Dessau / dpa Dessau beherbergt zahlreiche Original-Bauten und die weltweit zweitgrößte Sammlung der Designschmiede. Diese ist künftig im neuen Museum zu sehen.

Das Bauhaus kommt 100 Jahre nach seiner Gründung neu im Zentrum von Dessau an. Die dunkle, langgezogene quaderförmige Glashülle des neu gebauten Bauhaus Museums spiegelt die Umgebung – ein Einkaufszentrum auf der einen, den Stadtpark auf der anderen Seite. Wer das neue Museum betritt, fühlt sich mittendrin in Dessau. Und ein bisschen wie auf einem öffentlichen Platz. Genau so ist es gedacht: Eintritt kostet nur die Ausstellung, die in einem scheinbar schwebenden schwarzen Riegel im oberen Teil des Gebäudes Platz findet. Mit der Ausstellung „Versuchsstätte Bauhaus. Die Sammlung“ öffnet das Museum am Sonntag. Bundeskanzlerin Angela Merkel wird zum Festakt erwartet.

Großzügigkeit strahlt das Museum für die Direktorin der Stiftung Bauhaus Dessau, Claudia Perren, aus. Dabei sei es ein kleines Haus mit einem kleinen Budget, sagt die Architektin. Die Fassade schwanke zwischen Transparenz und Spiegeln, wie es bei Glas sei. Von innen wirkt das Gebäude rau, edle Materialien sucht man vergebens.

Glaspaneele als Kontrapunkt

Einen Kontrapunkt bilden große verschiebbare bunte Glaspaneele, die an die Bauhaus-Farbenlehre erinnern und mit denen sich der Lichteinfall inszenieren lässt. Lucy Raven gewann mit ihrem „Lichtspielhaus“ einen Kunst-am-Bau-Wettbewerb. Auch Rita McBrides „Arena“, eine große gelbe stufenförmige Konstruktion ist ein Hingucker inmitten von Glas und Beton. Hier soll die offene Bühne Platz bieten für Debatten, Vorträge, Begegnungen. Die Dessauer sollen das Museum auch als ihren Ort verstehen.

Die eigentliche Ausstellung findet auf 1500 Quadratmetern  Platz. Erstmals gibt es damit einen Ort, an dem die Sammlung der Stiftung Bauhaus Dessau umfassend gezeigt werden kann, sagt Kuratorin Regina Bittner. Rund 49 000 Exponate wurden in Dessau zusammengetragen, es soll – nach der in Berlin – die zweitgrößte Sammlung zum Thema weltweit sein.

„Wir wollen den Besuchern die Geschichte anders nahebringen, nicht chronologisch“, sagt Bittner. Gezeigt werden soll das Bauhaus als eine Lehr- und Lerngemeinschaft. Letztlich eine Versuchsstätte, Bittner spricht von einer Art utopischer Gemeinschaft inmitten einer wilhelminischen Residenzstadt. Das Bauhaus war 1919 in Weimar gegründet worden, zog 1925 nach Dessau und erlebte dort seine Blütezeit.

Drei ganz unterschiedlich gestaltete Ausstellungsräume erwarten die Besucher: ein rund 50 Meter langer Raum und zwei kleinere. Im ersten geht es in einem weißen Kubus um die Fragen, die sich das Bauhaus gestellt hat. Kommunikation und Schrifttypen spielen ebenso eine Rolle wie Biologie, Architektur, Textil- und Bühnenkunst.

Eine Sound-Installation gibt den Zeitgeist und die Zeitungsdebatten der Dessauer Bauhaus-Zeit wieder. In Zeiten des Mangels und der Wohnungsnot finanzierte die Stadt die Schule. Zunehmende Kritik folgte. „Die Debatten sind ziemlich harsch“, fasst Kuratorin Bittner zusammen. 1933 wurde die Architektur-, Kunst- und Designschmiede auf Druck der Nazis geschlossen.

In Dessau waren bis dahin schon viele bleibende Zeugnisse entstanden – Gropius‘ Bauhausgebäude, die Meisterhäuser, die Bauhaussiedlung in Dessau-Törten. Im Museum können die Besucher nun im zentralen Ausstellungsraum erleben, wie Schüler und Lehrer zusammenarbeiteten, sich beeinflussten und welche Ideen entstanden.

Und schließlich beleuchtet das Museum die Dessauer Bauhaus-Sammlung selbst. In galerieartiger Atmosphäre wird das erste Konvolut mit 148 Objekten samt Rechnung über 145 000 DDR-Mark gezeigt, das 1976 den Grundstein für die Sammlung legte. Schon damals wurde die Bandbreite des Bauhauses deutlich, sagt Sammlungsleiter und Mit-Kurator Wolfgang Thöner. Von Keramik bis zu Möbelstücken, von Fotos bis zu grafischen Arbeiten.

Im Bauhaus-Jubiläumsjahr gibt es ein großes Interesse am neuen Museum. „Wir sind komplett ausgebucht in diesem Jahr“, sagt Claudia Perren. Da scheint es kein Problem, dass rund 170 Kilometer entfernt schon Anfang April das Bauhaus-Museum in Weimar öffnete. Dort reißt der Besucherandrang nicht ab. Laut der Klassik Stiftung Weimar wurden schon mehr als 160 000 Besucher gezählt. Das Bauhaus-Archiv in Berlin ist seit 2018 geschlossen und wird für 64 Millionen Euro bis 2022 saniert sowie um ein zweites Gebäude ergänzt.

Perren sagt, in Dessau sei man froh, dass das Museum noch im Jubiläumsjahr öffnen könne. Die 25 Millionen Euro von Bund und Land waren Ende 2014 zugesagt. Ein internationaler Architektenwettbewerb wurde ausgerichtet, unter 830 Einreichungen setzte sich das junge spanische Architekturbüro Gonzáles Hinz Zabala durch. Die Bauzeit betrug rund zwei Jahre. Dörthe Hein

Mit Leihgaben aus Ulm

Das Bauhaus Museum Dessau am Mies-van-der-Rohe-Platz 1 in  Dessau-Roßlau ist von 9. September bis 31. Oktober täglich 9-18 Uhr, ab 1. November täglich 10 bis 17 Uhr geöffnet.

Leihgaben in der Dessauer Ausstellung kommen auch aus Ulm: In der Sektion „Zwischenspiele“ sind 20 Leihgaben zur Grundlehre aus dem Archiv der ehemaligen Hochschule für Gestaltung zu besichtigen, das im ehemaligen Schulgebäude von Max Bill beheimatet ist. Die HfG, die bis 1968 auf dem Oberen Kuhberg in Ulm bestand, gilt als Nachfolgeinstitution des Bauhauses. Laut HfG-Archivleiter Martin Mäntele handelt es sich bei den Objekten um grafische Arbeiten und wenige dreidimensionale Objekte: „Die Auswahl ist als repräsentativer Querschnitt angelegt, um sowohl die Nachfolge des Bauhauses, wie auch die Abkehr davon an der HfG Ulm zu illustrieren.“ lgh