Noch bis 15. Juni können sich Kandidatinnen und Kandidaten für den Bürgerpreis selbst vorschlagen oder vorschlagen lassen. Vergeben wird der Preis traditionell in vier Kategorien. Neu ist jedes Jahr das Motto, unter dem die Auszeichnung steht. Dieter Steck, Vorstandsvorsitzender der Kreissparkasse Heidenheim, und Dr. Jörg Kondring, Vorsitzender der Hanns-Voith-Stiftung, erklären im Interview, warum das Thema „Umbruch“ heuer eine wichtige Rolle spielt.
Das Motto des diesjährigen Bürgerpreises lautet „In Zeiten des Umbruchs füreinander da!“. Welcher Umbruch ist damit gemeint?
Dieter Steck: Der Begriff Umbruch hat aus meiner Sicht derzeit viele Facetten. Es begann mit dem Ukraine-Konflikt. Jetzt kam der Krieg im Iran dazu. In der Wirtschaft sehen wir Umbrüche durch einen neuen Protektionismus. Wir haben Umbrüche im digitalen Bereich und auch beim Klima durch die Klimakrise. Es ist also nicht ein Umbruch, sondern mehrere, die parallel ablaufen. Aus unserer Sicht werden diese Umbrüche auch gesellschaftliche Verwerfungen zur Folge haben, die heute noch nicht umfänglich erkennbar sind.
Die Ereignisse, die Sie nennen, dauern teilweise bereits seit Längerem an. Sind wir jetzt an einem Punkt, an dem wir die Auswirkungen dieser Umbrüche auch hier vor Ort voll spüren?
Dr. Jörg Kondring: Es gibt Umbrüche, die sich schon über längere Zeiten andeuten, beispielsweise der Klimawandel oder das Thema demografischer Wandel. Und es gibt Themen, die jetzt neu dazugekommen sind. Das Synonym schlechthin dafür ist ja die Zeitenwende, die schon an vielen Stellen strapaziert worden ist. Das sind nicht nur die Kriege, die uns spätestens seit 2022 berühren. Das ist auch das veränderte transatlantische Verhältnis. Das ist aber auch die abnehmende Leistungsfähigkeit des Staates, die mit den derzeitigen wirtschaftlichen Problemen zusammenhängt. Da, wo der Staat nicht mehr alles leisten kann, kommt es verstärkt aufs Ehrenamt an.
Merkt man das auch im Landkreis? Dass das Ehrenamt inzwischen Dinge auffangen muss, die der Staat nicht mehr leisten kann?
Steck: Wir sehen hier gerade die Anfänge. Stichwort Energiepreise, Stichwort wieder aufkeimende Inflation, Stichwort Gesundheitsreform und höhere Belastungen, die insgesamt auf uns alle zukommen. Das Portemonnaie der Bürgerschaft wird kleiner. Das sehen wir schon jetzt an der Sparfähigkeit vieler Menschen, die nicht mehr im gewohnten Umfang gegeben ist. Auch deshalb bin ich überzeugt, dass das Ehrenamt wichtiger wird, denn je.
Kondring: Oder Stichwort Rente. Hier hat der Kanzler gerade eine Wahrheit ausgesprochen, die zwar unpopulär ist, auf die es aber hinauslaufen wird. Auch insoweit wird es zunehmend Menschen geben, die auf ihre Mitmenschen und damit auf das Ehrenamt angewiesen sein werden.
Umgekehrt sind viele stark im Ehrenamt engagierte Menschen in Rente. Wenn wir länger arbeiten oder in der Rente zuarbeiten müssen, bleibt aber künftig auch weniger Zeit fürs Ehrenamt.
Kondring: Ich denke, die verfügbare Zeit als Rentner oder Rentnerin ist keine Voraussetzung für das Ehrenamt, sondern in vielen Fällen einerseits bloß das Ergebnis der Demografie, andererseits haben die Menschen vielfach schon in jüngeren Jahren mit ihrem Engagement begonnen und setzen es bis ins Rentenalter fort. Deswegen ist es wichtig, dass wir auch junge Menschen auszeichnen, die im Ehrenamt sind. Gerade die brauchen wir, damit das Ehrenamt auch künftig Bestand hat.
