Der arme Pablo. Lange wollte niemand mit ihm sprechen. Angucken, klar. Aber ins Gespräch kam Pablo Picasso hier in Heidenheim geraume Zeit überhaupt nicht. Bis vor drei Jahren. Da trat die Karlsruher Künstlerin Hannah Cooke erstens in Picassos Leben und zweitens in den künstlerischen Dialog mit seinen Werken im hiesigen Kunstmuseum. Nun bekommt der Maler einmal mehr eine Gesprächspartnerin. Zohar Fraiman stellt sich der Dauerausstellung und ergänzt sie durch ihre eigens für Heidenheim konzipierte Schau „Travelling without moving“.
Fragmentiere Figuren in Zohar Fairmans Kunst
Fraiman, die 1987 in Jerusalem geboren wurde und seit 2009 in Berlin lebt und arbeitet, wurde vom Kunstmuseum eingeladen, ihr eigenes malerisches Schaffen zu präsentieren sowie neue Perspektiven auf die Werke der Picasso-Ausstellung aufzuzeigen.

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Sie tut das beispielsweise mit dem Werk „Born to Roll“. Darin räkelt sich ein weibliches Model auf der Motorhaube eines Wagens. Fraimans Darstellung bricht jedoch mit dem gängigen Model-Körperbild. Bei ihr doppeln sich Körperteile, sie werden optisch verzerrt, wirken fragmentiert. Überlagert wird das Model von kubistischen Elementen, auch das Nummernschild des Wagens zitiert Figuren, die sich auf einer Originalkeramik von Picasso wiederfinden.
Beim genaueren Hinsehen offenbart sich der Blick auf die tropische Kulisse im Gemälde als Fiktion. Zwei sichtbare Klebebänder zeigen: Das hier ist nicht echt.

Zohar Fraimans wiederkehrendes Ausstellungsmotiv spiegelt sich im Titel „Travelling without moving“ – angelehnt an ein Lied der Band „Jamiroquai“ – wider. Die Welt wird primär durch das Smartphone wahrgenommen. Wir reisen per Instagram und Co. an ferne, exotische Orte, ohne uns dabei jemals von der Stelle zu bewegen. Was wir sehen, ist inszeniert, kuratiert, künstlich. Verdeutlicht wird das nicht zuletzt durch zahlreiche silberfarbene Plastikpalmen, die zwischen den Malereien platziert wurden.
Herzstück der Ausstellung ist ein Quasi-Auto, welches Fraiman eigens für das Kunstmuseum entwickelt hat. In der Flotte der Automarke Citroën gab es eine Reihe, die Pablo Picasso gewidmet gewesen ist und dessen Signatur trug – ein Umstand, der Zohar Fraiman faszinierte. Kurzerhand baute sie einen eigenen, roten Wagen, der nach ihr benannt ist: „The Fraiman“.
Es ist eine Metapher dafür, wie wir überall hingehen, aber trotzdem nicht in der realen Welt reisen.
Zohar Fraiman, Künstlerin
Als Installation konzipiert, sind Besucherinnen und Besucher eingeladen, sich in den halbierten Sportwagen zu setzen und sich im gegenüberliegenden Spiegel zu fotografieren. „Ich sehe das Ganze als ein Setting an“, erklärt die Künstlerin. Plastikpalmen und ein als Öllache gestalteter Spiegel auf dem Boden verleihen der Szenerie etwas gewollt Künstliches. „Es ist eine Metapher dafür, wie wir überall hingehen, aber trotzdem nicht in der realen Welt reisen“, so Fraiman. Gleichzeitig zitieren die Muster auf dem farbenfrohen Hintergrund und auf den Autorädern Motive Picassos; die tropische Atmosphäre verweist zudem auf Málaga, den Geburtsort des Künstlers.
Immer wieder verwebt Zohar Fraiman kunstgeschichtliche Werke mit Popkultur-Momenten. So inszeniert sie die „Spice Girls“ gemeinsam mit den weiblichen Figuren des Picasso-Gemäldes „Les Demoiselles d’Avignon“, sie verlagert Frida Kahlos „What the Water Gave Me“ an karibische Küsten und sie stellt die vermeintlichen zwei Gesichter von Influencern dem Doppelspiel der durchtriebenen Siamkatzen aus „Susi und Strolch“ gegenüber.

Bezeichnend für den Kubismus war stets die Gleichzeitigkeit mehrerer Perspektiven. Im heutigen Kontext gewinnt diese Simultanität noch einmal eine intensivere Bedeutung – im Netz kann man überall gleichzeitig und global dauerpräsent sein. „Diese Gleichzeitigkeit wird heute aufs Maximum katapultiert“, kommentiert Kunstmuseumsleiter Marco Hompes.

Ausstellung im Heidenheimer Kunstmuseum von Zohar Fraiman
Viele der ausgestellten Werke hat Zohar Fraiman exklusiv für die Ausstellung in Heidenheim konzipiert. Immer stehen ihnen im Kunstmuseum dabei die entsprechenden referenzierten Originalwerke Picassos gegenüber.
Beleuchtung ist in die Jahre gekommen
Mit der inzwischen zweiten Schau in der Hermann-Voith-Galerie, die in den Dialog mit Picasso tritt, kommt Bewegung in die Dauerausstellung. „Und die soll auch drinbleiben“, wünscht sich Marco Hompes. Seit geraumer Zeit sieht sich die Galerie mit einer gewissen Licht-Problematik konfrontiert. Die in die Jahre gekommenen Halogenstrahler geben allmählich den Geist auf, aus konservatorischen Gründen mussten die Picasso-Werke vorübergehend abgehängt werden.
Im Anschluss an „Travelling without moving“ wird Martin Bruno Schmidt die Ausstellung „Anbau – Umbau – Rückbau (repeat!)“ bestreiten; danach, im neuen Jahr, hofft Hompes auf eine neue Lichtanlage in der Hermann-Voith-Galerie. Für weitere Dialoge mit dem armen Pablo, in neuem Licht.

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Vernissage am Sonntag, 29. März
Zu sehen ist „Travelling without moving“ vom 29. März bis 26. Juli in der Hermann-Voith-Galerie des Kunstmuseums. Eröffnet wird die Ausstellung mit einer Vernissage am Sonntag, 29. März, ab 11 Uhr.

