Wenn am kommenden Donnerstag um Punkt 15 Uhr die ersten Hexen auf den Giengener Rathausplatz stürmen, kippt die Stadt für einen Moment in einen Ausnahmezustand: Musik schwillt an, Trommeln hallen zwischen den Häusern, Gelächter trägt über den Platz – und im Rathaus sucht Oberbürgermeister Dieter Henle sein traditionelles Versteck vor den Panscherhexen, wohl wissend, dass er gegen die närrische Übermacht keine Chance hat.
Rathaussturm mit Tradition
Das närrische Ritual folgt seit Jahren einem festen Ablauf: Die Panscherhex stürmen „um die Ecke“, begleitet von der Stadtkapelle Giengen und der Guggenmusik der Kocher-Fetza. Anschließend wird der Oberbürgermeister symbolisch aus dem Rathaus „herausgeholt“.
Herzstück des Spektakels ist die Hexenklage – gereimte Strophen, in denen die Hexen das vergangene Jahr kommentieren. Oberbürgermeister und Mitarbeitende antworten ebenso gereimt. Mit der anschließenden Schlüsselübergabe übernehmen die Hexen traditionell die „Regierungsgewalt“. Maskentänze der kleinen und großen Panscherhex sowie die Guggenmusik prägen den Nachmittag. Die Lombahexa aus Burgberg bringen in diesem Jahr zusätzliche Farbe ins Programm und treten mit Kinder- und Erwachsenengruppen auf.
Erneut kein Panscher-Fasching
Auch in diesem Jahr wird die Giengener Narrenzunft, besser bekannt als Panscherhex, erneut keinen Faschingsball veranstalten. Das sei jedoch kein Problem, betont Pressehexe Evelin Städler-Schieszl („Karla“): „Wir wollen den Fokus stärker auf Kinder und Familien legen.“ Stattdessen findet am Faschingsfreitag, 13. Februar, erneut der Kinderfasching in der Giengener Schranne statt (13.33 bis 17 Uhr). Spiele, Musik, Auftritte der Kinderhexen und verschiedene Mitmachaktionen stehen im Mittelpunkt.
Intern veranstaltet die Zunft außerdem einen Brauchtumsabend, zu dem mehrere Faschingsvereine eingeladen sind, um sich auszutauschen und Einblicke in die Tradition der Panscherhex zu erhalten.
Alles mit dabei
Der Verein ist vom Alter her kunterbunt gemischt: „Von Hexenbaby bis Hexen-Oma und -Opa ist alles dabei“, sagt Pressehexe Karla. 13 Kinderhexen sowie rund 40 bis 50 Erwachsene gehören aktuell zur Zunft. Nachwuchssorgen gibt es nicht. Die Atmosphäre sei familiär: „Bei uns kennt jeder jeden, jeder hilft jedem – das macht es heimelig.“
Die Zunft tritt bei zahlreichen Veranstaltungen im Landkreis und darüber hinaus auf – von Dischingen bis Ulm. Ein Besuch der Lebenshilfe Giengen am Faschingsdienstag ist fest verankert. Beim Giengener Rathaussturm wird die Narrenzunft zudem von den Oberberger Lombahexa aus Burgberg besucht.
Keine Nachwuchssorgen
Die letztgenannte Hexengruppe zählt 22 aktive Tanzhexen und insgesamt 40 bis 50 aktive Mitglieder, wie die Oberhexen Vanessa Baamann-Wirbel und Melanie Schiele erzählen. Die Kindergruppe besteht seit zwei Jahren, die jüngste Hexe ist sechs Jahre alt. Die Altersspanne der mittanzenden Hexen reicht von 13 bis 51 Jahre. Die Lombahexa pflegen zahlreiche Kontakte zu umliegenden Faschingsvereinen. Viele Mitglieder kommen aus Bolheim und Giengen. Trotz der dort ansässigen Panscherhex unterscheiden sich die Lombahexa deutlich – unter anderem, weil sie keine traditionellen Holzmasken tragen. Aus Burgberg stammen hingegen inzwischen nur wenige Mitglieder.
Regelmäßig trainiert wird dienstags, vor der Fasnacht aber zusätzlich auch sonntags. Aktuell sucht die Gruppe eine neue Trainerin oder einen Trainer. Selbst Tanzschulen wurden bereits angefragt. Die finanziellen Mittel seien jedoch begrenzt. Wer das Amt übernehmen will, müsse „mit vielen Frauen und viel Gegacker klarkommen“, scherzen die Oberhexen. Fünf Männer sind ebenfalls aktiv.
Voller Terminkalender
Die kurze Faschingszeit sorgt für ein dichtes Programm: Neben dem Giengener Rathaussturm stehen Hermaringen, Gundelfingen, Landshausen, Burgberg, Herbrechtingen, Mühlhausen, Dischingen, Neresheim und weitere Termine an. Viele Mitglieder nehmen Urlaub, um alles wahrnehmen zu können, so die Oberhexen. Nach dem Umzug in Mühlhausen veranstalten die Lomba am Valentinstag, 14. Februar, ihren Lombaball, an dem auch die Lombahexa teilnehmen.

Am 25. April folgt als letzte Veranstaltung die „Nacht der Hexen“. Nachdem sie im Vorjahr zeitgleich mit dem Maibaumstellen kollidierte, hofft der Verein nun aufgrund der Terminverschiebung auf mehr Besucher.
Traum erfüllt
Erstmals fahren die Lombahexa mit einem eigenen Wagen bei den Faschingsumzügen mit – einem selbst gebauten Hexenhaus auf einem Traktoranhänger. „Damit haben wir uns einen lang ersehnten Traum erfüllt“, erklären die Hexen. Der Wagen wurde bereits getauft und soll in den kommenden Jahren ausgebaut werden, unter anderem mit einer leistungsstärkeren Musikanlage.
Wieso eigentlich Pressehexe Karla?
Bei den Giengener Panscherhex werden neue Mitglieder nach etwa einem Jahr offiziell in die Zunft aufgenommen. Teil dieser Aufnahme ist die Verleihung eines persönlichen Hexennamens, der sich meist an Eigenschaften, Hobbys oder Besonderheiten der Person orientiert. Als sichtbares Zeichen der Zugehörigkeit erhält jedes neue Mitglied zudem eine Halskette mit dem eigenen Hexennamen, die anschließend unter den Halstüchern getragen wird.
Evelin Städler-Schieszl trägt als Pressehexe den Namen „Karla“ – eine Anspielung auf die Reporterin Karla Kolumna aus dem Universum von Bibi Blocksberg und Benjamin Blümchen, passend zu ihrer Leidenschaft fürs Schreiben.