Zurück zum Umbruch: Ist es jetzt gerade in diesen Zeiten besonders wichtig, ehrenamtliches Engagement sichtbar zu machen?
Kondring: Ja, denn der Umbruch hat zwei Effekte: Wir haben zum einen bei Corona gesehen, dass in Krisenzeiten viele Menschen plötzlich sehr solidarisch wurden, und ich glaube außerdem, dass Umbrüche dazu führen, dass Themen neu entstehen.
Wie meinen Sie das?
Kondring: Nehmen Sie den Krisen- oder Katastrophenschutz. Früher dachten viele bei der Feuerwehr hauptsächlich ans Löschen von Bränden. Inzwischen werden Feuerwehren immer wichtiger, auch beim Bevölkerungsschutz. Das gleiche gilt für das THW. Und auch für die Bundeswehr. Es braucht in Zukunft überall mehr Freiwillige, die bereit sind, zu beschützen und das zu verteidigen, worauf wir stolz sind und was unser Land und unsere Gesellschaft ausmacht.
Steck: Man kann es auch so sehen, dass denjenigen Menschen, die von diesen Umbrüchen betroffen sind, das Ehrenamt Halt geben kann. Sie bekommen Wertschätzung und Anerkennung, und dies stärkt nicht zuletzt auch das Selbstbewusstsein.
Auch dieses Jahr wird der Bürgerpreis in vier Kategorien vergeben. Möchten Sie erklären, was einen Alltagshelden, so wie Sie ihn suchen, ausmacht?
Steck: Wir möchten in dieser Kategorie stille Helden auszeichnen, also Menschen, die eher im Verborgenen tätig sind. Wir möchten ihr Tun vorstellen, sie ehren und stärken, weil das die Masse der ehrenamtlichen Tätigkeit darstellt. Das sehen wir allein an der Zahl der Vorschläge für den Preis. Die ist in dieser Kategorie immer am höchsten.
Kondring: Der Alltagsheld zeichnet sich durch die Beständigkeit aus. Er wirkt im Kleinen, ohne sich nach vorne zu stellen. In der Nachbarschaft, im Freundeskreis, im Wohnort, im Verein.
Eine weitere Kategorie ist die der engagierten Unternehmer. Wie wichtig ist gesellschaftliches Engagement von Unternehmen gerade jetzt – in Zeiten des Umbruchs?
Kondring: Ehrenamtliches Engagement von Unternehmern wird immer mehr zur Herausforderung, denn in wirtschaftlich schwierigen Zeiten schauen Unternehmer, wo sie Geld sparen können. Nicht um den Gewinn zu maximieren, sondern um zu überleben. Wenn der Rotstift dann angesetzt wird, kann das Bereiche des unternehmerischen Engagements betreffen und belastet somit die Allgemeinheit. Umso mehr wertzuschätzen sind diejenigen, die trotz wirtschaftlicher Probleme dieses Thema vorerst nicht antasten, sondern ihr Engagement fortsetzen.
Steck: Wir sehen das an den geehrten Unternehmen der vergangenen Jahre. Das waren solche, die in guten, wie in schlechten Zeiten engagiert waren. Deswegen bin ich überzeugt, wir werden da auch dieses Jahr fündig. Und, wenn ich das so sagen darf, kein Unternehmen sollte angesichts des demografischen Wandels vergessen: Es wird auch wieder bessere Zeiten geben, in denen vielleicht eine gute Reputation wichtig ist. Deshalb stimmt mich das hoffnungsvoll und wir wollen auch künftig an dieser Kategorie festhalten.
Nochmal zur Erklärung: Darf das gesellschaftliche Engagement in direktem Zusammenhang mit der betrieblichen Geschäftstätigkeit stehen, um für den Bürgerpreis infrage zu kommen?
