Stuttgart / Helmut Pusch „Der freie Hund“, der neue Roman der Stuttgarter Autoren Wolfgang Schorlau und Claudio Caiolo, erzählt vom schmutzigen Geschäften in Venedig. Von Helmut Pusch

Dass seine Krimis Wellen schlagen, daran ist der Stuttgarter Autor Wolfgang Schorlau gewöhnt. „Das München-Komplott“, sein Roman über das Attentat auf dem Münchner Oktoberfest, sorgte dafür, dass im Bayerischen Landtag ein Untersuchungsausschuss eingerichtet wurde. Als „Die letzte Flucht“, seine Abrechnung mit den Machenschaften der Pharmaindustrie erschien, berief deren Spitzenverband eine außergewöhnliche Sitzung ein.

Jetzt hat Schorlau nach neun Romanen um den ehemaligen BKA-Ermittler Georg Dengler, der sich in Stuttgart als Privatermittler niedergelassen hat, einen neuen Detektiv ins Rennen geschickt: Antonio Morello heißt er. Richtig: „Der freie Hund“ , so lautet der Titel des Krimis, spielt nicht in Stuttgart, sondern in Venedig, und Schorlau hat auch einen Co-Autor: Claudio Caiolo. Der ist gebürtiger Sizilianer, wohnt aber seit 1996 in Stuttgart und arbeitet dort als Schauspieler und Autor.

Wellen schlug „Der freie Hund“ allerdings schon vor seinem Erscheinungstermin. Die in Venedig lebende deutsche Autorin Petra Reski hatte nämlich per Gerichtsbeschluss Schorlau und Caiolo verbieten lassen, sie in den Danksagungen am Ende des Romans zu erwähnen. Ihr Vorwurf: Die beiden hätten ihre journalistische Arbeit plagiiert und verfälscht.

Schorlau versteht das Ganze nicht: Bevor er und Caiolo mit dem Schreiben des Romans anfingen, hätten sie Reski in Venedig zum Abendessen eingeladen, um sich auszutauschen. Dabei habe er sich Notizen gemacht und am Ende gefragt, ob er sich bei weiteren Fragen erneut an sie wenden dürfe, hat Schorlau mehrere Male in Interviews erklärt. Reski habe dies mit einem „ja, klar“ erwidert. „Es war nach meiner Wahrnehmung ein sehr freundschaftliches, kollegiales Gespräch und dafür, dass sie sich drei Stunden Zeit für uns genommen hat, dachte ich, es ist anständig, sich im Nachwort zu bedanken“, erläutert Schorlau. Und: Sie hatten der Autorin vor Monaten das Manuskript zugeschickt. Gelesen hat sie es aber nach eigenen Angaben erst, als das Buch schon in Druck war.

Um Stellung gegen Kreuzfahrtschiffe in Venedig zu beziehen, müsse man nicht auf Reskis Recherchen zurückgreifen, sagt Schorlau. Vielmehr hätten er und Caiolo das Gespräch mit Reski gesucht, „weil wir sie sehr anerkennen und ihre Arbeit respektieren“. Reskis Engagement für ein lebenswertes Venedig finde er bewundernswert. Aber: „Wir schreiben nichts, was man nicht selber sehr schnell recherchieren kann.“

Der freie Hund aus dem Titel ist der sizilianische Kommissar Antonio Morello. Die Mafia hat auf ihn Killer angesetzt, weil er ihre Geschäfte empfindlich gestört hat. Der Mafia-Ermittler aus Cefalu wurde zu seinem eigenen Schutz nach Venedig versetzt, nachdem seine Frau bei einem Sprengstoffanschlag ums Leben gekommen war. Der Hintergrund: Außerhalb Siziliens tötet die Mafia keine Polizisten.

In Venedig gerät er am ersten Tag in eine Kundgebung von Studenten, die gegen die Kreuzfahrtschiffe demonstrieren, die täglich in der Lagune kreuzen. Kurze Zeit später ist der Wortführer der Studenten, Francesco Gritteri, der aus einer der einflussreichsten venezianischen Familien stammt, tot – erstochen. Schnell wird ein flüchtiger Freund des Opfers als Hauptverdächtiger präsentiert, doch Morello ermittelt in eine ganz andere Richtung. Die Stiefmutter des Toten ist Hauptanteilseignerin einer Firma, die an den Kreuzfahrtschiffen Millionen verdient. Für die Riesenschiffe soll zudem ein neuer Hafen gebaut werden. Morello weiß: Wo Beton fließt, ist auch die Mafia. Zudem hat die Familie Gritteri in einem Hotel Urlaub gemacht, in dem sich Mafiabosse mit Politikern getroffen haben. Während dieses Urlaubs hat sich Francesco mit seiner Familie überworfen. Und die Familie pflegt Umgang mit einem Anwalt, der auch in Palermo seine Geschäfte abwickelt.

Schorlau und Caiolo haben da einen spannenden Plot geschaffen, den sie in einer Stadt spielen lassen, die sie durch die Augen eines Süditalieners entdecken, der in Venedig nicht willkommen ist, was ihn manche Einwohner, aber auch der ein oder andere Kollege spüren lässt. Dennoch hat Morello Verständnis für die Venezianer, vor allem für deren Abneigung gegen den Massentourismus, den das Autorenduo wie eine Invasion beschreibt.

Die Mafia spielt auch mit

Zudem gibt es jede Menge Rückblicke auf ein Sizilien, indem die Mafia allgegenwärtig ist, etwa bei Wahlen dafür sorgt, dass die „richtigen“ Politiker gewählt werden. Und das gilt nicht nur für niedrige Chargen: Geschickt lassen Schorlau und Caiolo die Mafia-Kontakte von konservativen Spitzenpolitikern wie Giulio Andreotti und Silvio Berlusconi einfließen. Und natürlich hat Morello Probleme mit seinen Vorgesetzten. Während sein direkter Chef ihn unterstützt und deckt, ist der Polizeichef von Venedig gar nicht davon begeistert, dass sich sich dieser „freie Hund“ nicht an die Kette legen lässt. Das erinnert dann doch an die Dengler-Schorlaus, die man kennt.

Meister der politischen Kriminalromane

Wolfgang Schorlau, geboren 1951, hat mit seinen bislang neun Kriminalromanen um den Stuttgarter Ermittler Georg Dengler immer wieder für Aufsehen gesorgt. In den Büchern vermischen sich politische Realität und spannende Fiktion.

Themen der Krimis waren bislang unter anderem das Oktoberfest-Attentat, Machenschaften der Pharma-Industrie, Massentierhaltung und die Finanzkrise.

Im November soll mit „Kreuzberg Blues“ der zehnte Dengler-Roman erscheinen, im Mittelpunkt steht diesmal die Immobilienbranche.