicherung und Energiewandlung an der Universität Ulm.
Karrieren in der Wissenschaft sind zwar schön, aber kaum planbar.
Markus Hölzle
Erklärtes Ziel des ZSW ist es, neuen Technologien zur nachhaltigen und klimafreundlichen Bereitstellung von Strom und Wärme sowie regenerativen Kraftstoffen den Weg in den Markt zu ebnen. Bei der täglichen Arbeit dreht sich vieles darum, der Energiewende auf die Sprünge zu helfen, indem aus wissenschaftlicher Grundlagenforschung Prototypen, Herstellungsverfahren und schließlich Produkte entstehen - beispielsweise Lithium-Ionen-Batterien und Brennstoffzellen.
Der Weg dorthin scheint eine halbe Ewigkeit zurückzureichen: Als der Grundschüler Markus Hölzle in den 1970er-Jahren die Heidenheimer Bergschule besucht, gibt es kein Handy und kein Internet, weder Windräder, noch Solarzellen, schon gar keine Lithium-Ionen-Batterien. Stattdessen werden neue Kernkraftwerke gebaut. Die Nachmittage in dieser nicht-digitalen Zeit sind dem Herumtoben mit Freunden vorbehalten: „Unser Spielplatz war der Schlossberg“, sagt Hölzle rückblickend, „und unsere Eltern konnten sich auch ohne ständige Erreichbarkeit darauf verlassen, dass wir um 18 Uhr daheim waren.“
Umzug nach Heuchlingen
Die Familie wohnt an der Bergstraße zwischen der Schiller-Apotheke und einer kleinen Buchhandlung, die Gertrud Schädler betreibt. 1980 folgt der Umzug in ein neues Eigenheim in Heuchlingen. Die Busverbindungen nach Heidenheim sind überschaubar, der Zusammenhalt im Ort umso stärker. Hölzle denkt bis heute an die aktive Jugendarbeit in der evangelischen Kirchengemeinde, an die Indiaka-Mannschaft, die es bis zu den deutschen Jugendmeisterschaften schaffte. Er lernt Posaune und Orgel, absolviert bei Kirchenmusikdirektorin Dörte Maria Packeiser die kirchenmusikalische C-Prüfung.
Schulisch bleibt Hölzle Heidenheim verbunden, macht 1985 sein Abitur am Hellenstein-Gymnasium. Nicht nur seiner Körpergröße von 197 Zentimetern wegen schauen viele zu ihm auf – sie beeindruckt die Art, mit der er in seinen Leistungskursen Chemie und Mathematik Bestnote um Bestnote einfährt.
Japan war ein Traum, und ich wünsche jedem, einmal dort einen längeren Zeitraum leben zu dürfen.
Markus Hölzle
Hölzle wird als einer von zwei Schülern des Jahrgangs für ein Stipendium der Studienstiftung des deutschen Volkes vorgeschlagen und beginnt nach dem Wehrdienst sein Studium. 1996 wird er von der Universität Ulm mit der Bestnote „summa cum laude“ in Elektrochemie promoviert. „Das bedeutet mir sehr viel“, sagt er, „weil ich als Erster aus der Familie die Möglichkeit hatte, zu studieren, und dank des Stipendiums nicht auf Bafög angewiesen war.“
Es schließt sich die Gewissensfrage an, wie es weitergehen soll: Wissenschaft oder Wirtschaft? Die Antwort: Hölzle schreibt testweise fünf Bewerbungen an bedeutende Chemieunternehmen, „auch weil Karrieren in der Wissenschaft zwar schön, aber eben kaum planbar sind“. Eine Zusage von BASF beendet die kurzzeitige Ungewissheit, und Hölzle startet seine Laufbahn beim Chemieriesen in Ludwigshafen.

Weshalb Stephanie Stickel immer noch an Heidenheim hängt
Ein Vierteljahrhundert wird er am Ende in den Bereichen Chemie-Katalysatoren, nachwachsende Rohstoffe, Brennstoffzellen und Batterie-Materialien für das Unternehmen tätig sein, auch in Übersee. 2006 wechselt er nach Houston (Texas). Früher als geplant geht es „Hals über Kopf zurück nach Deutschland, wo wir dann ein Jahr in der Heidelberger Kinder-Onkologie verbracht haben“. Grund: Ärzte haben bei der älteren Tochter Knochenkrebs diagnostiziert. Sie verliert den Kampf gegen die Krankheit und stirbt 2011.
