Mit einem besonderen Leckerbissen eröffnete die Kulturschiene das Kalenderjahr 2026: Politik-Kabarettist und Satiriker René Sydow fand den Weg nach Heidenheim. Mit seinem Programm „In ganzen Sätzen“ sezierte er messerscharf unsere politische Großwetterlage und strapazierte mit seinem intellektuellen und anspruchsvollen Humor über zwei Stunden lang die Gehirnwindungen seiner Zuhörer.
Eines wurde den gut 120 Besuchern im Lokschuppen schnell klar: Plattitüden oder gar oberflächliche Comedy würde es an diesem Abend nicht geben. Der Radolfzeller begrüßte sein Publikum mit den Worten „Ich bin überall ein bisschen ungern“ und schob nach, dass er eigentlich auf Gruppentherapie sein müsste, es dann doch bevorzugte, auf Tournee zu gehen.
Kabarett: Eine Sprache der Vernunft?
„In ganzen Sätzen“ – das ist nicht nur eine Floskel, das ist ein klares Statement. Und eben jene ließ der wortgewandte Sydow im Minutentakt auf sein Auditorium einprasseln. Er attestierte, dass ein Streik früher im Regelfall acht Stunden dauerte – laut Sydow somit ganze zwei Arbeitstage in Italien. Dass Schnecken bis zu drei Jahre am Stück schlafen können, war sicherlich nicht jedem Anwesenden bekannt – bei unserem Vizekanzler und Bundesminister für Finanzen Lars Klingbeil dauert dieser Vorgang noch etwas länger.
Das Portfolio von René Sydow ist umfangreich: Verschwörungstheoretiker, Rassismus, Populismus oder der Klimawandel. Und auch die Besucher selbst waren in Heidenheim vor den Tiraden nicht sicher. Wer schnell beleidigt ist, für den empfahl Sydow die sofortige Heimfahrt. Clever und einfallsreich erläuterte der enorm präsente Sydow, warum er für die einen zu rechts und für die anderen zu links ist. So wie für Sydow Kabarett die Sprache der Vernunft darstellt, ist Politik die Sprache der Angst. In seinen Aussagen erinnerte er mitunter an die Polemik des großen Georg Schramm.

Sydow diskutierte über Pazifismus und die neue Kriegsbegeisterung in Deutschland. Wir schicken Waffen in Kriegsgebiete, damit wir in Deutschland Frieden haben. Das ist laut Sydow so, als wenn die Tochter auf den Strich geschickt wird, damit der Sohn Theologie studieren kann.
Auch fernab des politischen Allerleis bewegte sich René Sydow stilsicher. Jugendliche surfen im Schnitt vier Stunden pro Tag im Internet. So wurde aus dem Sportprogramm Instagram, aus der guten Stube YouTube, und anstatt einfach mal eine sportliche Runde um den Block zu laufen, wird ein Blog ins Leben gerufen. Die Apple Watch beziehungsweise den Fitness-Tracker titulierte er als moderne Fußfessel und verglich unsere Welt mit einem Irrenhaus – wer hier wohl der Wärter ist?
Bissig und schmissig
ChatGPT substituiert das eigene Denken, das Handy ersetzt den Gang in die Diskothek – also genau den Ort, an welchem man laut Sydow früher seine Geschlechtspartner und Dealer kennenlernte. Und Instagram selbst? Auch diese Entwicklung ist für Sydow überraschend, schließlich hat heutzutage nahezu jeder Mensch ein Profil – vor über zwanzig Jahren war das ausschließlich den Verbrechern vorenthalten.
Auch seine Erklärung der ständig steigenden Krankenkassenbeiträge wirkt stimmig. Wir werden immer älter und somit müssen die gestiegenen Kosten eben auf die Mitglieder umgelegt werden – die Krankenkassen können ja schlecht die Mitglieder umlegen. Als Moralapostel überzeugte Sydow ebenfalls: Auf Zigarettenpackungen thronen Warnhinweise in Text und Bild und mahnen vor Krebserkrankungen, während auf Chips-Packungen keine übergewichtigen Menschen abgebildet sind – das ist laut Sydow äußerst inkonsequent.
Linguistik für Fortgeschrittene
René Sydow zerlegte zwei Stunden lang nach Herzenslust unsere Sprache, entlarvte Schaumschläger und diskutierte herrlich exaltiert und ohne Filter über das, was uns allen auf dem Herzen (oder auf der Zunge) liegt. Seine Kritik ist bissig, scharfsinnig, sicherlich herausfordernd und ganz nebenbei ungemein unterhaltsam.
Fee Brembeck kommt nach Heidenheim
Am Donnerstag, 29. Januar, wird die Kabarettistin, Poetry-Slammerin und lyrische Sopranistin Fee Brembeck ihr Programm „Komm du erstmal aus meinem Alter!“ im Lokschuppen präsentieren. Ab 20 Uhr wird die gebürtige Münchenerin mit viel Selbstironie über das Gendern, das Älterwerden und Generationskonflikte sinnieren.

