Richard Gärtner, 78 Jahre alt, körperlich völlig gesund, hat den unbedingten Wunsch zu sterben. Nach dem Tod seiner geliebten Frau bedeutet ihm das Leben nichts mehr. Und er will nicht irgendwann ins Krankenhaus, nicht an Schläuchen hängen, „ich will nicht aus dem Mund sabbern, und ich will nicht dement werden“.

Er könnte in die Schweiz fahren, um sich einer Organisation anzuvertrauen. Oder, grauenhafte Vorstellung, sich vor einen Zug werfen. Aber er bittet seine Ärztin um eine tödliche Dosis Natrium-Penobarbital – und ist mit seinem Anliegen an die Öffentlichkeit gegangen, zum Deutschen Ethikrat: „Ich will, dass man Menschen wie mir hilft. Ich will sterben, und das ist nicht amoralisch, egoistisch oder krank.“

Das Bundesverfassungsgericht hat erst im Februar in einem Grundsatzurteil die Rechte von Menschen wie Richard Gärtner garantiert, deren Selbstbestimmung gewürdigt. In Deutschland ist damit die Sterbehilfe sehr liberal geregelt. Ein Arzt darf einem Menschen beim Suizid helfen. Und doch: „Die ethische Frage bleibt. Sie lautet: Soll ein Arzt einem Menschen dabei helfen?“

Damit eröffnet die Vorsitzende des Ethikrats die Sitzung – und damit beginnt das neue Theaterstück „Gott“ von Ferdinand von Schirach. Der Strafverteidiger und Bestsellerautor verhandelt das Sterben: Wem gehört unser Leben? Darf ein Mensch entscheiden, wie er sterben will? Ist das unsere letzte Freiheit?

„Terror“ war ein Publikumshit

Ferdinand von Schirachs großes Thema ist die Menschenwürde. Mit seinem 2015 uraufgeführten Theaterstück „Terror“ machte er die Zuschauer zu Schöffen. Ein Bundeswehrpilot schießt ein entführtes Flugzeug ab, das Kurs genommen hat auf ein Fußballstadion – und rettet vermutlich 70 000 Menschenleben. Jetzt ist er angeklagt des Mordes an den 164 Passagieren der Boeing. Darf Leben mit Leben verrechnet werden? Die Bühne als Gerichtssaal, die Zuschauer stimmen ab: schuldig oder nicht schuldig?

„Terror“ zählt zu den erfolgreichsten Dramen unserer Zeit. Und der 56-jährige Autor ist zu einer intellektuellen Stimme der Vernunft aufgestiegen, auch dank seiner philosophischen Gespräche mit Alexander Kluge. Besser gesagt: Schirach tritt nicht als Meinungsmacher auf, er liefert in brillant klarer Sprache das Material für Debatten.

Ob „Gott“, sein neues Stück, tatsächlich eine theatralische Kraft entwickelt, ob die Figuren Charakterpotenzial haben, sei dahingestellt. Das müssen die Bühnen realisieren, die mit diesem Text ein aktuelles, brisantes Thema der Zeit aufgreifen können. „Gott“ liegt aber auch als Buch vor: eine sehr lohnende Lektüre (im Anhang sind zudem Essays von drei namhaften Wissenschaftlern abgedruckt).

In „Gott“ wird nun keine Strafsache vor Gericht verhandelt. Niemand ist angeklagt. Der Ethikrat aber diskutiert vor Publikum – wir alle sind angesprochen und sollen am Ende auf diese Frage antworten: „Halten Sie es für richtig, dass Herr Gärtner Pentobarbital bekommt, um sich töten zu können?“

Laut Bundesverfassungsgericht macht es keinen Unterschied, ob ein gesunder Mensch oder ein Todkranker sterben möchte. Und der Arzt könne beim Suizid helfen, sei aber nicht dazu verpflichtet, führt die Vorsitzende aus. Der Gesetzgeber werde noch Regeln aufstellen, die Missbrauch verhindern und den freien Willen prüfen. Aber es gebe noch viele Fragen. Die Vorsitzende differenziert sie und stellt sie nicht abstrakt. Etwa: „Würden Sie es tun, wenn Sie Arzt wären? Herr Gärtner ist 78. Würden Sie das Medikament einer 30-jährigen Frau geben?“

Provozierender Anwalt

Neben der Vorsitzenden und Richard Gärtner hat von Schirach folgende Rollen in seinem Stück vergeben: die Ärztin Gärtners, dessen Anwalt Biegler sowie ein Mitglied des Ethikrats, eine Frau Dr. Keller, welche die Befragung übernimmt. Drei Sachverständige sind geladen: die Verfassungsrechtlerin Litten, Professor Sperling aus dem Vorstand der Bundesärztekammer sowie der katholische Bischof Thiel.

