Sprache kann jede Romantik zerstören. Oder wer denkt beim „Schmusen“ schon an „leere Reden führen“ oder „Unsinn schwatzen“? Diese Bedeutung hat „Schmusen“ zumindest im Jiddischen, aus dem es in die deutsche Sprache wanderte – wo es allerdings nun völlig anderes verwendet wird. „Ein interessantes Beispiel dafür, dass ein Ausdruck, der in seiner Ursprungssprache negativ ist, in einer anderen Sprache einen liebenswürdigen Sinn annehmen kann“, schreibt Matthias Heine in seinem Buch „Eingewanderte Wörter. Von Anorak bis Zombie“.

Das ist gar nicht so untypisch, wie der Kulturredakteur der „Welt“ erläutert. Im Zuge eines jahrhundertelangen „Sprachen-Hoppings“ seien Begriffe Stück für Stück Richtung Deutschland und in die hiesige Sprache gekommen. „Dabei hatte sich sehr häufig schon ihre Bedeutung gewandelt und ihre Form und Aussprache unseren Gewohnheiten angenähert.“

Heimelige Muttersprache

In der deutschen Sprache gebe es daher heute viele Migrationshintergründe, nicht alle seien noch sichtbar. „Seit Jahrtausenden vereinnahmen unsere Muttersprache und ihre Vorläufer Wörter ganz unterschiedlicher Herkunft“, so Heine. „Unsere heimelige Muttersprache ist viel globalisierter, als wir denken.“

Dass Tohuwabohu, Slogan, Kotau und Bumerang in die deutsche Sprache einwanderten, wird den meisten noch auf den ersten Blick einleuchten. Aber wer hätte gedacht oder gar gewusst, dass der Sack aus dem Assyrischen kommt oder Mais von den Taino übernommen wurde, den ersten indigenen Amerikanern, die mit Weißen Kontakt hatten.

Heine widmet fast 100 Wörtern jeweils kurze Abhandlungen über ihre Herkunft und Geschichte. Die Kapitel sind wie in einem Lexikon gegliedert, mit den wichtigsten Fakten wie Ursprung und Bedeutung direkt unter dem Titel. In den meist nur wenige Absätze langen Texten erfährt der Leser dann unter anderem, dass der Dolmetscher aus dem Türkischen kommt, der Kanake aus dem Hawaiianischen.

Seine Artikel spickt der Autor mit allerlei Details. Dieser Faktenreichtum macht das Buch zu einer kurzweiligen Lektüre. Auch Nicht-Sprachenwissenschaftler dürften daran Freude haben. Der Aufbau mit den knappen Kapiteln macht auch ein Blättern möglich. Marco Krefting