Überwiegend Heuchlingen betroffen

Erschütterung bei Gardena: Das sind die Reaktionen auf den Stellenabbau

Bürgermeister, Gewerkschaft, Betriebsrat: Von mehreren Seiten zeigt man sich überrascht und geschockt über den Stellenabbau bei Gardena, der neuen Informationen zufolge mehrheitlich den Standort in Heuchlingen betreffen wird.

Während am Dienstagnachmittag die Nachricht über den geplanten Stellenabbau bei Gardena die Runde machte, lässt sich am Folgetag ein erstes Stimmungsbild einholen. Wenig überraschend fällt die Reaktion der Beteiligten überwiegend negativ aus. Zudem lässt sich durch übereinstimmende Berichte von den Mitarbeiterversammlungen nun sagen, dass das Werk in Heuchlingen überproportional vom Stellenabbau betroffen sein wird. In welchem Ausmaß die 250 Stellen genau wegfallen, sollen nun die Verhandlungen mit der Gewerkschaft und dem Betriebsrat klären.

HZ-Redakteur Erik Tham

Gardena: Wie der Zufall über das Schicksal der Belegschaft entscheidet

Die aktuelle wirtschaftliche Lage ist erschütternd, lässt sich jedoch nicht über einen Kamm scheren. Dieser Meinung ist HZ-Kreisredakteur Erik Tham, der betont, dass Stellenabbau nicht gleich Stellenabbau ist und eine überhastete Antwort auf die Schuldfrage keinem etwas bringt. Auch muss sich die Frage gestellt werden, wie die Entscheidung aussehe, wären die Bagger vor langer Zeit schon angerollt.
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Heuchlingen
Kommentar von Erik Tham

Studie entscheidet über Schicksal

Wie bereits gestern berichtet, hat Gardena die Pläne für den Werksausbau in Heuchlingen komplett eingestampft. Grund dafür ist die neue Kapazitätsplanung des Unternehmens. Am Mittwoch wurde durch eine offizielle Pressemitteilung deutlich, dass einige Tätigkeiten, die bislang in Heuchlingen ausgeführt werden, künftig an anderen Standorten in Europa fortgeführt werden sollen. So sichert sich das Unternehmen eine höhere Produktionsauslastung an seinen Standorten, während die Nachfrage weiter zurückgeht.

Übereinstimmenden Berichten zufolge sei bei den Mitarbeiterversammlungen vonseiten der Unternehmensführung kommuniziert worden, dass die Mehrheit der wegfallenden Stellen das Werk in Heuchlingen betreffen werde. In welcher Größenordnung genau, ist jedoch aktuell noch unklar. „Ich war vom Ausmaß dieser Entscheidung absolut überrascht“, sagt Tobias Bucher, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Heidenheim. Demnach habe sich eine Neuorientierung des Standorts in der jüngsten Vergangenheit bereits abgezeichnet. Dass nun so viele Arbeitsplätze gestrichen werden sollen, habe jedoch auch bei der Gewerkschaft für Verwunderung gesorgt.

Immer wieder in Verhandlungen mit den Arbeitgebern der Metallindustrie: Tobias Bucher, erster Bevollmächtigter der IG Metall Heidenheim. Rudi Penk

Bucher kann allerdings bestätigen, dass sich in den vergangenen Jahren ein Rückgang der Auslastung in Heuchlingen abgezeichnet habe. Gardena sei zwar weiterhin Marktführer, die Entwicklung der geopolitischen Lage und des Marktes an sich sei jedoch weiterhin rückläufig, wenn auch nicht dramatisch. „Der Geschäftsbereich Watering war bislang wirtschaftlich sehr erfolgreich“, so Bucher. „Deshalb ist es umso verwunderlicher, dass genau hier jetzt gespart wird.“

Auch in der Belegschaft war man perplex und erschrocken, als die Neuigkeiten verkündet wurden. Das bestätigt André Uhlig, Betriebsratsvorsitzender bei Gardena. Man habe zwar das Gefühl gehabt, dass die Auslastung nicht die angepeilten Ziele erreichen würde, die drastischen Maßnahmen seien für die gesamte Belegschaft dennoch ein Schock gewesen.

In den kommenden Verhandlungen möchte die Belegschaft geschlossen gemeinsam mit Betriebsrat und Gewerkschaft auftreten. „Das ist unsere einzige Chance, für alle Kolleginnen und Kollegen das Bestmögliche herauszuholen“, so Uhlig. Auch die Studie einer Unternehmensberatung, die laut Insiderinformationen letztlich zu der jetzigen Entscheidung des Konzerns geführt habe, solle zunächst geprüft werden.

André Uhlig, Betriebsratsvorsitzender bei Gardena, zeigt sich höchst engagiert für die kommenden Verhandlungen. Ziel soll sein, die Interessen der Kolleginnen und Kollegen bestmöglich durchzusetzen. Rudi Penk

Demnach sei das Ergebnis dieser Studie einerseits absehbar gewesen, da die regenreichen Jahre dem Bereich „Watering“, zu dem auch Heuchlingen zählt, in Deutschland große Probleme bereitet hätten. Durch ein Rekordjahr bei den Niederschlagswerten im vergangenen Jahr habe sich das Kaufverhalten der Kunden deutlich verändert. Andererseits habe man im Betrieb gehofft, dass die Studie dennoch positiver ausfallen würde – insbesondere vor dem Hintergrund der großen Pläne für das Werk in Heuchlingen. „Dieses Hoch aus den vergangenen Jahren werden wir so schnell nicht mehr erreichen können“, so Uhlig. Er verweist auf mehrere Rekordjahre in Folge und stellt die Frage, ob diese drastischen Maßnahmen nach all den erfolgreichen Jahren wirklich notwendig seien.