Der lange Weg aus der Trauer führt abermals in die Ferne: An einem Freitagnachmittag um 16 Uhr kommt das unerwartete Angebot, für BASF nach Tokio zu wechseln, erinnert sich Markus Hölzle. Er sagt zu und findet gemeinsam mit seiner Ehefrau und der zweiten Tochter den erhofften Abstand: „Japan war ein Traum, und ich wünsche jedem, einmal dort einen längeren Zeitraum leben zu dürfen“, sagt er heute.
2020 Wechsel nach Ulm
Nach drei Jahren endet diese Arbeitsphase, und Hölzle steht erneut vor einer richtungsweisenden Entscheidung, „denn in den großen Firmen gehörst du irgendwann zum alten Eisen und giltst als teuer und unflexibel“. Auf einer Konferenz wird er von einem ehemaligen ZSW-Vorstandsmitglied aufgefordert, sich unbedingt auf die freie Leitungsstelle in Ulm zu bewerben. Im Oktober 2020 schlägt er seine beruflichen wie privaten Zelte an der Donau auf.
Gegründet wird das ZSW 1988 als gemeinnützige Stiftung des öffentlichen Rechts. Zu den Stiftern gehören das Land Baden-Württemberg, die Universitäten Stuttgart und Ulm, das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt sowie namhafte Unternehmen wie Würth, Daimler, Bosch und EnBW. Dem Leitbild der Klimaneutralität verpflichtet, arbeitet das ZSW mit seinen rund 350 Beschäftigten aus 17 Nationen daran, praxisorientierte Energieforschung in Produkte und Materialien münden zu lassen. „Wir sind klein genug, um schnell und agil reagieren zu können, und doch groß genug, um auch komplexe Produkte mit Automobilherstellern erfolgreich abarbeiten zu können“, sagt Hölzle.
In den großen Firmen gehörst du irgendwann zum alten Eisen und giltst als teuer und unflexibel.
Markus Hölzle
Etwa 50 Prozent der Projekte entfallen auf öffentliche Vorhaben. Darin enthalten sind auch Stellen für derzeit 22 Doktoranden und Doktorandinnen. Die andere Hälfte machen im Auftrag der Industrie erbrachte Dienstleistungen im Bereich Entwicklung und Testung aus. So betreibt das ZSW in Ulm beispielsweise das größte unabhängige Brennstoffzellen-Testfeld Europas sowie eine Pilotproduktion für Batteriematerialien und für Batteriezellen. Dieser wirtschaftliche Teil trägt maßgeblich zum Umsatz von rund 30 Millionen Euro bei. Das Land Baden-Württemberg unterstützt mit drei Millionen Euro Grundfinanzierung pro Jahr.
„Ich fühle mich in meinem Beruf nicht als Idealist und denke nach vielen Jahren in der Industrie eher nüchtern und ökonomisch“, sagt Hölzle. Wind und Sonne stellten zwar keine Rechnungen, diese kämen jedoch von allem drumherum. „Und daran arbeiten wir. Wir wollen die notwendigen Technologien günstiger, effizienter und noch langlebiger machen und über unsere Industriepartner auch sicherstellen, dass sie zukünftig nicht nur in Deutschland eingesetzt, sondern auch hier produziert werden können.“
Ich fühle mich nicht als Idealist und denke nach vielen Jahren in der Industrie eher nüchtern und ökonomisch.
Markus Hölzle
Mit Blick auf die Energiewende sieht der 59-Jährige aber auch die Politik am Zug, die Weichen richtig zu stellen. Alle notwendigen Technologien seien verfügbar und würden immer noch weiterentwickelt. Eine zentrale Rolle misst er bei der Suche nach klimafreundlichen Alternativen zu Kohle, Öl und Erdgas grünem Wasserstoff bei. Dieser könne in großen Mengen aus grünem Strom aus erneuerbaren Quellen hergestellt werden – auch in Deutschland.
Neun Umzüge hat Markus Hölzle in seinem Berufsleben hinter sich gebracht. Ein weiterer kommt vielleicht hinzu, wenn sein Vertrag im Herbst 2030 ausläuft: „Die Auslandsaufenthalte waren sehr bereichernd für mich und für uns als Familie. Aber ich kann mir gut vorstellen, auch wieder im Kreis Heidenheim zu leben, weil ich mich dort sehr wohlgefühlt habe. Und wenn man Houston oder Tokio als Maßstab nimmt, dann ist der aktuelle Wohnsitz in Ulm ja schon wieder relativ nahe an Heidenheim dran.“

