60 Prozent Fichten, 40 Prozent Laubbäume – dieses Verhältnis strebt die Stadt Heidenheim 1965 in ihren Wäldern an. Noch ist sie davon allerdings weit entfernt, gibt es deutlich zu wenig Nadelholz aus eigener Produktion. Zu spüren bekommen das all jene, die sich bereits Anfang Dezember auf die Suche nach einem Weihnachtsbaum machen: „Im Stadtwald werden nur ein paar Bäume geschlagen“, lässt die Heidenheimer Zeitung ihre Leserinnen und Leser wissen „und zwar für Kindergärten, Kirchen und ähnliche Einrichtungen.“
Die Christbaumverkäufer müssen sich also anderer Quellen bedienen. Fündig werden sie unter anderem auf den Flächen des Forstamts Nattheim. 10.000 Bäume können dort gefällt werden – von den Großhändlern selbst. Die greifen im Zuge einer Durchforstungsaktion zu Axt und Säge und müssen pro Exemplar anschließend moderate zwei Mark auf den Tisch legen.

Als erschwinglich scheinen auch die Wiederverkaufspreise angesehen zu werden. Jedenfalls resümiert die HZ am Tag nach Weihnachten, es habe kaum Christbaumdiebe gegeben: „Wer sich in den Vorjahren an Heiligabend mit Fuchsschwanz und Pkw in die Fichtenschonung begab, um vorsichtig in die Runde blickend die stachlige Weihnachtsfreude abzuholzen, der legte in diesem Jahr lieber vier Mark fünfzig auf den Tisch und hatte dafür ein unbeflecktes Gewissen.“
Heidenheim erlebt 1965 ein Weihnachtsfest mit bestens besuchten Gottesdiensten. Die Bläser der städtischen Orchestervereinigung und des Evangelischen Jungmännerwerks erfreuen die Menschen an verschiedenen Stellen mit ihren Auftritten. Einzig die Kinder vermissen etwas, denn es fällt kein Schnee. Positiver Nebeneffekt: Nur wenige Unfälle stören den besinnlichen Frieden.
Mehr Unfalltote als jemals zuvor
Es ist dies der versöhnliche Ausklang eines ansonsten von viel Schrecken und Leid geprägten Jahres: Insgesamt 1855-mal kracht es 1965 auf den Straßen im Kreis Heidenheims. 38 Menschen kommen dabei ums Leben – mehr als jemals zuvor.
Am Siegeszug des Automobils vermag diese Bilanz nichts zu ändern. Mindestens so sehr wie Fragen der Verkehrssicherheit bestimmt dabei die Preisentwicklung die Diskussionen: „Wird der VW um 250 DM teurer?“, ist ein dem „Käfer“ gewidmeter Artikel überschrieben. Bundeswirtschaftsminister Kurt Schmücker und Bundesschatzminister Werner Dollinger suchen von Regierungsseite das Gespräch mit dem VW-Vorstandsvorsitzenden Heinrich Nordhoff, „weil der Volkswagenpreis als politischer Preis gilt, dem eine gewisse Führungsrolle in der Preisgestaltung nicht nur bei Automobilen zukommt“.
„Kavaliere der Straße“ geehrt
Ausnahmslos positive Schlagzeilen macht der Verkehr derweil bei der Auszeichnung von sechs „Kavalieren der Straße“. Da sie sich besonders rücksichtsvoll verhalten und anderen nach Unfällen Hilfe geleistet haben, erhalten sich während einer Feierstunde im Heidenheim Rathaus Urkunden, Plaketten und Anstecknadeln.
Ohne eigenes Zutun kommt Paul Steinhart aus Bolheim in den Genuss eines „großen Bahnhofs“. Ein Blumenstrauß und ein großes Medienaufgebot empfangen den in Diensten von Osram stehenden Oberingenieur, als er, aus Stuttgart kommend, in Berlin-Tempelhof aus einer Douglas DC-6B steigt: Der 53-Jährige ist der dreimillionste Passagier, den die US-amerikanische Fluggesellschaft Pan American Airways in die geteilte Hauptstadt befördert.
Modellflugzeug auf Abwegen
Weniger Glück hat M. Gunst aus Königsbronn. Zwischen Steinheim und Königsbronn sei ihm ein Flugmodell abhandengekommen, lässt eine kleine Meldung in der HZ wissen. Dem Finder winkt eine Belohnung.

Gar nicht erst abheben will zunächst das US-Raumschiff Gemini VI. Im Oktober setzt das Triebwerk der Trägerrakete aus, die die beiden Astronauten Walter Schirra und Thomas Stafford ins All befördern soll. Mitte Dezember beenden dann die Sicherheitssysteme 1,2 Sekunden nach bereits erfolgter Zündung auch den zweiten Startversuch. Die Motoren, so klären Experten anschließend die Öffentlichkeit auf, hätten reichlich drei Sekunden benötigt, um genügend Schubkraft zum Abheben zu entwickeln.
Kleine Ursache, große Wirkung
Der abrupte Abbruch verhindert laut der amerikanischen Raumfahrtbehörde Nasa um Haaresbreite eine Katastrophe. Die Ursache des dramatischen Geschehens misst gerade einmal einen Zentimeter im Durchmesser: Eine Staubklappe aus Plastik hat eine der Treibstoffpumpen blockiert.

Die wildesten Ausbruchsgeschichten aus der Zeit, als Heidenheim noch einen Knast hatte
Nicht so reibungslos wie geplant läuft auch der Bau des neuen Gefängnisses in der Heidenheimer Innenstadt. Weil sich die Schlosserarbeiten als kompliziert erweisen, außerdem die Installation der Schwachstromanlagen und die Montage der Inneneinrichtung mehr Zeit als erwartet verschlingen, verschiebt sich die Fertigstellung des Gebäudes um ein halbes Jahr bis zum Juni 1966.

Heidenheims Oberbürgermeister Elmar Doch hat zwar nicht zu befürchten, im Kittchen zu landen, der lange Arm des Gesetzes nimmt ihn ungeachtet seines herausgehobenen Amtes gleichwohl an die kurze Leine. Bei der städtischen Altenfeier bekennt sich der Rathauschef in Reimform zu einem Fehlverhalten, dessen Folgen er nun zu tragen hat: Er stellt sein Auto ausgerechnet im Schatten eines Parkverbotsschilds ab und macht sich dann zu Fuß auf in Richtung Wochenmarkt. Bei seiner Rückkehr erwartet den Parksünder ein Knöllchen. Doppelt ärgerlich, weil das Verkehrszeichen kurz zuvor auf sein Betreiben hin aufgestellt wurde.

Elmar Doch nimmt es mit dem ihm eigenen Humor: „Nun gut, so trag’ ich halt gelassen, was mir als Buße auferlegt. Ich hoff´, dass sie mich laufen lassen, für die fünf Mark, die beigelegt.“
Warum ausgerechnet 60 Jahre zurück?
Im Dezember 2008 war der Lokschuppen Schauplatz eines Festabends, bei dem eine seit 60 Jahren bestehende freie und unabhängige Presse in Heidenheim im Mittelpunkt stand. Damals mischten sich Aus- und Rückblicke. Unter anderem wurde die Idee geboren, regelmäßig in Erinnerung zu rufen, worüber die HZ jeweils 60 Jahre zuvor berichtet hatte. Die Serie startete mit der Rückschau auf 1949. Mittlerweile gilt das Augenmerk dem Jahr 1965.

