Kunst im öffentlichen Raum

Wie das Bildhauersymposion Heidenheim auch heute noch das Bild der Stadt prägt

Ob Rathaus-Piercing, verwickelte Vespa oder rotes Licht in der Mitte des Tunnels – das Wirken des Bildhauersymposions Heidenheim ist auch heute noch deutlich erkennbar. So kam es zu dem Projekt, das es sich zur Aufgabe gemacht hatte, Kunst in den öffentlichen Heidenheimer Raum zu bringen.

Ganz und gar in Bronze gekleidet herrscht die Knöpfleswäscherin über Heidenheims Fußgängerzone. Sie bewacht das Elmar-Doch-Haus – und war lange eine der wenigen Vertreterinnen von Kunst im öffentlichen Raum. Damit konnte, wollte und sollte sich eine gewisse Gruppe von kunstaffinen Menschen nicht zufriedengeben. Daher wurde ab 1997 nicht weniger als das Projekt Bildhauersymposion Heidenheim ausgerufen. Und ein gleichnamiger Verein gleich dazu gegründet.

„Alles begann mit einem Wunsch, dem Wunsch, jungen, begabten Bildhauern unterschiedlicher Nationalitäten eine schöpferische Chance zu bieten und das Erscheinungsbild, das Image und die Attraktivität Heidenheims zu fördern.“ Mit diesen Worten beschrieb Gabriele Rogowski, Initiatorin und Motor des Projekts, ebenjenes im Jahr 1997.

In Verbindung mit Heidenheimer Industrie- und Handwerksbetrieben

Diese schöpferische Chance sollte eine ganz bestimmte, durchgängige Handschrift tragen. Die Kunst, die im Zuge der Bildhauersymposien entstand, wurde nicht eingekauft, sondern eigens für und in Heidenheim zu Welt gebracht. Sie sollte explizit für den öffentlichen Raum erdacht werden. Und sie sollte in Verbindung mit örtlichen Industrie- und Handwerksbetrieben erarbeitet werden.

Dieses Flackern ist gewollt: „use“ von Fritz Balthaus, ein Teil des „Kunstmuseum“-Schriftzugs am gleichnamigen Gebäude, Marienstraße.

So prägt das Bildhauersymposion Heidenheim auch heute noch das Bild der Stadt

Das Bildhauersymposium Heidenheim brachte Kunst in den öffentlichen Raum der Stadt. Hier Bilder von den Kunstwerken.
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Für die Künstlerinnen und Künstler bestand die besondere Herausforderung darin, dass sie mit jenen Materialien und Produktionstechniken arbeiten mussten, die in den jeweiligen Betrieben vorhanden waren. Papier war dabei, Metall, manchmal Holz, oder auch LED-Lampen.

Um die gewünschte Qualität der Bildhauersymposien sicherzustellen, engagierte der Verein Nominatoren, welche eine Vorauswahl aus nationalen wie internationalen Kunstschaffenden trafen. Renommierte Künstler und Kuratoren bildeten anschließend eine Jury. Allesamt Hochkaräter und Qualitätsgaranten, die Geld kosteten. Rund 200.000 Euro pro Symposion, um das in Zahlen auszudrücken.

Dieses Flackern ist gewollt: „use“ von Fritz Balthaus, ein Teil des „Kunstmuseum“-Schriftzugs am gleichnamigen Gebäude, Marienstraße.
Dieses Flackern ist gewollt: „use“ von Fritz Balthaus, ein Teil des „Kunstmuseum“-Schriftzugs am gleichnamigen Gebäude, Marienstraße. Foto: Rudi Penk

Damit das möglich gemacht werden konnte, war – und so viel wird nicht erst in der Retrospektive ersichtlich – Gabriele Rogowski unverzichtbar. „Uns war eines von Anfang an klar: Wenn wir diese eine Person für unsere Sache gewinnen, haben wir es“, erinnert sich Klaus Moser, ehemaliger Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Ostwürttemberg sowie damaliges Vorstandsmitglied des Vereins. Diese eine Person, die es zu gewinnen galt: natürlich Gabriele Rogowski.

„Im Betteln für andere war ich immer gut“, sagt Rogowski heute und lacht. Zu Recht. Denn von Anfang an ist es dem Verein ein Anliegen gewesen, keinerlei öffentliche Gelder für die Bildhauersymposien aufzuwenden. „Wir wollten, dass alles rein privat finanziert wird“, erzählt Gabriele Rogowski. Bei sechs Symposien von 1997 bis 2013 und insgesamt 30 teilnehmenden Künstlerinnen und Künstlern kam freilich eine nicht unerhebliche Summe zusammen.

