Ein Raunen ging durch das Publikum, als der stellvertretende Vorsitzende des Oratorienchors, Joachim Richter, erzählte, dass die Aufführung des „Messias“ fast nicht stattgefunden hätte. Die Sopranistin wie auch Chordirektorin Ulrike Blessing waren erkrankt– doch für beide konnte hochkarätiger Ersatz gefunden werden. Unter der Leitung von Kristina Pfeffer, einer international erfahrenen Musikerin und Chorleiterin, wurde das Publikum hineinversetzt in die wohlbekannten, äußerst fein nuancierten Melodien des Oratoriums. Die Mitglieder des Stuttgarter Orchesters „Musica viva“ beherrschten alle Register: von zart, leise, im Hintergrund bis hin zu überwältigenden musikalischen Bögen, die die Pauluskirche bis in den letzten Winkel erfüllten. Pfeffer dirigierte präzise, mit einem großen Lächeln und der genauesten Übersicht über jedes einzelne Instrument, jeden Solisten sowie den in seiner Darbietung stark beeindruckenden Chor.
Herausragende Solistinnen und Solisten
Auch Zuhörerinnen und Zuhörer, die das Werk schon gut kannten, erlebten die einzelnen Teile, die Verse und die musikalischen Finessen noch einmal ganz neu. Die Solisten sangen herausragend. In jeder Arie wurde das Publikum regelrecht hineingezogen in die poetischen, oftmals dem Alten Testament entlehnten Texte und zugleich in die tiefen Gefühle, die zum Ausdruck gebracht wurden.
Als der Tenor Hyoungjoo Yun „Tröste dich! Tröste dich, mein Volk, spricht der Herr“, sang, herrschte absolute Stille unter den 500 Gästen. Der Chor stimmte ein mit „Die Herrlichkeit des Herrn wird offenbaret“ und im gesamten ersten Teil des Werkes war die Verheißung des Messias zu spüren – aber auch die Angst der Menschen: „Wer wird ertragen den Tag seiner Ankunft und wer bestehet, wenn er erscheinet?“ – berührend und herausragend im Vortrag die Altistin Brigitta Ambs. Man hatte das Gefühl, dies ist nicht eine plumpe, verkitschte Allerweltsankündigung: „Und dann wird alles gut, der Heiland kommt“, sondern in den Darbietungen und in der Musik war zu spüren: Die Menschen, denen dieser Trost zugesprochen wird, kennen auch Not, kennen Angst und Leid. Diese Mischung war sehr bewegend und hallte in den pointierten Pausen lange nach.
Auch der Bass war sehr überzeugend in seinem Vortrag: Jan-Henrik Witkowski sang von Finsternis und der „dunklen Nacht der Völker“. Lichtvoll und stark übernahm wieder der Chor und man atmete auf bei „Denn es ist uns ein Kind geboren“. Bei der zarten, glasklaren Arie der Sopranistin Linda Bennett „Erwach, frohlocke, o Tochter von Zion“ lauschte das Publikum atemlos. Der zweite Teil des Oratoriums beschrieb den Leidensweg Christi, den Verrat an ihm und seinen Tod und auch dieser Schmerz wurde bewegend dargeboten.
Laute Jubelrufe aus dem Publikum in der Heidenheimer Pauluskirche
Nach der Pause zelebrierte der Chor mit vollem Klang eines der bekanntesten musikalischen Werke überhaupt: das „Halleluja“. Und es gab niemanden im Publikum, der nicht andächtig lauschte. Im dritten Teil schließlich ging es um das Jüngste Gericht und um die Auferstehung der Geretteten. Auch hier liegen Angst und Schmerz dicht bei der Freude, durch das Opfer Christi „zur Unsterblichkeit verklärt“ zu werden. Bei dem Schlusschoral „Würdig ist das Lamm, das da starb“ und der darauf folgenden, vor Freude schwingenden Fuge „Amen“ entfaltete sich noch einmal, was großartig gesungen und volltönend gespielt wurde: „Alle Gewalt, und Ehr, und Macht, und Lob, und Preis gebühret ihm, der sitzet auf seinem Thron.“ Der Abend war eine würdige und festliche Einstimmung auf den bald beginnenden Advent. Das Publikum dankte allen Beteiligten – der Chorleiterin, den Solisten, dem Chor und dem Orchester – mit lauten Jubelrufen.
Nächstes Konzert im April 2026
Ulrike Blessing, die das Konzert einstudierte und wegen Krankheit verhindert war, leitet den Oratorienchor Heidenheim seit zehn Jahren. Wer Interesse hat mitzusingen, ist willkommen, gerne auch Männerstimmen. Das nächste Projekt des Oratorienchors ist die Messe Es-Dur von Franz Schubert. Sie wird im April nächsten Jahres zu hören sein. Weitere Informationen unter ora-hdh.de.

