Marbach / Bettina Wieselmann Es liegt nicht nur am Coronavirus, dass in Marbach nicht alles im Lot ist.

Kai Uwe Peter wird sich gedulden müssen. Die für Mitte Mai nach Marbach einberufene Mitgliederversammlung der Deutschen Schillergesellschaft (DSG) ist fürs Erste auf den 20. Juni verlegt worden. Doch selbst wenn nur mit einem Bruchteil der über 2500 Mitglieder gerechnet wird, ist der neue Termin für die Wahl des DSG-Präsidenten angesichts der Corona-bedingten Restriktionen zumindest sehr ambitioniert. Dass der Geschäftsführer des Sparkassenverbands Berlin allerbeste Chancen hat, künftig dem Trägerverein des hochrenommierten Deutschen Literaturarchivs (DLA) vorzustehen, gilt dagegen als gesichert. Im 20-köpfigen Kuratorium, das einen Personalvorschlag zu machen hat, gab es große Zustimmung für die Kandidatur Peters. Der gut vernetzte, aus Baden-Württemberg stammende, promovierte Geisteswissenschaftler ist dem DLA seit Jahren nicht nur als engagiertes Vorstandsmitglied des Freundeskreises eng verbunden.

Zugewandtheit und operativen Einsatz hatte man sich auf der Schillerhöhe auch von Noch-Präsident Peter-André Alt gewünscht. Doch der derzeitige Vorsitzende der Hochschulrektorenkonferenz, der nach acht DSG-Amtsjahren nicht mehr antritt, hat solche Erwartungen mehr und mehr enttäuscht. In Marbach sah man ihn seltenst bei der Eröffnung wichtiger Ausstellungen im Literaturmuseum der Moderne, auch nicht bei der Verabschiedung des langjährigen Direktors Ulrich Raulff Ende 2018. Über schlecht vorbereitete Kuratoriumssitzungen wurde ebenso immer wieder geklagt wie über absichtsvoll verkürzte Sitzungsprotokolle.

Umso größer die Hoffnungen, die sich mit Peter, der „ein klares Jobverständnis“ habe, verbinden. Zu tun haben wird er. Denn Marbach mit seinen rund 260 Mitarbeitern hat derzeit nicht nur ein Präsidenten-Problem. Das Arbeitsklima habe sich unter der mit großem Vorschusslorbeer Anfang 2019 ins Amt gekommenen Direktorin Sandra Richter deutlich verschlechtert, wurde zuletzt auf einer Personalversammlung im frühen Frühjahr geklagt.

Befremdlich fand man, dass aus der Leitungsebene niemand daran teilgenommen habe. Marbach-Vertraute hatten schon mit Erstaunen reagiert, als bekannt wurde, dass die in Frankfurt mit Familie lebende Direktorin, anders als ihre Vorgänger, keine Residenzpflicht in ihrem mit dem Land geschlossenen Vertrag auferlegt bekam. Inzwischen fragt man sich, „wie man ein Haus leiten kann, wenn man kaum da ist“. Marbach verlange intensive Präsenz.

Das Vakuum im Innern füllt umso mehr Richters inzwischen alleiniger, seit vielen Jahren nicht unumstrittener Vize Roland Kamzelak aus. Von seiner Kollegin, der langjährigen Verwaltungsleiterin Dagmar Janson, soll sich das Haus erst kürzlich auf rüde Art getrennt haben. Dass die mit Richters Amtsantritt vorzeitig zurückgekehrte Leiterin der Museumsabteilung, Heike Gfrereis, nach innen und außen markanter denn je auftritt, stößt auf vielsagende Reserviertheit. Sie war noch zu Raulffs Zeiten vom Vorstand einstimmig wegen Fehlverhaltens für zweieinhalb Jahre beurlaubt worden und sollte bei etwaiger Rückkehr keine Führungsverantwortung mehr bekommen.

Auf der Habenseite wird Sandra Richter gutgeschrieben, dass sie in ihrem ersten Jahr mit persönlichem Einsatz bei den beiden Zuwendungsgebern Bund und Land für 2020 außerplanmäßige Mittel eingeworben hat: 2,5 Millionen Euro kommen aus Berlin, 1,5 Millionen Euro aus Stuttgart für notwendige Bau- und Strukturmaßnahmen. Dass das Land sich (noch) nicht hälftig an den Planungsraten beteiligt, wird im hiesigen Wissenschaftsministerium damit begründet, dass es noch an „einer deutlichen Konkretisierung“ fehle. Bettina Wieselmann