Hundert Jahre danach

Warum es 2024 im Heidenheimer Naturtheater nicht ohne Wilhelm Tell geht

1924 begann im Heidenheimer Naturtheater alles mit Schillers „Wilhelm Tell“. Zum 100-jährigen Bestehen der Freilichtbühne kommt dort im September eine Neufassung heraus.

Muss er durch diese hohle Gasse kommen? Führt auch ein anderer Weg nach Küssnacht? Um es gleich vorweg zu sagen: Wo Wilhelm Tell draufsteht, bleibt Wilhelm Tell drin. Auch im Heidenheimer Naturtheater. Dennoch will man dort die Geschichte des legendären Schweizer Freiheitshelden nicht wie gewohnt à la Schiller erzählen. Sondern anders. Heutiger. Was sich allein schon am Titel der Produktion ablesen lässt. Die nämlich lautet: „Wilhelm – Tell me your story“.

Und was hat Wilhelm Tell im Naturtheater zu suchen, wo die Helden heuer doch Annie und Hotzenplotz heißen? Um diese Frage zu beantworten, muss man das Rad der Geschichte um 100 Jahre zurückdrehen. Damals, 1924, wurde erstmals auf der Freilichtbühne auf dem Schlossberg Theater gespielt. Und das allererste Stück auf dem Spielplan war: „Wilhelm Tell“.

Neues Textbuch mit Hilfe des Aalener Theaterintendanten

Dieser Tatsache eingedenk, wuchs in Oliver von Fürich die Überzeugung, dass 2024, ein Jahrhundert später, auch die Jubiläumssaison nicht ohne „Wilhelm Tell“ auskommen könne. Die ursprüngliche Überlegung, das Stück als Hauptproduktion mit zwanzig Vorstellungen ins Programm zu nehmen, wurde im Verein diskutiert, aber verworfen. „Es war uns zu riskant“, sagt Oliver von Fürich. Mit Klassikern hatte man, was das Besucherinteresse angeht, in jüngerer Zeit im Naturtheater keine guten Erfahrungen mehr gemacht.

Der „Tell“ aber ging Oliver von Fürich nicht aus dem Kopf. „Der musste dieses Jahr meiner Ansicht nach einfach ins Programm, der gehört dazu, das war mir wichtig.“ Oliver von Fürich ließ nicht locker. Und er hatte auch eine Idee. „Mir schwebte eine abgestaubte, kurze und knackige Fassung des Stoffs vor.“ Mit einem neuen Textbuch. „Dafür benötigt man große dramaturgische Erfahrung“, sagt Oliver von Fürich. Weshalb er sich professionelle Unterstützung sicherte, indem er den Aalener Theaterintendanten Tonio Kleinknecht ins Boot holte. „Nicht zuletzt auch wegen dessen Kontakten.“

Wie mit Videowänden als Bühnenbildern gearbeitet wird

So kam eins zum anderen und wurde am Ende ein Stück daraus: „Wilhelm – Tell me your story“. Heutzutage, wo hierzulande nicht selten lieber Englisch oder wenigstens vermeintliches Englisch als Deutsch gesprochen wird, muss man das nicht mehr übersetzen. Und das zweisprachige Wortspiel „passte einfach zu gut“, sagt Oliver von Fürich. „Denn es drückt aus, was wir mit unserem ‚Tell‘ vorhaben. Oft fällt einem ja nur der Apfelschuss ein. Wir wollen erzählen, worum es eigentlich geht, und zwar so, dass jeder Besucher am Ende des Stücks sagen kann: Jetzt hab‘ ich’s verstanden. Wir wollen die Quintessenz des Stücks herausarbeiten.“

Klar war Oliver von Fürich von Anfang an, „dass wir auf der Naturtheaterbühne nicht im Bühnenbild von 'Hotzenplotz' und 'Annie' würden spielen können. Tonio Kleinknecht hatte dann die Idee, dass wir vor Videowänden agieren, was auch eine Interaktion mit dem Geschehen auf der Bühne und mit dem Textbuch ermöglichen würde. Und wir haben dann in Marco Kreuzer einen erfahrenen Videodramaturgen gefunden und in Marion Schneider-Bast eine viel gefragte Textbuchautorin, die auf die Modernisierung von Klassikern spezialisiert ist“. Mit 30.000 Euro unterstützt übrigens die Baden-Württemberg-Stiftung das Projekt und trägt damit zum großen Teil dessen Kosten. „Allein die Videowände sind schon sehr teuer, aber eben auch wesentliche Bestandteile des Konzepts.“

Jung und Alt finden Platz auf der Besetzungsliste für „Wilhelm Tell“

Oliver von Fürich jedenfalls redet sich regelrecht in Feuer, wenn er von dem Projekt spricht, bei dem er Regie führen wird. Auch im Verein war man dann schnell überzeugt. Und die über 40 Mitwirkenden waren rasch gefunden. Beim Blick auf die Besetzungsliste könnte man, wo wir schon mal englisch dabei sind, beinahe von einem „Who’s who“ in Sachen Naturtheater reden. Den Titelhelden gibt Ingo Schneider. Als Geßler kehrt Norbert Sluzalek für den „Tell“ nach Heidenheim zurück. „Und dann“, verrät Oliver von Fürich noch, „habe ich es gewagt, Dieter Junginger und Rudi Neidlein anzusprechen.“ Mit Erfolg. Die beiden alten Haudegen in Sachen Volksschauspiel, Neidlein ist 77, Junginger 83 Jahre alt, werden zum ersten Mal seit der Abspaltung von Teilen des Vereins, die 1981 zur Gründung der Königsbronner Amateurtheatertruppe führte, wieder auf der Bühne des Naturtheaters zu erleben sein.

Gespielt werden wird der Jubiläums-„Tell“ viermal, jeweils freitags und samstags an den beiden letzten Wochenenden im September. „Ich glaube nicht, dass das zu spät im Jahr sein wird“, sagt Oliver von Fürich. „In den vergangenen Jahren war es Ende September ja oft fast noch wärmer als im Sommer.“

Und selbst wenn nicht und es doch etwas kälter sein sollte: „Unser 'Tell' wird, inklusive Pause, nicht länger als zwei Stunden dauern. Wir fangen um halb acht an und werden um halb zehn fertig sein“, verspricht Oliver von Fürich. Und was noch? „Ein Stück in moderner Sprache, in modernen Kostümen, gespielt von einer tollen Truppe in einer Inszenierung mit Autos und hoffentlich sogar Motorrädern.“ Und dann ist dem Regisseur noch etwas wichtig. „Wir wollen den Beweis antreten, dass das Naturtheater nicht nur Kinderstücke und Musicals kann, sondern auch Klassiker, wie man sie sonst auf Amateurbühnen eben nicht spielt.“

Es gibt schon Eintrittskarten

„Wilhelm – Tell me your story“ wird am 20., 21., 27. und 28. September jeweils ab 19.30 Uhr im Naturtheater Heidenheim gespielt. Der Vorverkauf hat bereits begonnen. Eintrittskarten sind unter anderem im Ticketshop des Pressehauses in Heidenheim erhältlich.

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