Berlin / dpa Brad Mehldau veröffentlicht fast zeitgleich zwei neue Platten: Eine mit Band und eine Solo-Suite.

Mit unzähligen Alben als Solist, Band-Frontmann oder Teamplayer und auch als Live-Musiker hat Brad Mehldau den Piano-Jazz in den vergangenen 25 Jahren auf eine höhere Stufe gehoben. Seine enorme Bandbreite beweist der 1970 in Jacksonville/Florida geborene Künstler auch auf zwei fast zeitgleich erscheinenden neuen Alben. Sie zeigen den mit seiner Familie in New York und Amsterdam lebenden Mehldau mal von seiner lässig swingenden Seite, mal als in sich versunkenen Sinnsucher.

Mit „Round Again“ knüpft der 49-Jährige bei einer frühen Phase seiner Karriere an, im Jahr 1994, als er Mitglied im Quartett des Saxofonisten Joshua Redman war. Die Musiker – neben Redman und Mehldau der Bassist Christian McBride und der Schlagzeuger Brian Blade – sind inzwischen Jazz-Ikonen, bei ihrem zweiten gemeinsamen Album bilden sie jetzt eine veritable „Supergroup“ des Genres. Die „Round Again“-Sessions sind ein Musterbeispiel für hochklassigen Jazz im Bandformat: gegenseitiger Respekt, Lust an der Improvisation, Virtuosität ohne Ego-Trips. Es ist eine vor Energie und Spielfreude sprühende Wiedervereinigung.

Jazz für die Pandemie

Ganz anders, nämlich als einsamer Klavier-Melancholiker, präsentiert sich Mehldau auf „Suite: April 2020“, seinem von der Corona-Krise beeinflussten Soloalbum. „Es ist eine Suite von zwölf kurzen Stücken und drei Coverversionen“, beschreibt Mehldau lakonisch die 15 hochkonzentriert eingespielten Tracks. Seine Eigenkompositionen schildern mit Titeln wie „Waking Up“, „In The Kitchen“, „Uncertainty“ oder „Family Harmony“ offenkundig Erlebnisse in der Isolation.

Mit den beiden Werken erweist sich Mehldau als eine der faszinierendsten Persönlichkeiten des Jazz. Dass er einst massive Drogenprobleme hatte, kann man sich heute kaum noch vorstellen. Er hat inzwischen mit den größten Kollegen – von Pat Metheny über Charlie Haden bis zu Mark Guiliana – gespielt, leitet ein eigenes Trio, wagt ohne Furcht vor Genregrenzen Ausflüge in die klassische Musik oder auch den Pop. Werner Herpell