Berlin / Christoph Müller Andrea Breth inszeniert Yasmina Rezas Beziehungskisten-Studie „Drei Mal Leben“ am Berliner Ensemble.

Das macht ihr heute leider niemand mehr nach: eine videofreie Schauspielinszenierung, die sich ausschließlich über ihre Darsteller definiert. Eine Aufführung, die den Inhalt des Stückes psychologisch erfasst und seine Sprache aufs Genaueste beim Wort nimmt. Andrea Breth ist, das muss man wohl sagen, in dieser Art die letzte ihrer Zunft. Als Seelenverwandte von Luc Bondy hat sie nun beim Berliner Ensemble Yasmina Re­zas frühes Meisterwerk „Drei Mal Leben“ zu neuem Glanz verholfen.

Bondy hat dieses wohlstandsbürgerliche Vexierspiel vor 20 Jahren am Wiener Akademietheater uraufgeführt mit einer Besetzung, von der man heute nur noch träumen kann: Susanne Lothar, Andrea Clausen, Sven-Eric Bechtolf und Ulrich Mühe als die vier unter Alkohol erbarmungslosen Streiter ums Rechthabenwollen und Demütigen des jeweiligen Sparringspartners. Es geht um nicht weniger als um das richtige Leben im falschen, aber herauskommt dabei das falsche Leben im richtigen.

Früher hätte man gesagt, Yasmina Reza habe damit nur „Edelboulevard“ verfertigt. Noch früher hätte man es eher eine „Tragikomödie“ genannt. Heute ordnet man es ein als nur allzu wirklichkeitsgetreue Beziehungskisten-Studie von hier und heute: Untiefen und Abgründe des nicht mehr aussteuerbaren großstädtischen Zusammenlebens auf der Basis von brutalem Karrieren-Streben und Freundschafts-Heuchelei. Rezas Paris kann man spiegelbildlich als Berlin-Mitte (nach)empfinden. Die Berliner Inszenierung jedoch setzt die sich bekriegenden vier Eheleute in dreifach gesplitteter Möglichkeitsform ortlosem Funzellicht aus und lässt alles zwischen herumgeschobenen Sofa-Ecken absichtsvoll ins symbolisch Leere treiben.

Galante Frauenversteher

Nico Holonics und August Diehl, nicht gerade galante Frauenversteher, sind beim Ausspielen ihrer Macken auffallend bewegungsaktiv: Der eine lässt beim Sitzen stets nervös den Schuh am rechten Bein kreisen, der andere schiebt genießerisch seine Zunge wie ein Frosch ballonbildend von einer Kinnbacke in die andere. Umgekehrt die Frauen: Constanze Becker beobachtet und belauert das wilde Geschehen aus verachtungsvoller Stille, Judith Engel schwankt und wankt derweil alkoholisiert von einem Männerschoß in den andern. Erst zum Schluss kann man zumindest beim einen Ehepaar Versöhnungswillen und Einsamkeits-Melancholie wahrnehmen – aber ob das dann wirklich wahr und haltbar ist beim falsch-richtigen und richtig-falschen Leben allein oder gar zu zweit? Christoph Müller