Wer die Michaelskirche betritt, staunt erst einmal: Linkerhand unter der Empore steht eine Bar, davor sind Barhocker aufgereiht, daneben finden sich mehrere Sitzgruppen. Das fluoreszierende Kreuz leuchtet dezent durch die Wand der Bar, auf der Schwartenbretter die Theke bilden. Gebaut hat sie Stefan Hörz gemeinsam mit Jugendlichen, die mittlerweile für das Projekt brennen und beim Upcyceln, Bauen und Planen mitmachen. „Wenn man die Kirche mit Leben füllen will, braucht man Veränderungen“, sagt der 30-jährige Jugendreferent, der seit September in Heidenheim arbeitet. Noch in Planung ist der Bau einer Skater-Halfpipe vor der Orgel und einer Boulderwand auf der Empore.

Dass Stefan Hörz in Heidenheim durchstartet, bezeichnen die Beteiligten als Fügung. Die Stelle eines Jugendreferenten im evangelischen Jugendwerk im Kirchenbezirk war vakant, während Hörz gleichzeitig eine neue Herausforderung suchte. Er hatte gehört, dass in Heidenheim speziell für die Michaelskirche neue Nutzungskonzepte gesucht würden, und bewarb sich initiativ – mit genau dem Profil, das die Gemeinde brauchte. Daraufhin wurde die Stelle umgewidmet und mit dem neuen Schwerpunkt „Jugendarbeit und Michaelskirche“ versehen. „Es war wie ein Geschenk“, sagt Dekan Gerd Häußler rückblickend. „Seine Interessen und unsere Bedürfnisse haben zusammengefunden.“
Heidenheimer Jugendliche packen mit an
Bislang hat Hörz mit einem Dutzend Jugendlicher an der neuen Einrichtung gebaut. Diese stammen primär aus bestehenden Jugendgruppen, doch das Projekt soll weit darüber hinausstrahlen. Um die Ideen in die Breite zu tragen, sucht Hörz gezielt den Kontakt zu Schulen und Konfirmandengruppen.
Auch der öffentliche Raum spielt eine Rolle bei der Kontaktaufnahme: Während er mit Jugendlichen auf dem Vorplatz Holz für die Bar sägte, ergaben sich bereits erste Anknüpfungspunkte mit jungen Passanten. „Wir sind ins Gespräch gekommen und ich habe sie in die Michaelskirche geführt und gezeigt, wie toll die Kirche ist.“
Der 30-jährige Stefan Hörz bringt das passende Rüstzeug für diese Aufgabe mit: Aufgewachsen in Loßburg bei Freudenstadt im Schwarzwald, studierte er an der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg Religions- und Gemeindepädagogik sowie Soziale Arbeit. In Heidenheim kann er nun seine drei großen Leidenschaften verbinden: „Die Action, den Glauben und die Jugendarbeit“, so der Referent, der mit seiner Frau und seinem Kind für die neue Aufgabe von Calw an die Brenz gezogen ist. „In der Kirche ist wichtig, dass auch immer der Bezug zum Glauben da ist“, betont er. Den Kontrast einer Skater-Rampe vor der alten Orgel findet er „spannend“, doch gleichzeitig sei es wichtig, offene Angebote wie Skaten oder Bouldern mit Formaten zur Glaubensvertiefung zu verknüpfen.
Gebete per Telefonzelle vor der Michaelskirche in Heidenheim
Dazu gehört auch die Idee, vor der Kirche eine gebrauchte gelbe Telefonzelle aufzustellen: „Ein Gebetsraum, in dem man mit Gott telefonieren kann“, so Hörz. Im Innern wird es Karten mit Texten und Denkanstößen geben. Auch „Worship-Gottesdienste“ – Lobpreis-Gottesdienste mit viel Musik – spielen eine zentrale Rolle. Hier seien viele der aktuellen Ideen gereift.

Bereits vor längerer Zeit wurde ein Denkprozess über die Zukunft der Michaelskirche angestoßen, der im Sommer im Format „Auf geht’s Michael“ mündete. In den kommenden Faschingsferien soll nun ein weiterer Grundstein gelegt werden. Geplant ist – vorbehaltlich der Zustimmung des Kirchengemeinderats – ein Mittagstisch für Jugendliche. „Danach können die Jugendlichen gemeinsam skaten oder bouldern. Aber auch Nachhilfe und Betreuung sollen stattfinden“, so Hörz. Unterstützung kommt dabei aus dem Ausland: Acht Jugendliche aus der Slowakei werden in den Ferien beim Umbau helfen. „Wir werden die Jugendlichen fragen, was sie genau wollen, und darauf reagieren“, verspricht der Jugendreferent.

Trotz Denkmalschutz laufen die Gespräche mit den Behörden gut. Dekan Häußler betont: „Alles, was reversibel ist, ist nahezu kein Problem.“ Nur die Wände dürfen nicht angebohrt werden. Elemente wie die Halfpipe oder die Bar sind deshalb mobil konzipiert. „Um mal Spikeball oder Ähnliches zu spielen“, so Hörz, könnten die Stühle im Kirchenschiff schnell entfernt, für Konzerte aber ebenso schnell wieder aufgestellt werden.
Finanziert wird das Projekt über Spenden und Förderungen. Zudem setzt Hörz konsequent auf Upcycling, um Kosten zu sparen: „Wir versuchen, viel über Upcycling zu machen. Dabei kann man enorm viel Geld sparen und Spaß macht es auch.“

Kann die Heidenheimer Michaelskirche zum Kulturzentrum werden?
Die Michaelskirche im Church Makeover
Unter dem Titel „Auf geht’s Michael“ wurde bei Veranstaltungswochen in den Vorjahren erfolgreich erprobt, wie die Michaelskirche als öffentlicher Raum und Treffpunkt in der Innenstadt fungieren kann. Hinter den Veränderungen steckt das Konzept des „Church Makeover“ (deutsch: Kirchen-Umgestaltung). Es beschreibt einen modernen Ansatz, bei dem historische Sakralräume für neue Zielgruppen geöffnet werden, ohne ihren Kern zu verlieren. In Heidenheim wird dies durch vier Säulen sichtbar:
Vom Kirchenschiff zum Lebensraum: In der Michaelskirche weichen starre Strukturen einer flexiblen Nutzung. Wo früher nur Kirchenstühle standen, ermöglichen mobile Elemente wie die Halfpipe oder Sofas nun eine Nutzung als Jugendtreff, Sportort oder Café.
Identifikation durch Mitmachen: Ein zentraler Punkt ist die Partizipation. Dass Stefan Hörz die Bar unter der Empore gemeinsam mit Heidenheimer Jugendlichen baut, macht sie zu „ihrem“ Projekt. Diese Eigenleistung senkt die Hemmschwelle, die Kirche zu betreten.
Begegnung von Action und Stille: Das Makeover sucht bewusst den Kontrast. Die Boulderwand auf der Empore oder die gelbe Telefonzelle vor dem Portal zeigen, dass Glaube in Heidenheim kein „Sonntagsding“ sein muss, sondern im Alltag und in der Freizeitkultur stattfindet.
Respekt vor der Historie: Trotz der modernen Eingriffe bleibt die Michaelskirche als Baudenkmal geschützt. Alle Neuerungen sind reversibel – sie können jederzeit entfernt werden, ohne die altehrwürdige Substanz zu beschädigen.

