dpa/epd San Francisco ist seit 400 Jahren ein Sehnsuchtsort für Einwanderer. Die Bundeskunsthalle in Bonn porträtiert die kalifornische Stadt.

Vor wenigen Wochen erklärte die Stadtregierung von San Francisco die amerikanische Waffenlobby-Organisation NRA zur inländischen Terrororganisation. Mit dieser provokanten Entscheidung erzielte die Westküstenmetropole einmal mehr weltweit Aufmerksamkeit. 50 Jahre nach dem Woodstock-Festival steht die Hauptstadt der Hippie-Bewegung-bis zum 12. Januar im Mittelpunkt einer großen Ausstellung in der Bundeskunsthalle in Bonn: „California Dreams – San Francisco: ein Porträt“.

Es gibt wohl kaum eine andere Stadt, die in ihrer Geschichte so durchgängig Sehnsuchtsort zur Verwirklichung eigener Träume gewesen ist – vom Goldrausch um 1850 bis zum heutigen Silicon Valley in der San Francisco Bay Area. Wer es bis hierher geschafft hat, will nicht mehr weg, denn er ist im gelobten Land angekommen.

Zentrum auf Schiffen gebaut

Nichts verdeutlicht das besser als der Umstand, dass das Stadtzentrum auf Schiffen gebaut ist: Während des Goldrauschs wollten zahllose Glückssucher nach San Francisco und von dort aus weiter ins Landesinnere – aber kaum jemand wollte wieder zurück. Das führte dazu, dass sich im Hafen eine Armada von verlassenen Segelschiffen ansammelte. Mit der Zeit wurden die Windjammern zu Hotels, Bars oder Geschäften umfunktioniert. Drumherum wurde Land aufgeschüttet, aus den Anlegestegen wurden Straßen. Heute werden die Wracks von Archäologen ausgegraben. Von Anfang an galt San Francisco als toleranter und liberaler Fluchtpunkt – großzügiger noch als das auch vom puritanischen-protestantischen Geist geprägte New York. Deshalb siedelten sich hier bevorzugt deutsche Juden an.

Einer von ihnen war der Franke Levi Strauss (1829-1902), der die Blue Jeans erfand, aber selbst nie trug, denn sie war Kleidung für Arbeiter. Die Bundeskunsthalle zeigt eine vielfach durchlöcherte und geflickte Jeans, die der Minenarbeiter Homer Campbell aus Arizona 1920 reklamierte: Nach drei Jahren sei das Teil nicht mehr zu gebrauchen, klagte er. Er erhielt kostenlos eine neue.

Um 1900 war ein Viertel der Einwohner deutschsprachig. „San Francisco war neben New York immer der zweite große Einwandererhafen, aber es ist überraschend pazifisch geprägt“, sagt Kuratorin Henriette Pleiger. Vor allem die Chinesen wurden dabei lange als Bedrohung empfunden. Chinatown entstand als Reaktion auf die Ausgrenzung durch die weiße Bevölkerung.

Ausgrenzung der Chinesen

„Die Chinesen haben dann ihr Viertel als Überlebensstrategie zu einem Disneyland, zu einer Touristenattraktion gemacht“, sagt Pleiger. Das „Chinesische Ausschlussgesetz“ von 1882 verweigerte den chinesischen Zuwanderern nicht nur die amerikanische Staatsbürgerschaft, sondern beschränkte sie auch auf wenige Berufsfelder wie das Betreiben von Restaurants und Wäschereien. „Das ist die Erklärung dafür, warum wir in Hollywoodfilmen immer den chinesischen Koch oder den chinesischen Wäscher sehen.“

Stattdessen holten weiße Farmer Japaner ins Land, die sie als Arbeitskräfte für die boomende Landwirtschaft brauchten. Als die japanischen Immigranten selbst Land kaufen wollten, wurde das 1913 gesetzlich verboten.

Die Diskriminierung von Amerikanern mit japanischen Wurzeln zeigte sich knapp 30 Jahre später, als sie nach dem japanischen Angriff auf Pearl Harbour interniert wurden: Ein Alptraum für eine ganze Generation von Amerikanern japanischer Abstammung.

Die Ausstellung klammert solche Kapitel nicht aus. Auch die heute führende Stellung der Stadt im Umwelt- und Klimaschutz gründe auf schlechten Erfahrungen in der Vergangenheit, meint Pleiger: „Die Bucht von San Francisco ist bis heute mit Quecksilber verseucht, weil man während des Goldrauschs mit Quecksilber Gold gelöst hat.“

Eine andere Schattenseite der Traumstadt ist die weit verbreitete Obdachlosigkeit aufgrund der enorm hohen Mieten und Hauspreise. Und doch: „San Francisco bleibt eine sehr mutige Stadt“, bilanziert Pleiger. „Gerade was das Thema Migration angeht, bleibt sie Vorreiter und Impulsgeber.“ dpa/epd

Zahlreiche Objekte, Gemälde und Fotografien

Die Ausstellung „California Dreams. San Francisco – ein Porträt“ ist in der Bundeskunsthalle in Bonn bis 12. Januar zu sehen. Die Schau zeigt zahlreiche historische und ethnologische Objekte sowie Gemälde, Fotografien und Filmmaterial.

Die Bundeskunsthalle (Friedrich-Ebert-Allee 4, 53113 Bonn) ist dienstags und mittwochs von 10 bis 21 Uhr geöffnet, donnerstags bis sonntags von 10 bis 19 Uhr.

Internet www.bundeskunsthalle.de
www.kunstsammlung-bund.de