Als sie ihr zweites Kind erwarteten, waren Cornelia Joerges und ihr Mann überglücklich. Zwei Jahre war ihre Tochter alt und Aras war ein absolutes Wunschkind. 22 Wochen lang hielt das große Glück. Dann kam der noch größere Schock: Bei einer vorgeburtlichen Untersuchung stellte sich heraus, dass ihr Sohn Aras an Trisomie 13 leidet. Die genetische Störung führt zu Fehlbildungen von Gehirn, Herz, Gesicht und Extremitäten und zu schweren geistigen Behinderungen. Die meisten Schwangerschaften enden mit einer Fehlgeburt, die Lebenserwartung bei Kindern, die die Geburt überleben, liegt oft nur bei wenigen Tagen.
Ein Albtraum für alle werdenden Eltern. Von einem Moment auf den anderen wusste Cornelia Joerges, dass sie ein schwer krankes Kind im Bauch trägt, so schwer krank, dass es vermutlich nicht lebensfähig wäre. Die gelernte Kinderkrankenschwester aus Heidenheim musste die wohl schwerste Entscheidung ihres Lebens treffen: „Ich habe sie hinausgezögert, ich wollte sie nicht treffen“, sagt die 31-Jährige. „Aber die Krankheit war nicht vereinbar mit dem Leben. Wir haben entschieden, die Schwangerschaft abzubrechen.“
Im Krankenhaus wurde die Geburt eingeleitet. Wenige Minuten waren Cornelia Joerges und ihrem Mann vergönnt, um sich von Aras zu verabschieden. „Ich habe ihn gehalten, gespürt und ihn bei seinem letzten Atemzug begleitet.“ Es sei der schwerste und schmerzhafteste Moment ihres Lebens gewesen. „Aber wir haben auch einen gewissen Frieden gespürt. Wir haben ihn mit Liebe und in Würde gehen lassen.“
Man kommt aus dem Krankenhaus nach Hause, in die fast unerträgliche Stille. Du fühlst dich leer und alles in dir schreit nach dem Kind.
Cornelia Joerges
Das war vor nicht einmal zwei Jahren. Viel Zeit ist also eigentlich noch nicht vergangen, aber Cornelia Joerges hat sich verändert. Zunächst sei sie allerdings ins Bodenlose gestürzt. „Man kommt aus dem Krankenhaus nach Hause, in die fast unerträgliche Stille. Du fühlst dich leer und alles in dir schreit nach dem Kind.“ Denn nicht nur der Kopf, auch der Körper hatte sich sechs Monate lang auf das Baby vorbereitet.
Umfeld reagiert hilflos
Ihre Hebamme kam ans Wochenbett. Ihr Mann stand fest an ihrer Seite. Das half, aber nicht genug. „Man fühlt sich allein mit seinem Verlust und das Umfeld erwartet, dass man möglichst schnell wieder funktionieren soll, obwohl man dafür weder den Antrieb noch den Wunsch hat“, beschreibt Cornelia Joerges. „Die Leute sagen: Geh laufen oder mach Yoga, aber das geht nicht. Man ist einfach blockiert.“ Auch unsensible Sprüche wie „Du bist doch noch jung, das wird schon wieder“ habe sie zu hören bekommen. „Das war tief verletzend. Und je öfter man so etwas hört, desto weniger erlaubt man sich zu trauern und sich Zeit zu nehmen.“

Cornelia Joerges nahm Kontakt zur Selbsthilfegruppe für Sternenmamas in Dischingen auf und begann außerdem eine Therapie. Dabei habe sie gelernt, ihre Trauer zuzulassen und ihren Gefühlen Raum zu geben. Sie weinte viel, lag mit der Wärmflasche an sich gedrückt auf der Couch und schrieb Briefe an ihren Sohn. Immer tiefer beschäftigte sie sich mit Trauerarbeit. „Man kann lernen, die Trauer wie eine Freundin ins Leben zu lassen und trotzdem nach vorn zu schauen“, ist Cornelia Joerges überzeugt.
