Erkundung vor dem Abriss

Gähnende Leere im früheren Heidenheimer Wäschegeschäft Rager

Das „Rager-Haus“ in der Heidenheimer Innenstadt soll abgerissen werden. Wie es heute in dem früheren Wäschegeschäft aussieht.

Man könnte es glatt übersehen, selbst wenn man davorsteht. Das liegt allerdings nicht daran, dass das sogenannte Rager-Haus in der Fußgängerzone so gewöhnlich wäre, sondern eher an seiner Größe: Gerade mal fünf Meter breit ist das Gebäude, das auf der rechten Seite direkt ans Café Sonnleitner angebaut ist. Hier befand sich einst – und davon kündet sowohl der Schriftzug auf der Fassade als auch ein kleines metallenes Schild auf der hölzernen Ladentür – das Wäschegeschäft von Fritz Rager. Wendet man den Blick nach oben, wirkt die Fassade, die wohl aus den 1920er Jahren stammt, mit ihrem Erker wie ein Kleinod neben den eher unspektakulären Gebäuden in der direkten Nachbarschaft.

Nein, denkmalgeschützt ist hier nichts, sagt Stefan Bubeck, Leiter des Geschäftsbereichs Hochbau bei der Heidenheimer Stadtverwaltung. Denn auch wenn das „Rager-Haus“ tatsächlich alt ist, Bubeck schätzt die ursprüngliche Erbauung auf Ende des 18. Jahrhunderts, gibt es weder außen noch innen Teile, die nach Ansicht des zuständigen Denkmalamts schützenswert wären. Im Wesentlichen liegt dies daran, dass das Gebäude im Laufe der vielen Jahre immer wieder mehr oder weniger professionell umgebaut wurde, teils sogar mit dem direkt danebenliegenden ehemaligen Café Sonnleitner räumlich verbunden ist. Auch dieses, ob seiner Größe beeindruckendere Gebäude, unterliegt nicht dem Denkmalschutz.

Der Wintergarten des früheren Café Sonnleitner ist genauso verlassen wie der Rest des Gebäudes.

Wie es heute im früheren Café Sonnleitner in Heidenheim aussieht

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Heidenheim
Jahre nach der Schließung

Steht man im Erdgeschoss, dort, wo bis vor wenigen Jahren noch Wäsche verkauft wurde, wirken die Räume noch kleiner, enger, als es von außen zu vermuten ist. Und das, obwohl die dereinst das Bild prägenden Ladenausstattung zum Großteil ausgebaut ist. Sie hat eine neue Heimstatt bei einem Heidenheimer Einzelhändler gefunden. Putz hängt von der Wand, ein großer Spiegel prägt das Bild, die Schönheit des Fischgrät-Parketts ist noch immer zu erkennen. In den noch vorhandenen Vitrinen künden vergilbte Werbeplakate eines Wäscheherstellers vom einstigen Warenangebot. Von dem einen Raum, der sich hier befindet, führt eine schöne hölzerne Treppe nach oben.

Statisch problematisches Gebäude

Hier, im ersten Stock, scheint das Haus etwas breiter zu werden. In einer Ecke finden sich die Reste von aufgerissenen Wäsche-Verpackungen, an der Wand Reste eines Kamins. Beinahe wirkt es so, als habe man die Räume fluchtartig verlassen. Die Türrahmen sind sehr schräg und stark verzogen. „Das ganze Gebäude ist statisch sehr problematisch“, erklärt Bubeck. Auch deshalb, weil es teils mit dem benachbarten Gebäude verbunden ist. Das erklärt auch, warum die Räume hier breiter sind als im Erdgeschoss.

Im zweiten Stockwerk erinnert ein Schreibtisch daran, dass hier früher einmal Büroarbeiten erledigt wurden. In der Ecke des Raumes steht ein alter Hometrainer, auf dem Boden ein Teppich, vor den Fenstern Gardinen. Hier, wie auch in den anderen Stockwerken und sogar im Schaufenster ist zu erkennen, dass die früheren Betreiber des Geschäfts einen Sinn für Kultur hatten. Die Plakate jedenfalls, die unter anderem für Ausstellungen werben, die vor Jahrzehnten in der Stuttgarter Staatsgalerie gezeigt wurden, lassen diesen Schluss zu.

Doch all diese Überbleibsel des einstigen Wäschegeschäfts und die Hinterlassenschaften der Menschen, die hier arbeiteten und Kunden bedienten, sind am Verblassen. Schon bald werden sie für immer der Vergangenheit angehören. Denn das „Rager-Haus“ wird, wie das Café Sonnleitner, dem Abrissbagger zum Opfer fallen. Denn an der Stelle der beiden Gebäude in der Hauptstraße soll, so die Planungen der Stadtverwaltung und des Gemeinderats, künftig ein Platz zum Verweilen einladen.

Besichtigung des Rager-Hauses neben dem Café Sonnleitner. Fotos: Rudi Penk

Ein letzter Blick ins Rager-Haus neben dem Café Sonnleitner

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Gutachten vor Abriss

Bevor das ehemalige Café Sonnleitner und das „Rager-Gebäude“ an der Hauptstraße abgerissen werden können, muss zunächst ein artenschutzrechtliches Gutachten erstellt werden. Das ist notwendig, weil in den beiden seit Jahren leer stehenden Gebäuden Fledermäuse nisten könnten. Sollte das tatsächlich der Fall sein, könnte sich der Abbruch verzögern.