Wie tief ist die Krise, in der der Heidenheimer Voith-Konzern steckt? Sind die Gerüchte und Klagen, die durch die Stadt gehen, nur das Ergebnis einer härteren und bei Voith bislang nicht üblichen Gangart der neuen Geschäftsführung um CEO Dirk Hoke? Oder stehen die Dinge wirklich so schlecht, wie man sich bei jeder Gelegenheit des gesellschaftlichen Austauschs in der Stadt zuraunt?
Gleich vorneweg: Auch dieser Text wird keine Klarheit in die Situation bringen, das Unternehmen hält sich bedeckt, aktuelle Zahlen sind noch nicht veröffentlicht worden – und das soll auch so schnell nicht geschehen. „Als nicht börsennotiertes Familienunternehmen veröffentlichen wir auch für das Geschäftsjahr 2024/25 keine detaillierten Finanzkennzahlen“, so die Pressestelle von Voith. Jedoch sei die Ergebnisentwicklung im abgelaufenen Geschäftsjahr solide und spiegle „sowohl das herausfordernde Umfeld als auch die ersten positiven Effekte unserer eingeleiteten Maßnahmen wider.“
Erheblicher Verlust im Vorjahr
Zwar steht es dem nicht börsennotierten Familienunternehmen frei, die Kennzahlen des zum 30. September abgeschlossenen Geschäftsjahrs zunächst nicht zu kommunizieren, aber es unterliegt trotzdem einer Veröffentlichungspflicht, die zumindest mit zeitlicher Verzögerung einen detaillierten Einblick in die Unternehmenszahlen gewährt. So liegt mittlerweile die Vorjahresbilanz 2023/24 offen, die für den Gesamtkonzern einen Verlust nach Steuern von 247 Millionen Euro ausweist. Jedoch wird dieses stark negative Ergebnis auf einmalige Sondereffekte zurückgeführt, das operative Ergebnis (Ebit) konnte bei Paper um 9 Prozent und bei Turbo um 27 Prozent gesteigert werden. Sorgenkind ist und bleibt der Konzernbereich Hydro (Wasserkraft), in dem unter anderem hohe Rückstellungen gebildet wurden, um erwartete Kostensteigerungen bei Projekten abdecken zu können.
Für den neuen Geschäftsführer Hoke, seit April am Ruder, ist die wichtigste Aufgabe, die Profitabilität des Unternehmens zu steigern. Aber wie soll dies gelingen? „Unsere Strategie zielt auf profitables Wachstum und eine weiter gestärkte Wettbewerbsfähigkeit ab“, erläutert dazu Voith-Pressesprecherin Katharina Agüera. „Dazu fokussieren wir uns auf unsere Kerngeschäfte, bauen das Service- und Lösungsgeschäft aus, investieren in Innovation, Digitalisierung und Nachhaltigkeit und vereinfachen gleichzeitig Strukturen und Prozesse.“

Was offenbar aber auch dazugehört, ist der Abbau von Arbeitsplätzen. Dazu wurden einigen Mitarbeitenden Aufhebungsverträge vorgelegt – und wie es von Betroffenen heißt, geschah dies ohne Vorwarnung. Beschrieben wird die Vorgehensweise so: Es kamen Einladungen zu Gesprächen mit dem vage formulierten Betreff: „Ihre Stelle und Ihre Aufgaben“. Die Tragweite des bevorstehenden Gesprächs war den Mitarbeitenden dadurch wohl nicht klar, umso größer sei der Schock gewesen, als die Voithianer mit der Beendigung ihres Arbeitsverhältnisses durch Aufhebungsverträge mit Abfindungsangeboten konfrontiert wurden.
Offener Brief an die Geschäftsführung
In einem offenen Brief an die Geschäftsführung haben sich die Betroffenen über die Vorgehensweise beschwert. Man sei enttäuscht, nicht nur über die Entscheidung selbst, sondern auch über deren Umsetzung und Kommunikation. „Weder die Betroffenen noch ihre direkten Teamleitungen wurden im Vorfeld transparent über mögliche strukturelle Veränderungen informiert“, so die Betroffenen. Vielmehr sei das Thema in Einzelgesprächen ohne Vorwarnung zur Sprache gebracht worden. „Einige Mitarbeitende mussten ihre berufliche Laufbahn bei Voith den Gesprächspartnern zunächst detailliert erläutern – ein Hinweis darauf, dass ihre Personalakten vorab offenbar nicht eingesehen wurden.“
An anderer Stelle wird berichtet, dass Vorgesetzte dazu aufgefordert worden seien, die Namen einer bestimmten Anzahl von Mitarbeitenden zu benennen, denen Aufhebungsverträge vorgelegt werden sollten.
„Keine willkürlichen Quoten“
Dazu will man sich vonseiten des Unternehmens eigentlich nicht äußern: „Ganz grundsätzlich sind solche Vereinbarungen individuelle, vertrauliche Lösungen zwischen dem Unternehmen und den jeweiligen Mitarbeitenden.“ Generell gelte jedoch: Entscheidungen würden auf Basis betrieblicher Erfordernisse, rechtlicher Rahmenbedingungen und klar definierter Prozesse erfolgen. „Willkürliche Quoten oder Benennlisten sind damit nicht vereinbar“, so Sprecherin Agüera.
