Heimat – das muss nicht das Elternhaus sein, ein vertrautes Panorama oder der Ort, an dem man geboren wurde. Ein Gefühl von Heimat kann auch beim Anblick rauchender Schornsteine, aufragender und unaufhörlich wummernder Fabrikhallen entstehen. Sprich: In Heidenheim kann auch Voith ein Stück Heimat stiften, wie am Mittwochabend in der Stadtbibliothek deutlich wurde.
Auf Einladung der Autorenvereinigung PEN Berlin diskutierte die Journalistin Carolin Gasteiger („Süddeutsche Zeitung“) mit der Voith-Konzernsprecherin Katharina Agüera und dem in Schnaitheim aufgewachsenen Schriftsteller Patrick Findeis über Heimat. Vor allem aber diskutierte ein guter Teil der rund einhundert Besucherinnen und Besucher engagiert mit.
Sorge um Arbeitsplätze in Heidenheim
Welche Rolle Voith als Heimat oder Identität stiftender Faktor in Heidenheim spielt, wurde anhand der Redebeiträge deutlich: Das Unternehmen bot etlichen der Anwesenden nicht nur Arbeit. Die Anstellung „beim Voith“ schuf Verbindung, integrierte Menschen und machte manche auch stolz. Kein Wunder, dass sich diese Menschen jetzt um diesen heimatlichen Faktor Voith sorgen, der auch am Heimatstandort Heidenheim viele Stellen abbauen will. Dies äußerte sich in teils vehementen Anwürfen.
Den geplanten Abbau verteidigte Agüera. Voith müsse „effizienter werden, um wieder investieren zu können“. Gleichzeitig bestehe „der unbedingte Wille, dass der Standort Heidenheim wächst“. Die gebürtige Augsburgerin bejahte auch, dass Voith eine Verantwortung für die Heimat des Unternehmens und vieler Beschäftigter habe. Sie nehme durchaus wahr, dass es in Heidenheim auch heute noch vielfach den Willen gebe, zu Voith zu gehen und dort zu bleiben. Ein Besucher griff dies auf: Heimat bedeute Sicherheit und Vertrautheit, da mache es Angst, wenn etwas wegbricht, Arbeitsplätze zum Beispiel.
Heimat als Versprechen
Patrick Findeis wuchs zwar in Schnaitheim („die schönste Stadt auf der Ostalb“) auf, echte Wurzeln habe er aufgrund der Migrationsgeschichten seiner Eltern aber nicht gehabt, ein Umstand, der sich später in seinen Romanen widergespiegelt habe. Der jüngste Roman des Wahl-Berliners, „Paradies und Römer“, verortet sich im Titel in der Oststadt an der Kreuzung der gleichnamigen Straßen.
Heidenheim sei für ihn kein Sehnsuchtsort, sagte Findeis, aber: „Heimat kann auch ein Versprechen sein.“ Für seinen heimatvertriebenen Vater habe Heidenheim eine Zukunft versprochen und dies auch gehalten. Ähnlich äußerte sich ein Besucher, der ebenfalls nicht in Heidenheim geboren wurde, aber: „Es ist meine Heimat, weil ich hier leben kann.“ Und: Für Geflüchtete sei dort, wo sie herkommen, keine Heimat, weil sie dort eben nicht leben könnten.
Es gab im Publikum aber auch Plädoyers für mehr Stolz auf Heidenheim. Die Stadt habe nicht nur „versteckten Charme“, sie habe auch Beeindruckendes geleistet, als sich die Bevölkerung nach dem Zweiten Weltkrieg binnen kürzester Zeit verdoppelte. Aber auch das kann von außen betrachtet anders aussehen: „Ich hatte nicht den Eindruck, dass man hier sein Licht unter den Scheffel stellt“, sagte Patrick Findeis.
Schmidt, Rommel und die Bahn
Der Verein PEN Berlin bereist in diesen Wochen 22 Städte in Baden-Württemberg, um unter dem Motto „Ist das noch/schon mein Land“ mit Podiumsgästen und Publikum zu diskutieren. Dazu gehört auch eine einleitende Fragerunde, bei der der Autor und Poetry-Slammer Aron Boks fast stakkatohaft Fragen stellte, die lediglich mit Handheben zu beantworten waren. „Stiftet Meckern über die Bahn Gemeinschaft?“ gehörte zu den skurrileren Fragen, die ebenso überwiegend bejaht wurde wie „Wer sorgt sich um die Demokratie?“. Bei der Frage, wer stolz sei auf FCH-Trainer Frank Schmidt, gingen bei weitem mehr Hände in die Höhe als beim Stolz auf Erwin Rommel. Und: Zahlreiche Menschen konnten spontan „Auf de schwäb’sche Eisebahne“ singen.


