Für manche Menschen hat der Begriff Heimat den Beiklang des Gemütlichen, des Gefühligen und Wohligen, andere verbinden Heimat mit Enge und dem Muff des allzu Vertrauten. Wieder andere definieren Heimat schlicht als den Ort, der auf ihrer Geburtsurkunde steht.
Welche Definition man auch wählt – Heimat dürfte für jeden einen anderen Klang haben und andere Bilder im Kopf erzeugen. Gleich mehrere dieser individuellen Begriffe von Heimat werden am kommenden Mittwoch, 11. Februar, ab 19 Uhr in der Stadtbibliothek Heidenheim zu hören sein. Die Autorenvereinigung PEN Berlin lädt dann zur Gesprächsveranstaltung unter dem Titel „Ist das noch/schon mein Land?“ ein.
Der Sprecher des Vereins, der deutsch-türkische Journalist und Publizist Deniz Yücel, erklärt im Gespräch mit der HZ, warum PEN Berlin diese Gesprächsreihe, die in Baden-Württemberg an 22 Orten stattfindet, ausgerechnet vor der Landtagswahl anbietet: „Vor der Wahl ist es ein guter Moment, weil die Menschen gerade jetzt politisch interessiert sind“, sagt Yücel, es handle sich aber nicht um eine unmittelbar politische Veranstaltung.
Zwei Gäste auf dem Podium
So ist der Begriff der Heimat in diesem Kontext auch eher als Vehikel zu sehen, um unterschiedlichste Fragen zu beleuchten. „Bei vielen Themen, die die Menschen gerade beschäftigen, spielt nach unserer Beobachtung Angst eine Rolle“, sagt Yücel. In Baden-Württemberg gebe es die Sorge vor dem Niedergang der prägenden Automobilindustrie, die Angst vor unkontrollierter Zuwanderung oder vor der Machtübernahme durch rechtsextreme Parteien. „Diese Ängste lassen sich herunterbrechen auf die Angst vor dem Verlust von Heimat“, glaubt der 52-Jährige.

An jedem Veranstaltungsort hat der Verein zwei Gäste sowie eine Moderatorin oder einen Moderator eingeladen. In Heidenheim sind als Gäste Katharina Agüera und Patrick Findeis geladen. Agüera wurde in Augsburg geboren und ist seit vergangenem Jahr Konzernsprecherin von Voith. Der gebürtige Heidenheimer Findeis lebt in Berlin und hat zuletzt 2022 den Roman „Paradies und Römer“ veröffentlicht. Als Moderatorin ist Carolin Gasteiger dabei. Die Journalistin arbeitet für das Feuilleton der „Süddeutschen Zeitung“. Das Trio wird nicht nur miteinander sprechen, sondern soll auch das Publikum einbinden.
Einladung zur Diskussion
Wie solche Diskussionen ablaufen, sei immer wieder unterschiedlich und abhängig von Ort, Podium und Publikum, weiß Yücel aus der Erfahrung in anderen Städten. Er wirbt aber grundsätzlich dafür, eine gewisse Heimatliebe als positives Gefühl anzuerkennen: „Ohne positiven Bezug zum Gemeinwesen ist es schwierig, einen Beitrag zu leisten, damit der Ort, an dem man lebt, ein besserer wird.“ Dazu wolle der PEN Berlin einen Beitrag leisten, indem man mit den Menschen ins Gespräch komme: „Es sind alle eingeladen, und das meinen wir wörtlich.“
Deniz Yücel sagt von sich, er habe in seinem Leben mehrere Orte als Heimat erlebt. Aus Flörsheim am Main, wo er 1973 als türkischer Gastarbeitersohn geboren wurde, konnte er nach eigener Aussage mit Anfang zwanzig nicht schnell genug wegkommen. Berlin wurde ihm zu einer zweiten Heimat, später erarbeitete er sich Istanbul als weitere Heimat. Dort wurde er von der Erdogan-Regierung juristisch verfolgt, weil er den Völkermord an den Armeniern, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts verübt wurde, als solchen aussprach. Genau das gehöre für ihn aber dazu: „Heimat bedeutet auch Verantwortung für Gegenwart und Geschichte.“ Daraus resultiert für ihn, dass man als Deutscher nicht sagen könne, der Holocaust interessiere einen nicht.
Was ist PEN?
Der Verein PEN Berlin wurde 2022 nach einer Kontroverse als Abspaltung des PEN-Zentrums Deutschland gegründet. Neben Deniz Yücel ist die Schriftstellerin und TV-Moderatorin Thea Dorn Sprecherin des Vorstands. PEN steht als Abkürzung für Poets, Essayists, Novellists (dt. Dichter, Essayisten und Romanautoren). Auf internationaler Ebene wurde der Autorenverband 1921 in London gegründet. Später öffnete sich der Verband auch Vertretern anderer schreibender Berufe.

