Wer zum Haupteingang der Voith-Arena kommt, wird künftig nicht mehr an der Geschichte dieses Ortes vorbeikommen können. Auf dem Schlossberg ist am späten Mittwochnachmittag im Beisein hunderter Gäste eine Erinnerungsstele enthüllt worden. Sie erinnert an die unterschiedlichen Nutzungen des Areals während und nach der NS-Zeit – unter anderem an eine SA-Sportschule, eine Polizeischule, ein Nebenlager des Konzentrationslagers Dachau und eine SS-Nachrichtenhelferinnenschule. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren hier zudem Displaced Persons und später Heimatvertriebene untergebracht.
Das Interesse an der Enthüllung war groß. Mehr als hundert Menschen versammelten sich auf dem Schlossberg, darunter überraschend viele Fans. Unter den Ehrengästen waren Vertreter der Stadt, des Gemeinderats und Mitglieder der Geschichtswerkstatt, die die dunkle Vergangenheit aufgearbeitet haben, sowie Kulturfördernde wie Gabriele Rogowski. Auch FCH-Trainer Frank Schmidt, Kapitän Patrick Mainka und Vizekapitän Jan Schöppner besuchten die Enthüllung. Ihre Anwesenheit fügte sich in die Botschaft des Vereins ein: Erinnerung soll nicht am Spielfeldrand stattfinden, sondern Teil des Selbstverständnisses des FCH sein.
Erinnerung als Teil des Vereinsverständnisses des FCH
Die Veranstaltung war mehr als eine historische Rückschau. Immer wieder ging es um die Frage, was die Erinnerung mit der Gegenwart zu tun hat. Und die Antworten darauf fielen deutlich aus.
„Der FC Heidenheim will Haltung zeigen und das bedeutet, die Verantwortung zu übernehmen. Für heute und für morgen“, sagte Bernhard Ilg, Ehrenbürger der Stadt und Aufsichtsratsvorsitzender des 1. FC Heidenheim. Erinnerung dürfe nicht bei einer Plakette mit wohlfeilen Worten über Verantwortung und dem scheinbar unumgänglichen Wortpaar „Nie wieder“ stehen bleiben. Vielmehr seien alle aufgerufen, sich „aktiv an einer gerechten, demokratischen Gesellschaft zu beteiligen“.

Ilg erinnerte zugleich an die Geschichtswerkstatt und die Menschen, die über Jahre recherchiert, dokumentiert und bewahrt hätten, was am Schlossberg geschehen war. Die Vergangenheit gehe auch die Nachgeborenen etwas an, betonte er: „Aber eben weil damals andere Maßstäbe galten, hat es sehr wohl mit uns allen und mit dem Heute zu tun.“
OB Michael Salomo findet klare Worte zur Gefahr des Rechtsrucks
Noch deutlicher wurde Oberbürgermeister Michael Salomo. „In einer Zeit, in der die größte Oppositionspartei in Deutschland Erinnerungskultur unter Generalverdacht stellt, ist es umso wichtiger, an das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte zu erinnern.“ Salomo nannte die AfD nicht beim Namen, wurde aber von vielen als Adressat erkannt. Seine Aussage wurde von den Zuhörern mit großem Applaus aufgenommen.

Auch an anderer Stelle stellte der Oberbürgermeister einen direkten Bezug zur Gegenwart her. Die Demokratie gerate „durch eine Partei, die unsere demokratischen Grundsätze immer wieder infrage stellt“, in Gefahr. Gerade deshalb gelte es, aus der Vergangenheit zu lernen, den Folgen von Rassismus und Völkermord entgegenzutreten und „jedem Aufkeimen solchen Denkens entschieden zu widersprechen“.
Salomo griff zudem einen Gedanken des Holocaust-Überlebenden Jean Améry aus dem Jahr 1966 auf. Dessen Überlegungen zur Verantwortung der Nachgeborenen finden sich in paraphrasierter Form auf der Stele. Es geht um den Wunsch nach einer „Zeitumkehr“, um die Begegnung von Nachgeborenen der Opfer und der Täter und darum, politische Machtspiele um die Deutungshoheit über die Vergangenheit zu überwinden.
Fansprecher sieht den Profifußball in der Verantwortung
Dass der Impuls für das Sichtbarmachen der Geschichte schon vor fünf Jahren aus der Fanszene kam, hob Vincent Conte vom Fanprojekt Heidenheim hervor. Conte sieht auch den Profifußball in der Verantwortung. Ein Stadion sei ein Ort, an dem viele unterschiedliche Menschen zusammenkämen, und könne deshalb „auch ein Ort der Erinnerung, der demokratischen Wertevermittlung und der Auseinandersetzung mit unserer Geschichte sein“. Gemeinsam mit Fans, Fanprojekt, Geschichtswerkstatt und Stadt setze der 1. FC Heidenheim deshalb ein Zeichen: „Wir schauen nicht weg, wir verdrängen diese Geschichte nicht, sondern wir machen sie sichtbar und setzen uns mit ihr auseinander.“

FCH-Fanbeauftragter Fabian Strauß knüpfte daran an. Geschichte sei dann relevant, wenn verstanden werde, dass Demokratie und die Werte des Zusammenlebens nicht selbstverständlich seien. „Sie wurden über Jahrzehnte erarbeitet und müssen gerade heute immer wieder geschützt, gelebt und verteidigt werden.“
Gleichzeitig erzählt die Stele auch vom Wandel des Ortes. „Wo einst Ausgrenzung, Zwang und Leid Teil der Geschichte waren, kommen heute Menschen zusammen, um Fußball zu erleben, um Gemeinschaft und Freunde miteinander zu teilen.“
Künstler Rainer Jooß, der die Stele gestaltet hat, erinnerte daran, dass das Projekt fünf Jahre bis zu seiner Umsetzung gebraucht habe. Ihm sei dabei nicht nur wichtig gewesen, zurückzublicken. „Mir persönlich aber ist eigentlich viel, viel wichtiger zu hinterfragen, was in den letzten zehn Jahren nicht geschehen ist“, sagte er – und erhielt dafür Applaus.

Die Stele zeigt Vergangenheit und Gegenwart
Dann wurde es still. Melancholische Klarinettenmusik erklang. Jooß' Jugendfreund, der Musiker Jürgen Mayer aus Oggenhausen, kam aus dem Off langsam auf die Versammelten zu. Anschließend entfernten die Verantwortlichen die Hülle von der Stele. Erstmals war sie öffentlich zu sehen. Sie gleicht einer dreieckigen Plakatwand, obenauf ein Stab mit Wegweisern in drei Himmelsrichtungen zu den Orten von Nazi-Verbrechen: Minks, Natzweiler, Dachau.

Auf drei Seiten verbindet das Werk die Geschichte des Ortes mit dem Fußball und dem Gedanken Jean Amérys. Damit steht sie genau dort, wo sie Wirkung entfalten soll: am Haupteingang der Voith-Arena. Fans kommen an ihr vorbei, wenn sie ins Stadion, zum Fanshop oder ins Albstüble gehen.
Nach der Enthüllung blieben viele Gäste noch zusammen. Das Gesprächsangebot wurde reichlich angenommen. Künftig sollen Führungen über das Stadiongelände die Geschichte des Ortes vermitteln.

