Dass Johannes Renner irgendwann an Europas größter Berufsmeisterschaft teilnehmen würde, war für ihn selbst nie geplant. Der 23-jährige Mechatroniker erzählt, seine Begeisterung für Mechanik habe schon früh begonnen – angestoßen durch seinen Bruder, der Landmaschinenmechatroniker ist. „Durch ihn bin ich da mehr reingekommen“, sagt der 23-Jährige. „Nur dass mich Autos eben mehr fasziniert haben als Landmaschinen.“
Für ihn war das genau der richtige Weg. Denn ihn begeistert die Abwechslung und der oft unvorhersehbare Alltag in der Werkstatt. Mal geht es um Unfallschäden, mal um Motoren oder Getriebe, oft um knifflige Fehlersuchen – und genau das macht ihm am meisten Spaß. Im Februar 2025 schloss er seine dreieinhalbjährige Ausbildung in seinem Ausbildungsbetrieb Auto Zimmermann in Dettingen ab, arbeitete anschließend noch ein Jahr im Betrieb und startete im Februar dieses Jahres in die Meisterschule in Ulm. Dazwischen lag seine Teilnahme an den EuroSkills – einem Wettbewerb, auf den er eigentlich nicht hingearbeitet hatte.
Vorentscheid statt Schulung
Wie Renner überhaupt zu den EuroSkills kam, war reiner Zufall. Während seiner Ausbildung sei er „einfach mal zu einer Schulung geschickt“ worden, ohne zu wissen, dass es sich dabei um einen Azubiwettbewerb handelte. In den Vorrunden konnte er sich durchsetzen, qualifizierte sich für das Finale in Hamburg – und gewann es. Kurz darauf erhielt er abends einen Anruf von Jörg Stotz, seinem späteren Bundestrainer. Renner beschreibt es so: „Ich wurde ins kalte Wasser geschmissen, aber es lief besser, als ich erwartet hatte.“ Es folgte ein weiterer Auswahlentscheid, bei dem er sich behaupten konnte. Im Mai 2025 stand schließlich fest: Er fährt für Deutschland zu den Euroskills nach Dänemark.

Deutschland, Schweden, Ungarn, Frankfurt, Dresden – Renner war im Jahr 2025 praktisch ständig unterwegs. Teilweise erfuhr er erst wenige Tage vorher, dass er für eine Woche in ein anderes Land fliegen würde. „Da wusste ich am Freitag, dass ich am Mittwoch weg und bis zur Woche darauf nicht daheim bin“, erzählt er. Für seinen Betrieb bedeuteten solche Einsätze oft kurzfristige Ausfälle, doch weder Chef noch Kolleginnen und Kollegen stellten das infrage. Renner betont: „Ich bin wirklich dankbar, dass es da nie Diskussionen oder Vorwürfe gab und ich einfach gehen durfte.“
Das prägendste Training hatte er nach seinen Erzählungen zu Mutmaßen in Dresden, das beeindruckendste hingegen in Ungarn: „Die haben dort eine ganz andere Denkweise. Und arbeiten lösungsorientiert, sehr kreativ. Sie reparieren statt auszutauschen.“ Neben all dem technischen Wissen lernte er auch seine späteren Konkurrenten kennen – und merkte schnell, was ihn erwarten würde.
Drei Tage Vollgas
Beim Wettbewerb selbst gab es keinen von außen ausgeübten Druck. Zwar existiere eine gewisse Erwartungshaltung, wenn man zu internationalen Trainings fährt, sagt Renner, aber der persönliche Ansporn sei für ihn deutlich größer. Denn bereits bei den sogenannten „Friendly Competitions“ traf er erstmals auf die anderen Teilnehmer und bemerkte sofort, wie stark und fit sie waren.
Der Ablauf der Euroskills war extrem intensiv: Jeden Morgen begannen die Wettbewerbe um acht Uhr, was bedeutete, dass Renner drei Tage lang um fünf Uhr aufstehen und bis 17 Uhr arbeiten musste, unterbrochen nur von einer halben Stunde Mittagspause. Untergebracht waren die Teilnehmer in Häusern weiter vom Messegelände entfernt, sodass man aufgrund der Busfahrt oft erst gegen 22 Uhr zurückkam.
Die Aufgaben waren in Module unterteilt, die stündlich rotierten – man arbeitete nie am gleichen Fahrzeug, sondern bekam ständig neue Herausforderungen. Jede Station war noch einmal in kleinere Aufgaben untergliedert: eine Stunde konzentriert arbeiten, dann zehn Minuten Pause, danach ein komplett neues Problem. Auch wenn man sehr schnell war, konnten meist nicht alle Aufgaben vollständig erledigt werden. Die Hallen auf dem Messegelände waren riesig, die Geräuschkulisse hoch – all das musste ausgeblendet werden, um sich konzentrieren zu können. „Ich glaube, ich konnte damit relativ gut umgehen“, sagt Renner.
Silber für den Giengener
Sein persönliches Ziel war es, unter die Top Ten zu kommen – also in die bessere Hälfte der 18 Teilnehmer seines Bereiches. Am letzten Tag lief es jedoch nicht wie erhofft, und er war mit seiner Leistung unzufrieden. Im Kopf hatte er sich bereits abgeschrieben. Doch dann kam der entscheidende Moment: Als der Drittplatzierte, ein ungarischer Teilnehmer, aufgerufen wurde, war Renner sicher, dass er leer ausgeht. „Ich wusste immer, wie der in der Vorbereitung war. Der war saustark und richtig fit.“ Und plötzlich wurde „Germany“ ausgerufen – der junge KFZler konnte es zunächst gar nicht fassen: Er war Vize-Europameister.
Auf die Frage, ob er noch einmal an einem solchen Wettkampf teilnehmen würde, erklärte er, die Euroskills seien seine letzte Chance gewesen. Für die Worldskills sei er mittlerweile zu alt, und zweimal antreten dürfe man bei den EuroSkills nicht. Im Januar hat er zudem den Nachwuchstalentpreis vom Zentralverband Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe verliehen bekommen.
EuroSkills in Herning, Dänemark
Die EuroSkills gelten als die offizielle Europameisterschaft der jungen Fachkräfte. 2025 wurden sie im dänischen Herning ausgetragen. Rund 600 Teilnehmende aus 33 Ländern traten dort gegeneinander an – jeweils die besten Auszubildenden und jungen Berufstalente Europas.
Insgesamt wurden 38 verschiedene Disziplinen aus sechs Sektoren ausgetragen: Bau- und Gebäudetechnik, kreative Künste und Mode, Informations- und Kommunikationstechnologie, Fertigungs- und Produktionstechnik, Dienstleistungsgewerbe sowie Transport und Logistik.
Ziel der EuroSkills ist es, exzellente berufliche Fähigkeiten sichtbar zu machen, internationale Standards zu vergleichen und die duale Ausbildung europaweit zu stärken. Für viele junge Fachkräfte gilt eine Medaille bei den EuroSkills als eine der höchsten Auszeichnungen ihrer beruflichen Laufbahn.

