Giengen während der Zeit um den verheerenden Stadtbrand von 1634: Die letzte Generation der Familie Roggenburger besitzt die Herberge zur „Goldenen Gans“ und ist vermutlich in jenen Jahren die vermögendste Familie der kleinen Reichstadt. In den Wirren des Dreißigjährigen Krieges entfremden sich Mutter und Sohn so sehr, dass ein jahrzehntelanger Erbstreit entsteht, in den selbst der Augsburger Bischof und sogar der Kaiser mit einbezogen werden. Erst nachdem alle Erbkonkurrenten gestorben sind, gibt es schließlich nach vielen Jahren eine Aussöhnung des letzten Roggenburgers mit seiner Heimatstadt. Grabsteine in der Giengener Stadtkirche erinnern noch heute an die Familie Roggenburger.

Ulrich Stark stützt sich bei der Darstellung um den jahrzehntelangen Erbstreit auf mehr als 180 Akten aus dem Giengener Stadtarchiv. Im Zeitraum zwischen 1629 und 1679 bezeugen Briefwechsel, Stellungnahmen, Abrechnungen oder notarielle Schreiben das Geschehen rund um die vermögende Giengener Familie. Sogar Mandate von Kaiser Ferdinand II. und König Ferdinand III. dienen als Quellen, und selbst der abschließende Bericht des Predigers Simon Böckh zu Daniel Roggenburgers Begräbnis lässt noch tief hineinblicken in eine Zeit familiärer Konflikte, religiöser Spannungen und politischer Machtspiele.
Grober Umgang mit der Mutter
Daniel Roggenburger ist die Hauptperson in Ulrich Starks neuestem Buch, dessen Handlungsstrang die Züge eines historischen Romans trägt. Den Giengener Ratsprotokollen ist zu entnehmen, wie hart und roh die Menschen in jener Zeit miteinander umgingen, und die Giengener Obrigkeit scheute sich nicht vor schlimmen Urteilen. Zwischen den Jahren 1615 und 1618 gab’s drei Enthauptungen und eine Hexenverbrennung in der einstigen Reichsstadt an der Brenz.
Auch Daniel Roggenburger war wohl alles andere als ein verständnisvoller Zeitgenosse. Gemeinsam mit seiner verwitweten Mutter Katharina kümmert er sich um die Wirtschaft und Herberge zur „Goldenen Gans“, die sich gegenüber des Giengener Rathauses befand und in der im Mai 1630 auch der kaiserliche Feldherr Wallenstein übernachtete. Mit der Mutter geht Daniel Roggenburger allerdings sehr grob um. In einem Schreiben beklagt die Wirtin ihr „groß Laid“ über ihren „gottlosen Sohn“ und schreibt wörtlich: „Wan ich etwas zue ihme sage, so sagt er, ich soll ihn im Ars leckhen, er schiß mir aufs Maul, der Hagel soll mich creüzweiß ins Herz neinschlagen.“

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Als der ungeliebte Sohn auch noch die Tochter des Bäckers Georg Kapfer heiratet, bleibt Katharina Roggenburger der Trauung mit der „loßen Böckhen“ (Bäckerin) fern, weil diese aus ihrer Sicht weit unter ihrem Stand ist. Der familiäre Konflikt spitzt sich derart zu, dass die Mutter das Testament zugunsten ihres Enkels Hans Jacob Andreae abfasst, dem sie den größten Teil ihres Besitzes vermacht.
Der verlorene Sohn kehrt zurück
Sohn Daniel ist entrüstet, und was in den Folgejahren entsteht, ist ein hartnäckiger Streit ums Erbe, bei dem alle Register gezogen werden. Selbst am Kaiserhof klagt der Verschmähte gegen das Testament – erfolglos. Auch religiöse Beweggründe spielen mit hinein, denn Daniel Roggenburger konvertiert zum katholischen Glauben, in der Hoffnung, dadurch das Testament ungültig zu machen. Er lässt sich zum Kastenvogt für das inzwischen wieder katholisch gewordene Kloster Herbrechtingen machen und treibt in seiner Heimatstadt die Zehntabgaben ein. „Wie eine Grille im hiesigen Kastenhof“ sei er neben der Stadtkirche gesessen, heißt es in einer Aufzeichnung.
Drei Jahre vor dem verheerenden Brand von 1634 flüchtet Daniel Roggenburger aus der Stadt und verwirkt damit sein Giengener Bürgerrecht. Die Versöhnung mit der Vaterstadt wird erst möglich, als er auf eine Forderung von 2000 Gulden verzichtet. Der verlorene Sohn zieht 1645 wieder nach Giengen.
Drei Jahre später erliegt er einer Krankheit und wird bei seinen Eltern und Vorfahren bestattet, obwohl unter den Ratsherren mehrheitlich die Meinung vorgeherrscht hatte, er sei einer solchen Beisetzung nicht würdig. Ulrich Stark hat die zahlreichen Akten aus dem Stadtarchiv zeilengenau transkribiert. Zwischen dem originalen Wortlaut erzählt er zu Beginn und am Ende des Buches aus Sicht der Konkurrenten im Erbstreit und anhand einer ausführlichen Biografie Daniel Roggenburgers die Geschichte einer Giengener Familie, die zwischen Krieg, Religion, Recht und persönlicher Verbitterung zerrieben wird.
Infos zum Buch
Ulrich Starks Buch trägt den Titel „Der große Streit um Katharina Roggenburgers Erbe“, hat einen Umfang von 420 Seiten und ist im epubli-Shop sowie im Buchhandel zum Preis von 26,99 Euro erhältlich (ISBN 978-3-565191-02-4).