So werden Standpunkte, Statistiken, Fakten vermittelt. Frau Keller positioniert sich gegen die Sterbehilfe und argumentiert gesellschaftlich: Da wir nun einmal soziale Wesen seien, „ist es unerlässlich, dass wir dem Sterbewilligen nicht helfen, sich zu töten, sondern dass wir ihm in den Arm fallen und versuchen, ihn davon abzuhalten“. Stehe nicht mancher Sterbewillige auch unter dem Druck, seinen Angehörigen lästig zu werden? Und wo seien die Grenzen? Bald werde über die Tötung auf Verlangen diskutiert, dann sei es nur noch ein kurzer Weg bis zur Tötung ohne Verlangen, einer Tötung nach dem mutmaßlichen Willen des Individuums, den dann Juristen, Ärzte und Angehörige auslegen: die Euthanasiemorde der Nationalsozialisten als höllisches Beispiel aus der Geschichte.

Anwalt Biegler wiederum treibt die Debatte an, provozierend, harsch. Zum regelrechten Duell entwickelt sich sein Disput mit dem Bischof. Der glaubt an das Leben, das heilig sei, weil es in Beziehung zu Gott stehe. Und er verweist auf das „Wächteramt“ der Kirche. Der Anwalt aber greift deren Autorität an, auch angesichts der jüngsten Fälle von Kindesmissbrauch unter Priestern sei die Kirche nicht glaubwürdig in moralischen Fragen.

Es ist ja kein Zufall: „Gott“ ist der Titel des Stücks. Schirach, der Jurist, zielt auf die Theologie. Ist Gott tatsächlich der Herr über Leben und Tod, ist der assistierte Suizid eine Sünde? Der Bischof, in die  Enge getrieben, erzählt von einer jungen Frau, die schuldlos ein Kind überfahren hat. Daran ist sie seelisch zerbrochen, sie will sterben. „Die moderne Gesellschaft glaubt, im Glück liege der Sinn des Lebens, und nur der Mensch sei ganz frei, der auch über seinen Tod entscheidet“, führt er aus: Er aber glaube an Jesus Christus, an den Mann, der das Kreuz auf sich genommen hat. Der Glaube verlange uns ab, das Leben mit all seinem Leid bis zum Ende zu ertragen und daraus einen Sinn zu schöpfen.

Richard Gärtner aber will das Medikament, das sein Leben beendet. „Jede Moral, jede Religion und jede Weltanschauung, die mir das verbietet, ist falsch.“ Wer widerspricht? Das ist Debattenstoff.

Uraufführung in Berlin und Düsseldorf


Auf zwei Bühnen, mit zwei verschiedenen Inszenierungen, ist Ferdinand von Schirachs neues Theaterstück „Gott“ am Donnerstagabend uraufgeführt worden. Am Berliner Ensemble tritt in der Regie von Intendant Oliver Reese der Ethikrat vor holzvertäfelter Kulisse zusammen – Elisabeth Gärtner (Josefin Platt) bringt ihr Anliegen vor; fast alle Rollen, so von Schirach, können von Frauen oder Männern gespielt werden. Die Figuren stehen in einer Art Gerichtssaal, Martin Rentzsch spielt den Anwalt, der mit Verweis auf sexuellen Missbrauch die katholische Kirche angreift, und Judith Engel gibt eine Sachverständige, die selbstsicher eine Zahl nach der nächsten raushaut. Im Düsseldorfer Schauspielhaus wird die Geschichte von Richard Gärtner (Wolfgang Reinbacher) verhandelt. Regisseur Robert Gerloff nutzt in seiner Inszenierung Videosequenzen. Stimmen aus dem Off wiederholen Schlüsselsätze aus dem Gewirr der Argumente. Am Ende kommt fast Komik auf, als ZDF-Nachrichtenmoderatorin Gundula Gause in einer Filmsequenz auftritt und den Bericht über „die öffentliche Sitzung des Ethikrats“ ankündigt.

Soll also ein Arzt auf Wunsch ein tödliches Mittel verabreichen? Wie ist die Abstimmung des Publikums ausgefallen? In Berlin gehen erst zögerlich Hände nach oben, die Schauspieler schätzen, eine Mehrheit der Zuschauer sei dafür. In Düsseldorf fällt das Ergebnis genauer aus. 50 Stimmen für Beihilfe zum Suizid und 17 dagegen. dpa