Alexander Schlotz, Vorsitzender des Gesamt- und Konzernbetriebsrats, sagt, dass die Aufhebungsverträge für viele der Betroffenen eine persönliche Katastrophe gewesen seien. „Viele identifizieren sich stark mit Voith und sind in wichtige Projekte eingebunden, da bricht eine Welt zusammen“, berichtet er. Aus dem internen Projekt „Perform to grow“ seien, auch mithilfe einer externen Beratungsfirma, viele Anstöße für Veränderungen gekommen. Er fürchtet allerdings, dass angesichts der komplexen Produkte, die bei Voith hergestellt werden, mit den Mitarbeitenden auch wichtiges Know-how verloren gehen könnte.
Einige der Betroffenen haben sich an die Gewerkschaft IG Metall gewandt und dort die Rechtsberatung in Anspruch genommen. „Es wurde extremer wirtschaftlicher Druck auf die Mitarbeitenden ausgeübt“, berichtet Tobias Bucher, Erster Bevollmächtigter der IG Metall. Für ihn steht es außer Frage, dass die Geschäftsführung angesichts der wirtschaftlichen Situation von Voith handeln müsse. „Die Frage ist aber, wie man mit den Leuten umgeht“, so der Gewerkschaftschef.

Bei freiwilligen Vereinbarungen zur Beendigung des Arbeitsverhältnisses soll es aber nicht bleiben, glaubt man den hartnäckigen Gerüchten zu einem geplanten massiven Stellenabbau bei Voith in Heidenheim. Aber auch dazu ist offiziell noch nichts zu hören: „Zu Spekulationen äußern wir uns grundsätzlich nicht“, so die Voith-Pressestelle. Richtig sei: „Unternehmen wie wir, die global tätig sind, überprüfen ständig ihre Strukturen, Aufgaben und Organisation“, dies sei unumgänglich.
Standortsicherung gilt noch
Tobias Bucher kennt viele der Gerüchte und hält sie auch nicht für aus der Luft gegriffen: „Wir rechnen damit, dass etwas kommt“, so der Gewerkschafter übereinstimmend mit dem Betriebsratsvorsitzenden Schlotz. Bucher verweist aber auch auf den laufenden Standortsicherungspakt. Gemäß dieser langfristigen Vereinbarung kann Voith am Standort Heidenheim bis 2028 auf 3500 Stellen reduzieren – allerdings ohne betriebsbedingte Kündigungen. Bucher geht davon aus, dass sich die Geschäftsführung nach wie vor an diese Vereinbarung hält.
„Dort, wo Anpassungen notwendig sein sollten, gestalten wir sie verantwortungsvoll und sozialverträglich“, erläutert Unternehmenssprecherin Agüera. „Wir pflegen in solchen Situationen immer einen engen Austausch mit den Arbeitnehmervertretungen“, sagt sie – wozu das Unternehmen jedoch auch gesetzlich verpflichtet ist. „Dazu gehört es, in die Belegschaft reinzuhören und ihre Sorgen ernst zu nehmen: Daher informieren wir unsere Mitarbeiter transparent – und natürlich auch immer bevor wir gegebenenfalls extern kommunizieren – über anstehende Schritte und bieten Dialogformate an, um Fragen frühzeitig aufzugreifen.“
Im Gegensatz dazu steht die Kritik der Mitarbeitenden, die von einer „neuen, härteren Gangart in Heidenheim“ sprechen. Die Unterzeichnenden des offenen Briefs an die Geschäftsführung wünschen sich „einen transparenten, respektvollen Dialog auf Augenhöhe.“ Die Bedenken werden von der Geschäftsführung gesehen: „Uns ist bewusst, dass Veränderungen im Unternehmen sich für viele anspruchsvoller oder ,härter‘ anfühlen können“, sagt die Voith-Pressesprecherin. Jedoch würde ein starres Festhalten an alten Strukturen die Wettbewerbsfähigkeit auf lange Sicht verschlechtern.
„Um diesem notwendigen Wandel wie auch der Besinnung auf die traditionellen Stärken von Voith Rechnung zu tragen, haben wir gemeinsame Werte definiert“, so Agüera. „Für uns bedeutet das: Entscheidungen transparent zu machen, sie nachvollziehbar zu begründen, respektvoll miteinander umzugehen und Mitarbeitende bei Veränderungen bestmöglich zu unterstützen.“ Und sie verspricht: „Daran lassen wir uns messen.“
Wechsel in der Geschäftsführung
Keine klare Kommunikation gibt es zum Wechsel in der Geschäftsführung im Unternehmensbereich Voith Turbo: Cornelius Weitzmann, seit 2021 Mitglied der Voith-Konzerngeschäftsführung sowie Vorsitzender der Geschäftsleitung Voith Turbo, wird das Unternehmen verlassen. Über den Zeitpunkt und die Gründe gibt die Pressestelle keine Auskunft. „Der Wechsel in der Führung von Turbo erfolgt in geordnetem gegenseitigem Einvernehmen“, heißt es dazu. Über seine Nachfolge werde zu gegebener Zeit informiert, bis dahin sei die Kontinuität der Geschäftsführung sichergestellt. Auch in der Geschäftsleitung des Bereichs Voith Hydro fand bereits zum 1. April 2025 ein Wechsel statt: Jan Lüder übernahm die Funktion von Dr. Tobias Keitel, der das Unternehmen verließ. Einzige Konstante auf dieser Führungsebene bleibt damit Voith-Paper-Chef Andreas Endters, der nach dem Weggang des Konzerngeschäftsführers Dr. Toralf Haag im August 2024 den Konzern interimsweise bis zum 1. April 2025 leitete.