Auch wenn die Mittel, mit denen der hohe Qualitätsanspruch des Vereins erfüllt werden konnte, nach 16 Jahren nicht mehr zur Verfügung standen – die Symposien waren nur durch finanzielle Zusagen der Unternehmen möglich –, hat das Heidenheimer Bildhauersymposion ohne jeglichen Zweifel seine Duftmarke hinterlassen. Das gepiercte Heidenheimer Rathaus? Ein Werk der Berliner Künstlergruppe „Inges Idee“. Der flackernde Museums-Schriftzug am Kunstmuseum? Stammt von Fritz Balthaus. Die intensiv leuchtenden Edelstahlplatten zwischen Schlosshotel und Schloss Hellenstein? Rita Rohlfing hat diese zu verantworten. Um nur einige wenige zu nennen.

Die Werke sind nicht unkritisch zu betrachten, schließlich greifen sie alle in den öffentlichen Raum ein.

Gabriele Rogowski, Initiatorin des Bildhauersymposions Heidenheim

„Die Werke sind nicht unkritisch zu betrachten“, merkt Gabriele Rogowski an. „Schließlich greifen sie alle in den öffentlichen Raum ein. Und es stellt sich natürlich die Frage, wem dieser gehört.“ So manche Kunstwerke stießen sogar auf mitunter aggressive Reaktionen aus der Bevölkerung. Unvergessen sind etwa die rot angemalten Holzstapel-Installationen von Russell Maltz, die bisweilen von Unbekannten gestohlen oder auch angezündet wurden. Auch die begleitenden Aktionen der Symposien fanden seinerzeit großen Anklang in der Stadt. Als der Künstler Rolf Bier 1997 per Flugzeug 52.000 kleine Papier-T-Shirts über dem Stadtgebiet abwerfen ließ, stand ganz Heidenheim auf der Straße, in der Hoffnung, eines der Stücke zu ergattern.

Heute blicken Gabriele Rogowski und Klaus Moser mit Stolz auf das – mindestens seinerzeit – deutschlandweit einmalige Projekt zurück. „Es hat Heidenheim attraktiver gemacht, davon bin ich überzeugt. Gleichzeitig haben die Werke viele Anlässe für Diskussionen gegeben. Kunst muss auch kontrovers sein, nur dann ist sie interessant“, findet Rogowski. Klaus Moser ergänzt: „Uns war immer wichtig, standortbezogen zu arbeiten. Die Künstler sollten hier vor Ort sein und ihre Kunst auch an ‚Unorte‘ bringen“, sagt Moser, etwa mit Blick auf den rot leuchtenden Lichttext am „Ohr“.

Dieses Werk ignoriert die Eigenarten des öffentlichen Raums vollkommen: Rita Rohlfings „reflections“, zwischen Schlosshotel und Schloss Hellenstein.
Dieses Werk ignoriert die Eigenarten des öffentlichen Raums vollkommen: Rita Rohlfings „reflections“, zwischen Schlosshotel und Schloss Hellenstein. Foto: Rudi Penk

Ein weiterer erhoffter Effekt des Projekts sei ebenfalls eingetreten: Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter jener Firmen, die mit den entsprechenden Künstlern kooperierten, hätten dadurch einen Zugang zu Kunst erhalten, der ihnen sonst womöglich verwehrt geblieben wäre. „Da gab es oftmals zunächst eine unheimliche Hemmschwelle“, erzählt Rogowski – welche schließlich in ein Voneinander-Lernen umgeschlagen sei.

Knapp ein Dutzend der Werke sind auch heute noch im Stadtraum aufzufinden. Nach der Auflösung des Vereins sind die Arbeiten in den betreuenden Besitz der Stadt Heidenheim übergegangen, welche sich dazu verpflichtet hat, sicherzustellen, dass die Arbeiten nicht verwahrlosen.

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Symposion oder Symposium?

Auch wenn die Schreibweise „Symposium“ (mit „um“) im Sprachgebrauch etwas geläufiger ist, ist „Symposion“ (mit „on“) ebenso korrekt. Letztere geht auf das Griechische zurück, während Erstere die latinisierte Form ist. Symposion bezeichnet ursprünglich das antike Gastmahl mit Gesprächen, Symposium hat sich als Begriff für wissenschaftliche Konferenzen entwickelt. Der Plural beider Schreibweisen ist „Symposien“.