All die Trauerarbeit zeigte Wirkung. „Trotz allem, was vorgefallen ist, bin ich dankbar für das Leben und habe gemerkt, dass ich noch viel zu geben habe“, erklärt Cornelia Joerges. Ihr Wunsch: Anderen Frauen mit einem ähnlichen Schicksal helfen. Denn selten ist das nicht: Rund 3000 Kinder kommen pro Jahr in Deutschland tot zur Welt. Frühere Fehlgeburten werden oft nicht gemeldet, Schätzungen zufolge ist jedoch jede dritte Frau hierzulande betroffen. „Und viele trauern still, aber wie soll da Heilung stattfinden? Und auch eine frühe Fehlgeburt ist ein einschneidendes Erlebnis und eine existenzielle Erfahrung, nach der man sich Hilfe holen darf.“
Trauerbegleitung und Coaching in Heidenheim
Seit Herbst 2025 bietet Cornelia Joerges nun Trauerbegleitung und Coaching für Frauen nach einem Schwangerschaftsverlust an. Denn: „Niemand muss diesen schweren Weg allein schaffen“, sagt sie. Sie will Frauen helfen, wieder Mut und Hoffnung zu sehen und zuzulassen und auch Scham und Schuld zu überwinden.
Egal ob Fehl- oder Totgeburten oder ein medizinisch begründeter Schwangerschaftsabbruch – all das seien Tabuthemen. Auch letzteres. „Wer es nicht selbst erlebt hat, weiß nicht, welche emotionale, seelische und körperliche Überforderung und Belastung eine solche Entscheidung und die ganze Situation mit sich bringt“, sagt Cornelia Joerges. Keine Frau treffe eine solche Entscheidung leichtfertig. „Es steht niemandem zu, das zu bewerten. Bei mir muss sich niemand rechtfertigen. Für mich zählt die Heilung und Integration des Erlebten.“
Felix wäre heute vier Jahre alt
All diese Gedanken und Gefühle kennt auch Evelyne Stegmaier. Ihr Sohn Felix wäre heute vier Jahre alt. Er wäre ihr erstes Kind gewesen. 35 Wochen lang trug sie ihn unter ihrem Herzen, es war eine glückliche und unauffällige Schwangerschaft. Bis sie kurz vor Weihnachten merkte, dass etwas nicht stimmte. Felix’ Herz hatte plötzlich aufgehört zu schlagen, die Plazenta war nicht mehr ausreichend mit Blut versorgt worden.
Felix war perfekt. Er hatte Füße, Hände, alles war da, nur schrie er nicht. Er atmete nicht.
Evelyne Stegmaier
„Als ich Felix im Arm hatte, war er perfekt“, sagt Evelyne Stegmaier. „Er hatte Füße, Hände, alles war da, nur schrie er nicht. Er atmete nicht.“ Die Geburt musste sie durchleben, mit Wehen und Schmerzen, aber sie und ihr Mann kehrten ohne Baby im Arm nach Hause. „Mit leerem Bauch und voller Trauer“, beschreibt die 33-Jährige. Das Kinderzimmer war eingerichtet, Kopf und Körper der werdenden Mutter hatten sich fast neun Monate lang auf das Kind eingestellt. „Man hat Milcheinschuss, Hormonschwankungen, Haarausfall. All das durchlebt man, nur ohne das Kind auf seiner Brust.“ Die größte Stütze in dieser Zeit, sei ihr Mann gewesen. „Kein Blatt hat zwischen uns gepasst, dafür bin ich sehr dankbar.“
Doch das Loch, das Felix hinterlassen hat, das bleibt. Auch Evelyne Stegmaier hat viel an ihrer Denkweise gearbeitet. Psychotherapeutische Begleitung habe ihr geholfen, denn das Umfeld habe meist hilflos reagiert. „Es gibt einfach wenig Hilfe und wenig Angebote für Frauen, die so etwas erleben, auch bei Ämtern oder Krankenkassen herrschte viel Unwissenheit.“ Grundsätzlich wünscht sie sich mehr Präventionsarbeit. „Es braucht mehr Vorsorgeuntersuchungen und Aufklärung, um solche Schicksale zu vermeiden.“