Steck: Das darf es durchaus, es sollte nur kein Sponsoring sein. Es muss schon ehrenamtliche Tätigkeit stattfinden. Wenn also ein Bäcker seine Brötchen für ehrenamtlich tätige Vereine spendet oder für Einsatzkräfte, dann ist so etwas natürlich erwünscht.
Eine weitere Kategorie sind ehrenamtlich tätige Jugendliche bis 21 Jahre. Wie erreichen Sie die jungen Leute?
Steck: Das ist in der Tat eine Schwierigkeit. Wir bedienen neben den klassischen Medien auch die Kommunikationskanäle, mit denen sich die Jugend beschäftigt. Dies sind beispielsweise die sozialen Medien, die Sparkassen-App oder unsere SB-Geräte. Aber es können auch Eltern, Bekannte oder Verwandte die Jugendlichen vorschlagen. Das wäre unser Wunsch und Appell an die Erwachsenen: Wen kennen Sie, den Sie vorschlagen können?
Welche Jugendlichen oder Jugendprojekte kommen infrage für den Bürgerpreis? Müssen die Jugendlichen alles allein machen oder dürfen auch Erwachsene dabei sein?
Kondring: Die Jugendlichen müssen im Vordergrund stehen.
Steck: Klar ist es erlaubt, dass Erwachsene die Jugendlichen anleiten in ihrem Engagement. Aber die Umsetzung sollte schon durch die Jugendlichen stattfinden.
Und schließlich gibt es den Preis fürs Lebenswerk. Wer kommt dafür in Frage?
Kondring: Das sind Menschen, die über einen sehr langen Zeitraum engagiert sind.
Steck: Mindestens für 25 Jahre.
Kondring: Wir haben in der Vergangenheit Menschen geehrt, die 30 oder 40 Jahre engagiert waren. Als Alltagshelden haben sie kontinuierlich über Jahrzehnte gewirkt und deshalb Großes bewegt.
Steck: Wir sehen häufig, dass derart engagierte Menschen sich dadurch auszeichnen, dass sie verschiedene ehrenamtliche Tätigkeiten parallel ausüben. Das sind wirklich Ehrenamtler durch und durch, die sich mit viel Leidenschaft auf eine herausragende Weise im Sinne unserer Gesellschaft einbringen.
Was wünschen Sie sich in diesem Jahr in Sachen Außenwirkung des Preises?
Steck: Wir wollen Wertschätzung vermitteln und zugleich eine Plattform geben, um nach der Preisverleihung ins Gespräch zu kommen, zu netzwerken. Gerade in diesen Zeiten wollen wir außerdem Leute animieren, ins Ehrenamt einzusteigen.
Kondring: Der Preis soll ein Beitrag zur Ehrenamtskultur sein. Einer Ehrenamtskultur, die in Deutschland zwar existiert, die aber vor dem Hintergrund des Umbruchs noch wichtiger wird. Analog zu anderen Ländern, etwa den USA, wo der Staat viel weniger präsent ist als bei uns und wohin sich unser Staat wohl notgedrungen tendenziell auch entwickeln wird, werden auch bei uns soziale Themen, die bislang der Staat getragen hat, vom Ehrenamt übernommen werden müssen. In den USA hat das Ehrenamt viel mehr gesellschaftliche Anerkennung. Das braucht es auch bei uns. Der Bürgerpreis soll dazu beitragen. Er ist eine solche öffentliche Anerkennung.
So kann man sich bewerben:
Bis 15. Juni können sich ehrenamtlich tätige Bürgerinnen und Bürger unter www.ksk-heidenheim.de/buergerpreis oder unter Tel. 07321.3441540 für den Bürgerpreis im Landkreis Heidenheim selbst bewerben oder andere vorschlagen.
Über die Vergabe des Preises in den vier Kategorien entscheidet eine zehnköpfige Jury.

