Stuttgart / Wilhelm Triebold  Narr des Glücks: Egon Madsen haucht im Stuttgarter Theaterhaus Shakespeares berühmter Figur neues Leben ein.

Am Sprechtheater ist es die Altersrolle schlechthin, die Krönung eines Schauspielerlebens. Jeder Großmime, der was auf sich hält, möchte sie irgendwann spielen. 

Der greise Lear, der sein Königreich zu Lebzeiten den Töchtern überschreibt und danach dem Verfall entgegendämmert, ist vielleicht Shakespeares tragischste und vielschichtigste Figur. Wenn Stuttgarts Ballettstar Egon Madsen, einer aus der legendären Cranko-Crew, diesen rätselhaften König ohne Land mithilfe des Choreografen Mauro Bigonzetti in den Tanz überführt, vermeidet er logischerweise große Worte. Horcht lieber in sich hinein, murmelt und mummelt Satzfetzen vor sich hin, lauscht wie Becketts Krapp lieber drei letzten Tonbändern mit den bösen Statements der missratenen Töchter-Brut.

Solist Madsen macht das inmitten eines Bühnenbilds aus Kisten und Koffern wunderbar. Ein ungläubig Verquälter, sich das nachlassende Hirn zermarternd, der die Sprachgewalt allerdings nicht mehr braucht, wo er doch den Körper einzusetzen vermag. Denn das macht letztendlich Tanz aus: nicht allein Bewegung, sondern innerer Ausdruck, der nach außen drängt.

Kindliches Leuchten im Gesicht

Madsen braucht nur wenige Requisiten. Einen ornamentalen Stuhl als Thronersatz. Einen Morgenmantel als Königsornat. Ein Zepter und eine Gummi-Krone, Narren- und Tarnkappe zugleich. Setzt er sie auf, überzieht ein kindliches Leuchten das verwitterte Gesicht: „Ich bin ein Narr des Glücks“.

Bei Gauthier Dance am Theaterhaus, dem er seit bald 13 Jahren treu bleibt, hat Egon Madsen schon als „Don Q“ eindrücklich den Ritter von der traurigen Gestalt gegeben. Nun liefert er als sterbender König von noch traurigerer Gestalt ein weiteres Altmeisterstück par excellence ab, das nach der Premiere nicht nur von seiner langjährigen Stuttgarter Ballett-Partnerin Marcia Haydée, sondern vom ganzen Saal mit stehenden Ovationen gefeiert wurde. Wilhelm Triebold

Info Weitere Vorstellungen von „Egon King Madsen Lear“ im Theaterhaus vom 22. bis 25. Januar und im März.