Rückbildungskurse für verwaiste Mütter in Aalen
Um Frauen zu helfen, die ein ähnliches Schicksal durchleiden mussten, machte sie eine Fortbildung zur Trauerbegleiterin, und als Physiotherapeutin bietet Evelyne Stegmaier in Aalen-Unterrombach seit nunmehr drei Jahren Rückbildungskurse für verwaiste Mütter an. Zudem hat sie „Sport für die Seele“ ins Leben gerufen. „Das ist für jede Frau, die so etwas erlebt hat. Egal ob der Verlust drei Monate oder drei Jahre her ist – alle sind willkommen.“ Nicht unbedingt der Sport, sondern die Verbundenheit und der Austausch stehen hier im Vordergrund. In diesen Kursen könne man Dinge ansprechen, die man sonst verschweige. Und: „Ich will damit Frauen in ähnlichen Situationen etwas geben, was ich nie hatte.“
Mittlerweile ist Evelyne Stegmaier erneut Mutter geworden. Ihr zweiter Sohn ist eineinhalb Jahre alt, quietschvergnügt und gesund. „Jetzt habe ich ein Kind an der Hand und eines im Himmel“, beschreibt sie. Jedoch sei die zweite Schwangerschaft die größte Herausforderung in ihrem Leben gewesen. „Sich darauf einzulassen, hat so viel Mut und Zuversicht gebraucht.“ Auch dafür möchte sie anderen Frauen Mut machen. Heute weiß sie: „Es wird nicht mehr, wie es war. Es wird anders, aber es kann wieder gut werden.“
Weitere Infos und Angebote
Cornelia Joerges bietet Trauerbegleitung und Coaching nach einem Schwangerschaftsverlust an. Informationen dazu gibt es auf trauer-coaching-heidenheim.de. Ihr Angebot richtet sich an alle Sternenmamas und Frauen, die ihr Kind während der Schwangerschaft verloren haben, egal ob durch frühen Verlust, stille Geburt oder Schwangerschaftsabbruch. Außerdem veranstaltet Cornelia Joerges ab Montag, 26. Januar, einen Begleitkurs für Frauen nach einer frühen Fehlgeburt in Heidenheim. Fragen und Anmeldung an info@trauer-coaching-heidenheim.de
Bei einer sogenannten stillen Geburt kommt das Kind ohne erkennbare Lebenszeichen zur Welt. Eine Sternenmama ist eine Frau, die ihr Kind durch Fehlgeburt, Totgeburt oder kurz nach der Geburt verloren hat; der Begriff Sternenkind wird liebevoll für die verstorbenen Babys verwendet.
Den nächsten Rückbildungskurs für verwaiste Mütter bietet Evelyne Stegmaier ab Montag, 23. Februar, an. Der Kurs geht über sechs Wochen und findet in der Wellandstraße 66 in Aalen-Unterrombach statt. Mehr Infos gibt es auf meinesternenzeit.de
Nach Paragraf 218 des Strafgesetzbuches sind Schwangerschaftsabbrüche bzw. Abtreibungen innerhalb der ersten zwölf Schwangerschaftswochen nach vorhergehender Beratung in Deutschland straffrei. Aufgrund einer medizinischen Indikation sind Abbrüche aber auch zu einem späteren Zeitpunkt möglich, etwa wenn während einer vorgeburtlichen Untersuchung festgestellt wird, dass das Ungeborene schwerbehindert zur Welt käme oder gleich nach der Geburt sterben müsste, oder wenn die körperliche oder seelische Gesundheit der Schwangeren gefährdet ist.