Unverständnis im Rathaus

Auch im Gerstetter Rathaus gibt es erste Reaktionen auf den Stellenabbau. Bürgermeister Matthias Heisler spricht von einer „äußerst tragischen Nachricht“. Vor dem Hintergrund dessen, was von vielen Beteiligten in der Vergangenheit geleistet und ermöglicht worden sei, um die Entwicklung des Unternehmens zu unterstützen, sei dies ein herber Rückschlag. Heisler zeigt sich von dem Vorgehen des wirtschaftlich starken Unternehmens überrascht und vermutet dahinter vor allem wirtschaftliche Interessen.

„Mich hat die Nachricht ebenfalls kalt erwischt“, gesteht Heisler. „Ich suche das Gespräch mit dem Unternehmen und werde die Brisanz dieser Entscheidung für Gerstetten und die Region deutlich machen. Wo es möglich ist, biete ich Unterstützung an, um die Auswirkungen möglichst gering zu halten.“ Heisler ergänzt, man müsse nun auch politisch darüber diskutieren, wie die Rahmenbedingungen für Gewerbe und Industrie wieder wettbewerbsfähiger gestaltet werden können.

Matthias Heisler zeigt sich ebenfalls enttäuscht von den aktuellen Entwicklungen. Rudi Penk

Und welche Sorgen ergeben sich nun für Gerstetten? Laut Heisler steht zunächst die Existenzsicherung der Menschen und ihrer Familien im Vordergrund, die ihren Arbeitsplatz verlieren könnten. Gleichzeitig müsse die Gemeinde auch wirtschaftliche Folgen im Blick behalten – insbesondere mit Blick auf die Gewerbesteuer. „Das Unternehmen Gardena ist mit seinen Produkten positiv besetzt und verfügt über ein entsprechendes Image. Das strahlt auch auf den Wirtschaftsstandort Gerstetten aus. Durch derartige Entscheidungen kann dieser positive Eindruck jedoch verblassen.“

Wie sieht es in Niederstotzingen aus?

Weniger drastisch wird der Stellenabbau zwar im Gardena-Werk in Niederstotzingen ausfallen, dennoch zeigt man sich auch dort geschockt über die aktuellen Entwicklungen. „Besonders besorgniserregend ist, dass dadurch deutlich wird, wie groß der Druck auf industrielle Arbeitsplätze und die Beschäftigten inzwischen geworden ist“, sagt Bürgermeister Marcus Bremer. Seine Sorge gilt in erster Linie den betroffenen Beschäftigten und deren Familien. Auch in Niederstotzingen sei man überrascht gewesen, von diesen Neuigkeiten einer bislang stabilen Unternehmensgruppe zu erfahren.

Zudem betont Bremer, dass die aktuelle Entwicklung in vielen Rathäusern Fragen aufwerfe. In Heuchlingen habe die Gemeinde Gerstetten mit erheblichem Engagement und finanziellem Aufwand die Rahmenbedingungen für eine Standorterweiterung geschaffen, die nun offenbar nicht umgesetzt werde. Aus Sicht der Kommunen werfe dies Fragen hinsichtlich der Planbarkeit und Verlässlichkeit solcher Vorhaben auf.

Marcus Bremer, Bürgermeister der Stadt Niederstotzingen, möchte die Interessen der Stadt im Dialog mit dem Konzern vertreten. Rudi Penk

Für Niederstotzingen hofft Bremer, dass der Standort nur in begrenztem Umfang von den Maßnahmen betroffen sein wird. Auch künftig wolle die Stadt im Dialog mit dem Unternehmen bleiben und ihre Interessen vertreten. Niederstotzingen müsse langfristig eine tragfähige wirtschaftliche Perspektive behalten. Die Anstrengungen der vergangenen Jahre, in denen klug investiert und die Stadt weiterentwickelt worden sei, dürften nun nicht entwertet werden.

„Gleichzeitig sehen wir uns in der Verantwortung, insbesondere die Sorgen der Beschäftigten ernst zu nehmen. Für eine Kommune unserer Größe sind die vorhandenen Arbeitsplätze von großer Bedeutung“, sagt Bremer. „Wir erwarten daher, dass Gardena und die Husqvarna Group die angekündigten Gespräche mit den Arbeitnehmervertretungen ernsthaft führen und sozialverträgliche Lösungen anstreben.“

Hat sich die Straßensanierung gelohnt?

Die 2,5 Millionen Euro teure Sanierung der L1164 entlang des Heuchlinger Werks stand in den vergangenen Jahren immer wieder im Rampenlicht – insbesondere im Zusammenhang mit den Verzögerungen durch die archäologischen Ausgrabungen. Für Bürgermeister Heisler steht jedoch fest, dass die Straßensanierung auch ohne einen Ausbau bei Gardena ihren Zweck erfüllt hat. Die Landesstraße sei in einem schlechten Zustand gewesen und bereits im Ausbauprogramm des Landes vorgesehen gewesen.

Die Abbiegespuren wurden ohnehin gemeinsam mit dem Unternehmen realisiert. Eine mögliche Nichtnutzung dieser Spuren sollte sich jedoch für niemanden als Problem erweisen. Für Heisler war die Erschließung wichtig, „schließlich gibt es den Produktionsstandort bis heute und hoffentlich noch sehr lange“.

Der zweite Bauabschnitt des entsprechenden Straßensanierungsprogramms, der bis nach Gerstetten führen soll, soll als Nächstes umgesetzt werden. Laut Heisler befinde sich die Gemeinde dazu bereits im Austausch mit dem Regierungspräsidium.